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Novartis: Stellenabbau mit Folgen

Der Abbau eines bedeutenden Teils der Kapazitäten im grössten Produktionswerk des Pharmakonzerns in Stein bleibt nicht ohne Folgen für die Schweizer Handelsbilanz.
Daniel Zulauf
Auch am Produktionsstandort Basel will Novartis Stellen abbauen. (Bild: Pius Amrein, 27. November 2017)

Auch am Produktionsstandort Basel will Novartis Stellen abbauen. (Bild: Pius Amrein, 27. November 2017)

Novartis hat am Dienstag mit der Ankündigung des grossen Stellenabbauprogrammes die ganze Schweiz aufgeschreckt. Nicht zufällig hatte das Unternehmen vorgängig auch Noch-Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann informiert. Der Verlust von 2150 Stellen ist nicht nur absolut gesehen ein trauriger Rekord.

Für die Schweiz ist der Kahlschlag umso bitterer, als die Pharmaindustrie eine überragende volkswirtschaftliche Bedeutung für das Land besitzt. Mit gegen 30 Milliarden Franken oder rund 4,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes hat die Bruttowertschöpfung der Pharmabranche etwa jene der Banken erreicht – allerdings mit 60 Prozent weniger Beschäftigten. Die durchschnittliche Bruttowertschöpfung eines Pharmamitarbeiters in der Schweiz beträgt fast 650000 Franken pro Jahr – weit mehr als in jedem anderen Industriezweig. In dieser Pro-Kopf-Betrachtung ist der Pharmasektor der mit Abstand grösste Wohlstandsbringer der Schweiz.

Ein Stich ins Schweizer Wirtschaftsherz

Grund genug also, den jüngsten Zug von Novartis noch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In einer kleinen Gemeinde am Rhein, unweit von Basel, betreibt Novartis das grösste Produktionswerk mit aktuell 1670 Mitarbeitern. Dessen Bestand soll nach den vorliegenden Plänen um 700 Mitarbeiter oder rund 40 Prozent verringert werden. Stein ist aber die wahrscheinlich grösste Exportmaschine der Schweiz. Novartis verantwortet nach eigenen Angaben 13,6 Prozent aller Warenausfuhren aus der Schweiz. Der grösste Teil davon entfällt auf das Werk in Stein.

Was geschieht nun mit dem Schweizer Aussenhandel, wenn diese Maschine teilweise still­gelegt wird? Zu erwarten wäre ein signifikanter Rückgang der Exporte. Doch Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich winkt ab. «In den Exportzahlen erwarte ich keine grosse Veränderung, dafür aber bei den Importzahlen», sagt er. Die überraschende Prognose des erfahrenen Forschers hat ihren Grund im Geschäftsmodell der Pharmabranche. Die Industrie importiere viele eigene Produkte von Tochterunternehmen im Ausland zu tiefen Preisen, um sie in der Schweiz zu konfektionieren und zu deutlich höheren Preisen in die Endmärkte im ­Ausland zu exportieren, erklärt Abrahamsen. Das Motiv für diesen Umwegverkehr ist klar: Die Gewinnsteuern liegen in der Schweiz deutlich unter dem Niveau der meisten anderen Länder. Die Industrie spart also viel Geld. Steueroptimierungsstrategien von Unternehmen sind ­vielen Politikern ein Dorn im Auge, weshalb die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Auftrag der G20-Länder eine international koordinierte Gegenstrategie unter dem Namen «Base Erosion and Profit Shifting» (Beps) ausrollt. Ganz unberechtigt sei die Steueroptimierungspolitik der Schweizer Pharmabranche trotzdem nicht, gibt Abrahamsen zu bedenken. Immerhin hätten die Firmen, ­allen voran Novartis und Roche, einen grossen Teil ihrer Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Schweiz getätigt. Sie versuchten sich dafür schadlos zu halten, in dem sie die Marge in diesem Fall in der Schweiz aufschlügen, sagt Abrahamsen.

Die Richtung ändern könnten der grenzüberschreitende Medikamentenfluss dann, wenn die geplante Schweizer Unternehmenssteuerreform zum Fliegen kommt und die von der EU und von den G20-Ländern seit langem scharf kritisierten Steuerprivilegien für Holding- und Sitzgesellschaften in den Kantonen abgeschafft werden müssen. Dann werden die Pharmafirmen ihre Produkte nicht mehr über die Schweiz reexportieren müssen. Vielmehr können sie sich ihre hiesigen Forschungsaufwendungen dann in einer «Box» steuerlich privilegiert über Lizenzgebühren finanzieren lassen. Bis dahin werden aber noch einige Jahre ins Land ziehen. In dieser Zeit würden die zunehmenden Importe bei gleichzeitig unveränderten Exporten dazu führen, dass der notorisch hohe Handelsbilanzüberschuss der Schweiz kleiner werde, erklärt Abrahamsen. Im aktuell aufgeheizten Umfeld, in dem Handelsstreitigkeiten das wirtschaftspolitische Klima zwischen den Ländern rund um die Welt vergiftet, dürften die Schweizer Handelsdiplomaten und die für ihre Wechselkurspolitik oft gescholtene Nationalbank darüber insgeheim sogar froh sein.

An jeder Arbeitsstelle hangen zusätzliche Jobs

Ungeachtet davon bleibt der Personalabbau aber ein Stich ins Herz der Schweizer Wirtschaft. Umso mehr, als dieser in seiner volkswirtschaftlichen Wirkung sogar noch weit über die 2150 Stellen hinausgehen können. Der Branchenverband Interpharma rechnet vor, dass jede in der ­Pharmabranche geschaffene Vollzeitstelle 4,2 zusätzliche Arbeitsplätze in anderen Wirtschaftszweigen erzeugt. Nach Adam Riese würde der Stellenabbau bei Novartis somit insgesamt rund 9000 Arbeitsplätze kosten.

Kommt hinzu, dass der Durchschnittslohn in der Pharmabranche mit 139000 Franken pro Jahr fast 50 Prozent über dem Niveau der anderen Branchen liegt. Allerdings wird Novartis auf den Umstand verweisen wollen, dass sich die Löhne der geopferten Produktionsjobs in der Schweiz und in Grossbritannien eher unter dem Durchschnittsniveau bewegen und dass die erwähnte Multiplikatorlogik in der Generierung von Arbeitsplätzen in anderen Branchen bei Produktionsjobs weniger ausgeprägt zum Tragen komme als die Interpharma-Studie suggeriert. Freilich pflegt Interpharma auf solchen, durchaus berechtigten Differenzierungen nicht zu bestehen, wenn es darum geht, die Pharmabranche zum Zweck des politischen Lobbyings noch grösser zu rechnen, als sie es ohnehin schon ist.

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