Swiss Economic Forum
Stellenabbau trotz guter Wirtschaftsaussichten: Zeichnet Doris Leuthard die Lage zu schön?

Die Befindlichkeit der Schweizer Unternehmen könnte unterschiedlicher nicht sein. Das zeigt sich am Swiss Economic Forum. Obwohl die Aussichten positiv sind, reissen Meldungen über Stellenabbaus nicht ab. Mitten in dieser Divergenz steckt auch Bundespräsidentin Doris Leuthard.

Patrik Müller, Interlaken, und Daniel Zulauf, Zürich
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Bundespräsidentin Doris Leuthard und Moderator Urs Gredig haben am Donnerstag das Swiss Economic Forum in Interlaken eröffnet.
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Leuthard und NZZ-CEO Veit Dengler.
Die Bundespräsidentin sprach zum Auftakt von den positiven Wirtschaftsprognosen.
Moderatorenpaar: Urs Gredig und Susanne Wille. Zu diesem Bild sollte man wissen, dass das diesjährige Motto "Live the Wild" lautet.
Der britische Historiker und Schriftsteller Timothy Garton Ash hatte ebenfalls einen Auftritt am ersten Tag.

Bundespräsidentin Doris Leuthard und Moderator Urs Gredig haben am Donnerstag das Swiss Economic Forum in Interlaken eröffnet.

PETER SCHNEIDER

Gute Konjunkturprognosen – und gleichzeitig Schlagzeilen über Stellenabbau. Dieses Bild zeigte sich auch am Donnerstag: «Die Wirtschaftsprognosen für 2017 und 2018 sind grundsätzlich positiv», sagte Bundespräsidentin Doris Leuthard bei der Eröffnung des Swiss Economic Forum in Interlaken, wo sich die Spitzenvertreter der Schweizer Wirtschaft und viele KMU-Unternehmer treffen. Leuthard verwies auch darauf, dass unser Land in den Standort-Rankings ganz oben platziert sei, wenngleich es bei der Digitalisierung Aufholbedarf gebe.

Gleichentags kam die Meldung aus Zug: Das Traditionsunternehmen Landis+Gyr baut 60 Stellen ab und verlagert Jobs nach Osteuropa. Anfang Woche gingen sogar 130 Arbeitsplätze verloren – bei der Ammann-Gruppe in Langenthal BE, dem Unternehmen der Familie von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Der Verwaltungsratspräsident der Ammann-Gruppe, Christoph Lindenmeyer, wollte sich am Rand des Swiss Economic Forum zum Abbau nicht äussern, in seiner Eigenschaft als Vize-Präsident des Industrieverbands Swissmem sagte er aber zum Zustand der Industrie: «Die Lage ist extrem unterschiedlich. Wir sehen gleichzeitig Unternehmen, die boomen, und solche, die in einer existenziellen Krise stecken.» Noch selten sei die Schere so weit auseinandergegangen (siehe auch die Umfrage mit vier Wirtschaftsführern).

Insgesamt entspricht die Stimmungslage am Wirtschaftsgipfel in Interlaken nicht der euphorischen Schlagzeile, die die «NZZ am Sonntag» kürzlich auf ihrer Titelseite brachte: «Die Schweizer Wirtschaft blüht auf.» KMU-Vertreter, mit denen die «Nordwestschweiz» sprach, äussern sich zurückhaltend. «Durchzogen» ist eines der Wörter, das man am häufigsten hört. Und diejenigen, denen es gut geht, warnen vor politischen Unvorhersehbarkeiten: Trump, Brexit und die noch nicht ausgestandene Schuldenkrise werden genannt. «Es sind Unsicherheits-Faktoren wie diese, die viele Unternehmen daran hindern, Investitionen zu tätigen», sagt Patrik Gisel, Chef der Raiffeisen.

Doris Leuthard für EU-Annäherung

Doris Leuthard betonte in ihrer Rede, der Bundesrat tue sein Möglichstes, um den Firmen gute Rahmenbedingungen zu sichern: Im Verhältnis zur EU, dem wichtigsten Absatzmarkt, strebe er ein institutionelles Rahmenabkommen an. Das sei wichtig, um den erfolgreichen bilateralen Weg fortzuführen. Ein so deutliches Votum für das umstrittene Rahmenabkommen hörte man von Leuthard noch kaum je. «Ich weiss, dass das vielen von Ihnen Bauchweh macht», sagte sie, «aber warten Sie zuerst ab, wie es genau aussieht.» Die KMU-nahe SVP bekämpft das Rahmenabkommen, aber auch die Wirtschaftsverbände sind skeptisch.

Die neusten Konjunkturdaten überraschten die Forums-Teilnehmer in Interlaken eher negativ. Die am Donnerstag veröffentlichten Wachstumszahlen liegen unter den (von Leuthard erwähnten) Prognosen: In den ersten drei Monaten 2017 hat die in Franken gemessene, preisbereinigte Wirtschaftsleistung im Vergleich zum vierten Quartal 2016 nur um 0,3 Prozent zugenommen. Die Ökonomen hatten im Mittel mit einem Wachstum von 0,5 Prozent gerechnet. Im Jahresvergleich expandierte die Wirtschaft um 1,1 Prozent, was eine Abflachung der ohnehin bescheidenen Dynamik bedeutet.

Im Vergleich mit den EU-Ländern belegt die Schweiz in puncto Wachstum den zweitletzten Rang vor Italien. Nur das vom tiefen Erdölpreis geplagte Norwegen kommt noch langsamer voran.

Pro Kopf kein Wachstum

Das niedrige Wachstum ist für die Schweiz eine besonders schlechte Nachricht, denn die Zuwanderung bewegt sich immer noch auf einem relativ hohen Niveau. Pro Kopf gerechnet fällt für den einzelnen Einwohner im Durchschnitt kein Wohlstandsgewinn an.
Während sich die Exporte nach einer langen Durststrecke wieder zu erholen scheinen und der Konjunktur positive Impulse verleihen, mutiert der private Konsum von seiner früheren Rolle als Zugpferd zunehmend zum Bremsklotz der Wirtschaft. Im Berichtsquartal haben sich die Konsumausgaben nur noch um 0,1 Prozent zum Vorquartal erhöht. Das Wachstum liegt gemäss Seco «deutlich unter dem langjährigen Mittel».

Warnsignale kommen auch vom Arbeitsmarkt. Während die Arbeitslosenraten in Europa teilweise deutlich rückläufig sind, verharrt die Quote in der Schweiz auf dem Niveau von 3,3 Prozent. Nicht auszuschliessen ist zudem, dass die extreme Negativzinspolitik der Nationalbank den Konsum bremst. Zwar müssten tiefe Zinsen nach Theorie eine Belebung des Konsums bewirken, doch die Negativzinsen belasten inzwischen das Schweizer Vorsorgesystem in einem Mass, dass manch einer auf die Idee kommen könnte, mit Blick auf das Alter auch privat etwas mehr Geld zur Seite zu legen.

Auf die Tiefzinsen kam am Donnerstag in Interlaken auch Bundespräsidentin Doris Leuthard zu sprechen. Sie überraschte mit der Ankündigung: «Der Bundesrat diskutiert, ob wir in dieser Situation mit den tiefen Zinsen nicht investieren sollten.» Denn die Schulden des Bundes seien gesunken, ebenso die Staatsquote. Offenbar ist denkbar, dass der Bund nun den Schuldenabbau stoppt – und investiert, wie die Infrastrukturministerin andeutete. Das wäre ein Paradigmenwechsel.