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Stimmrechtsberater verlieren an Einfluss

Die neue Harmonie zwischen Verwaltungsräten und Aktionären in der Schweiz ist zwiespältig. Stimmrechtsberatungsfirmen sind kritischer geworden – bewirken aber wenig.
Daniel Zulauf
Eine Generalversammlung des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Bild: Gaëtan Bally/Keystone (Lausanne, 7. April 2016)

Eine Generalversammlung des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé.
Bild: Gaëtan Bally/Keystone (Lausanne, 7. April 2016)

Das Verhalten professioneller Stimmrechtsberatungsfirmen ist in den vergangenen Jahren generell kritischer geworden. Das zeigen die Auswertungen der Abstimmungsergebnisse der diesjährigen Generalversammlungen der 100 grössten Schweizer Publikumsgesellschaften, wie sie die auf Governance-Analysen spezialisierte Zürcher Beratungsfirma Swipra seit einigen Jahren durchführt.

Mehr als 14 Prozent der Verwaltungsratsanträge haben die vier in der Schweiz wichtigsten Anbieter dieser Dienstleistung (darunter auch der führende US-Berater ISS) im vergangenen Jahr kollektiv abgelehnt – so viele wie noch nie. Bewirkt haben die sogenannten Proxy Advisors damit allerdings wenig. Der effektive Nein-Stimmen-Anteil in den Generalversammlungen ist kaum gestiegen. Diese Feststellung untermauert Swipra anhand der Abstimmungsergebnisse zum umstrittensten Thema der Managementvergütung. Im Mittel haben in diesem Frühjahr nur 13 Prozent der Aktionäre den Vergütungsbericht ihres Unternehmens zurückgewiesen – unwesentlich mehr als noch vor fünf Jahren, obschon die Ablehnungsrate von Ethos und ISS in dieser Zeit von rund 56 Prozent auf 58 Prozent beziehungsweise von unter 20 Prozent auf 42 Prozent gestiegen ist. «Institutionelle Investoren stützen sich zusätzlich zu Abstimmungsempfehlungen vermehrt auch auf eigene Governance- und Stimmrechtsrichtlinien», erklärt Swipra die erstaunliche Differenz.

Blackrock hält sich zurück

Swipra versteht unter institutionellen Investoren insbesondere auch grosse Vermögensverwalter, die das Geld ihrer Kunden indexnah beziehungsweise passiv anlegen. Die amerikanische Blackrock ist mit diesem Geschäftsmodell zum weltgrössten Fondsmanager aufgestiegen. Die Anlagepolitik der Firma besteht nicht aus der Auswahl einzelner Aktien, sondern aus der Selektion ganzer Märkte. Blackrock ist auch in der Schweiz ein Schwergewicht. Von den 40 Milliarden Franken an Dividenden, welche die 30 grössten Schweizer Publikumsgesellschaften in diesem Frühjahr an ihre Aktionäre abführten, gingen 1,3 Milliarden Franken oder mehr als 3 Prozent an die Blackrock-Kunden – sie sind damit die mit Abstand grössten Profiteure des helvetischen Dividendensegens.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass sich Blackrock bei Streitigkeiten zwischen einzelnen Aktionären und Unternehmen traditionell zurückhält und meistens die Position der Unternehmensführung unterstützt. Nur etwa in jedem fünften Fall hat sich Blackrock bisher auf die Seite einzelner oppositioneller Investoren geschlagen. Auf die fortgesetzte Treue von Blackrock und anderen gleichgerichteten Investoren kann auch die Nestlé-Führung aufbauen, die vom aktivistischen US-Investor Daniel Loeb drangsaliert wird. Loeb fordert einen schnelleren und radikaleren Umbau des Lebensmittelkonzerns. Mit einem Aktienanteil von rund 1 Prozent ist er allerdings auch im Vergleich zu Blackrock (4,7 Prozent) ein Winzling. Doch Loeb spekuliert darauf, dass er künftig auch von passiven Grossinvestoren mehr Unterstützung erhalten könnte. Ob diese Spekulation aufgeht, ist allerdings fraglich.

Zunahme von Konfrontationen möglich

Erst im Januar formulierte Blackrock-Chef Larry Fink in einem Brief an die Chefs der weltgrössten Firmen sein Glaubensbekenntnis als Weltkapitalist. Darin steht: «Für das langfristige Gedeihen jedes Unternehmens reicht das Erreichen finanzieller Ziele nicht aus. Eine Firma muss auch zeigen können, wie sie positive Beiträge für die Gesellschaft leistet.» Fink verweist auf das Paradoxon der hohen Renditen an den Aktienmärkten bei einem gleichzeitig hohen Stand des Sorgenbarometers in der Bevölkerung. «Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, ob staatlich oder privat, soziale Zwecke erfüllen.» Daniel Loeb und sein Hedge-Fonds Third Point verfolgen indessen rein finanzielle und eher kurzfristige Ziele.

Swipra-Chefin Barbara Heller rechnet dennoch mit einer Zunahme von konfrontativen Situa­tionen, wie sie Loeb und Nestlé derzeit vorexerzieren. Ein im Kapitalmarkt glaubwürdiger Shareholder-Aktivist habe das Potenzial, eine grosse Masse von gleichgesinnten Investoren zu mobilisieren. Eine solche Wolfsjagd könne jederzeit auch bei anderen Arten das Jagdfieber wecken, glaubt sie.

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