STIMMRECHT: Wo sind all die Schweizer Aktionäre?

Bei Nestlé, Novartis, Zurich & Co. hätten Schweizer Aktionäre ein gewichtiges Wort mitzureden. Stattdessen gewinnen Investoren wie Blackrock an Einfluss.

Daniel Zulauf
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Aktionäre warten auf Einlass vor der Generalversammlung der UBS in Basel. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone (4. Mai 2017))

Aktionäre warten auf Einlass vor der Generalversammlung der UBS in Basel. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone (4. Mai 2017))

Daniel Zulauf

Die Generalversammlungen der Schweizer Publikumsgesellschaf­ten werden Jahr für Jahr ein bisschen intimer. Vergangene Woche versammelten sich 1649 Aktionäre der Zurich Insurance Group zum jährlichen Treffen im Zürcher Hallenstadion. Vor fünf Jahren waren es noch 2232 Personen gewesen.

Die Entwicklung entspricht einem generellen Trend. Doch es gibt auch ein gegensätzliches Verlaufsmuster: Betrachtet man die auf den Generalversammlungen vertretenen Aktienstimmen, ­gewinnt das Forum laufend an Bedeutung. An der glanzvollen Wahl des neuen Zurich-Verwaltungsratspräsidenten Michel Liès waren in der vergangenen Woche mehr als 68 Prozent aller stimmberechtigten Aktien beteiligt. 2013 lag die Präsenz noch bei rund 58 Prozent.

Stimmzwang für Schweizer Pensionskassen

Mindestens teilweise lässt sich die höhere Beteiligungsquote mit dem Stimmzwang für Schweizer Pensionskassen erklären. Diesen erwirkte der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder 2013 mit seiner Abzocker-Initiative. Bei der Zurich ist die Quote der am Tag der Generalversammlung registrierten und damit stimmberechtigten Aktien im Fünfjahresvergleich um gegen 5 Prozent ­gestiegen. Im genau gleichen Ausmass hat auch die Zahl der registrierten Schweizer Aktionäre zugenommen.

Inzwischen liegen bei dem Versicherungskonzern wieder fast 50 Prozent der unterjährig im Aktienbuch eingetragenen Beteiligungstiteln in Schweizer Händen. Die Zahl lässt zwar nur bedingt eine Aussage über die Stimmkraft der Schweizer Aktionäre zu, weil insbesondere angelsächsische Investmentfonds ihre Titel aus technischen Gründen häufig nur auf den Zeitpunkt der Generalversammlung registrieren lassen. Doch selbst wenn man annehmen würde, dass sich alle unterjährig nicht registrierten Aktien (46 Prozent im Fall ­Zurich) in ausländischem Besitz befänden – was natürlich nicht der Fall ist – , hätten die Schweizer Aktionäre einen Anteil von mehr als einem Viertel aller Aktienstimmen.

Ein Viertel des Aktienkapitals genügt in der Regel, um eine Generalversammlung zu beherrschen. Würden alle Schweizer Aktionäre mit einer Stimme sprechen, wäre die Zurich also klar in Schweizer Hand. Die gleiche Feststellung mit auffallend ähnlichen Zahlen lässt sich auch bei vielen anderen Schweizer Grossunternehmen machen. Beim Pharmakonzern Novartis besitzen Schweizer Aktionäre mindestens 30 Prozent der Stimmen, bei Swiss Re sind es 29 Prozent, bei Swiss Life 25 Prozent, und selbst bei Nestlé sind es noch 20 Prozent. Bei den Grossbanken liegen die Anteile tiefer. Aber auch dort bewegen sie sich noch zwischen 10 Prozent und 20 Prozent. Und bei allen untersuchten Firmen gilt: Die Schweizer stellen die grösste Aktionärsgruppe dar, wenn man die Eigentümer nach Herkunft kategorisiert.

