STREAMING: Besserer Sound kostet mehr

Plattenfirmen verdienen mittlerweile mehr mit online verliehener Musik als mit dem CD-Verkauf. Bei den Streaming-Diensten gibt es aber grosse Unterschiede.

Andreas-Lorenz Meyer
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Neue Online-Angebote ermöglichen es Musikliebhabern, fast überall auf eine grosse Auswahl an Songs zurückzugreifen. (Bild: Getty)

Neue Online-Angebote ermöglichen es Musikliebhabern, fast überall auf eine grosse Auswahl an Songs zurückzugreifen. (Bild: Getty)

Andreas-Lorenz Meyer

Vor ein paar Jahren war es noch so, dass man sich Musikstücke aus dem Internet herunterlud, um sie dann auf seinem Smartphone oder Computer zu hören. Inzwischen haben sich die digitalen Hörgewohnheiten aber schon wieder geändert. Streaming nennt sich die Technik, die Musik-Downloads langsam, aber sicher verdrängt. Gerade erst diese Woche machte die Meldung die Runde, dass die Musikbranche 2014 erstmals weltweit mehr mit digital verkaufter oder verliehener Musik verdiente als mit dem Verkauf von CDs (wir berichteten).

Beim Streaming zahlen Nutzer eine bestimmte Abogebühr und erhalten dafür unbeschränkten Zugriff auf einen Pool von Songs, die aus dem Internet auf einen Computer oder ein Smartphone übertragen werden, ohne sie herunterladen zu müssen. Man kann seine Lieblingsmusik abrufen, unter der Voraussetzung, dass der Künstler sein Werk dafür freigegeben hat. Wenige sträuben sich noch dagegen. Selbst AC/DC, lange Verächter alles Digitalen, gibt es als Stream.

System erkennt die Geschmäcker

Der schwedische Marktführer, Spotify, versorgt nach eigenen Angaben über 60 Millionen Leute mit Musik und hat mehr als 30 Millionen Songs im Programm. Unter anderem die des Mundart-Rappers Bligg. Die Stücke sind nach Interpreten, Titeln, Alben und Genres sortiert. Aber es fällt nicht so leicht, sich bei der Masse an Titeln zurechtzufinden. Die Discover-Funktion hilft, neue Lieder zu finden. Der Empfehlungsalgorithmus orientiert sich am Geschmack des Nutzers und an dem, was dessen Freunde hören. Man kann auch eine Favoriten-Liste anlegen. Diese persönliche Musikauswahl lässt sich «geheim halten» oder im sozialen Netzwerk teilen.

Die meist jungen Nutzer wählen in der Mehrheit die Gratisversion, bei der Songs von Werbeeinspielungen unterbrochen werden. Der Anspruch an den Sound darf jedoch nicht allzu hoch sein. Die Kostenlos-Version lässt maximal 160 kbit/s zu. «kbit/s» bedeutet Kilobit pro Sekunde und bezeichnet die Datenübertragungsrate. Besseren Sound bekommen die 15 Millionen Spotify-Abonnenten: Beim Premium-Angebot wird mit 320 kbit/s übertragen. Der Unterschied zum CD-Klang ist gerade auf einfachen Kopfhörern nicht mehr deutlich. Für das Abo fallen 12.95 Franken im Monat an. Es gibt zudem einen Familientarif. Der erlaubt bis zu 5 Personen gleichzeitig Zugriff auf ein Konto. Der Preis für das Hauptkonto plus eine zusätzliche Person: 19.45 Franken.

Künstler steigen ins Geschäft ein

Bei Künstlern ist Spotify eher unbeliebt. Sie beklagen, mit Streaming zu wenig zu verdienen. Das trifft vor allem auf unbekanntere Musiker zu, die nicht millionenfach aufgerufen werden. Auch die vergleichsweise gut versorgten Branchengrössen beschweren sich aber gerne über Spotify. Sie sind jetzt mit einem eigenen Dienst online gegangen, unter anderem in der Schweiz. Bei Tidal steuern sie nicht nur ihre Werke bei, sie sind zugleich Inhaber und Investoren. Zum Start versammelte sich die am Projekt beteiligte Pop-Prominenz, unter anderem Rihanna und Madonna, auf der Bühne. Der Kopf des Unternehmens war auch dabei. Jay-Z, Rapper und Ehemann von Beyoncé, verkündete unbescheiden, die Musikgeschichte für alle Ewigkeit zu verändern.