Institutionelle Aktionäre zeigen geringes Interesse

Mit Blick auf die Grösse und die Internationalität der besagten Unternehmen ist das Gewicht der heimischen Aktionäre erstaunlich hoch. Daran ändert auch der Umstand wenig, dass manche in der Schweiz domizilierten Anlagefonds auch mit ausländischem Geld wirtschaften und trotzdem als Schweizer Aktionäre gelten. Schliesslich besitzen Schweizer Investoren auch Anteile an britischen oder amerikanischen Fonds.

Eine schweizerische Aktionärskultur, wie sie in der Form bestimmter Präferenzen beispielsweise zu sozialen, ökologischen oder auch finanziellen Zielsetzungen mindestens vorstellbar wäre, existiert aber nicht. Es ist kein Zufall, dass die Schweizer Pensionskassen Thomas Minder in dessen langem Kampf für mehr Aktionärsrechte kaum aktiv unterstützten. Institutionelle Aktionäre aus der Schweiz haben traditionell kein sonderlich grosses Interesse an ihren Stimmrechten. Diese Erfahrung musste vor 25 Jahren schon der Schwyzer Financier Martin Ebner machen, als er im Kampf um die Macht bei der Schweizerischen Bankgesellschaft den Kürzeren zog, weil der Verwaltungsrat ziemlich frei über viele Stimmen von (passiven) Schweizer Aktionären verfügen konnte. Diese Einstellung der Schweizer Pensionskassen zu ihren Stimmrechten hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Umfragen der auf Governance-Themen spezialisierten Beratungsgesellschaft Swipra belegen dies regelmässig. Geschäftsführerin Barbara Heller sagt, institutionelle Investoren und Pensionskassen aus der Schweiz würden dem Stimmrecht eine relativ geringe Bedeutung beimessen. So wie diese Haltung Firmenchefs einst freute, gibt sie ihnen heute Grund zum Ärger.

Es seien in erster Linie Schweizer Pensionskassen und andere institutionelle Aktionäre, die den Empfehlungen professioneller Stimmrechtsberater unkritisch folgen und die Unternehmen so teilweise in Nöte brächten, weiss Heller. Sie hält die Empfehlungen der Berater aber für problematisch, weil sie auf Formalismen und internationalen Standards beruhten, die den spezifischen Erfordernissen der hiesigen Firmen nicht gerecht würden. Und Swipra spiegelt die Sicht der Unternehmen. Die Agentur wurde einst als Konkurrenz zu der als Managerschreck bekannt gewordenen Stimmrechtsberaterin Ethos gegründet.

Blackrock-Fonds kaufen ganze Märkte

Anders machen es Grossinvestoren wie Blackrock. Der weltgrösste Vermögensverwalter aus Amerika hält in der Schweiz und ­vielen anderen Ländern stellvertretend für die eigene Kundschaft Beteiligungen von 3 Prozent und mehr an fast allen grösseren ­Gesellschaften. Und Blackrock-Chef Larry Fink ist dabei, eine eigene Aktionärskultur zu ent­wickeln – nolens volens, muss man sagen. Blackrock ist ein so ge­nann­ter Index-Investor. Die Blackrock-Fonds investieren nicht in einzelne Firmen, sondern kaufen ganze Märkte. Deshalb sind sie gezwungen, alle Titel eines bestimmten Index zu halten und können Präferenzen zwischen den Firmen nicht ausspielen. Aus diesem Grund sehen sich die Amerikaner in der Pflicht, sich stärker in die Firmen einzumischen, um die nicht immer deckungsgleichen finanziellen und ideellen Ziele der eigenen Kundschaft in Einklang zu bringen. Im Januar schrieb Fink in einem Brief an die Chefs der weltgrössten Unternehmen, die Gesellschaft erwarte, dass diese nebst finanziellen auch soziale Zwecke erfüllten.

Blackrock und andere ähnlich ausgerichtete Vermögensverwalter werden auch in den Schweizer Unternehmen die Governance zunehmend prägen, glaubt man bei Swipra. Was dies für die Zukunft bedeutet, bleibt vorerst unklar. Klar erscheint indes, dass die Schweizer Aktionäre trotz ihres hohen und zuletzt gestiegenen Stimmengewichts weiter an Einfluss verlieren, weil sie selber keine Kultur der Einflussnahme haben.