Dass es bei Tidal vor allem ums liebe Geld geht, liegt auf der Hand. Aber was bietet der Dienst? 25 Millionen Songs und 75 000 Musikvideos umfasst das Angebot. Die üblichen Genres sind vertreten: Rock, Pop, Country, Jazz, Blues. Tidal hat einige Künstler exklusiv unter Vertrag; etwa Taylor Swift, die Spotify kürzlich erst verliess. Der Dienst will mit zusätzlichen Inhalten punkten. Etwa den Expertenempfehlungen. Tidal läuft auf iOS- und Android-Geräten, nicht aber auf Windows Phone. Zudem gibt es einen Offline-Modus: Songs lassen sich aufs Mobilgerät herunterladen und unterwegs ohne Internet abspielen. Nichts Besonders also. Einzig mit dem Sound hebt sich Tidal ab. Der Dienst bietet bessere Übertragungsraten, weil man leistungsstärkere Flac-Dateien nutzt, die bis zu 1411 kbit/s zulassen. Jedoch werden für den anspruchsvolleren Sound auch 26 Franken im Monat verlangt. Das Angebot dürfte Nutzer ansprechen, die weniger auf den Preis und mehr auf den Klang achten. Als Gratisausgabe ist der neue Dienst nicht zu haben.

Genauso wenig wie Qobuz, ein weiterer in der Schweiz verfügbarer Dienst, der auf höhere Klangqualität setzt. Er nutzt Flac-Dateien und verspricht «das Streamen in echter CD-Qualität». Für das Hi-Fi-Abo muss man aber auch 25.99 Franken im Monat hinlegen. Im Premium-Tarif (12.99 monatlich) kommt Qobuz auf die üblichen 320 kbit/s. Der Katalog umfasst laut Anbieter 24 Millionen Songs. Titel von Major- und Independent-Labels sind vertreten.

Gratismusik mit Restriktionen

Bei Deezer aus Frankreich ist Musik gratis zu haben, unbeschränkt aber nur für ein Jahr. Danach darf man noch zwei Stunden pro Monat seinen Lieblingen lauschen, ohne zu bezahlen. Auf mobilen Geräten und offline kann der Dienst nur im Abo für 12.95 Franken monatlich genutzt werden. Deezer zählt 26 Millionen Nutzer und 5 Millionen Abonnenten. Der Katalog umfasst über 30 Millionen Titel, die mit 320 kbit/s übertragen werden. Auch über Fernsehgeräte von Samsung oder LG ist das Musikangebot abrufbar.

Die Internet-Riesen sind ebenfalls im Geschäft oder bereiten sich darauf vor, einzusteigen. Google ist mit Google Play Music dabei. Nutzer können hier bis zu 20 000 Songs gratis in der Cloud speichern. Für monatlich 11.95 Franken lassen sich zusätzlich über 20 Millionen Songs streamen. Zudem bringt Google jetzt seine Tochter Youtube ins Spiel. Seit November ist Music Key, ein Musik-Abo-Angebot, an den Videokanal angeschlossen. Dies zunächst nur in Ländern wie den USA und Grossbritannien, bestimmt aber bald auch in der Schweiz. Der Dienst hat den Vorteil, nicht nur Musik im Angebot zu haben, sondern auch Musikvideos. Googles Kalkül ist klar: Nutzer, die ihre Songs bislang gratis über Youtube konsumierten, sollen für ein Abo gewonnen werden. Ist auch nur kleiner Teil von ihnen bereit, für Musik zu zahlen, könnte Music Key schnell zum Marktführer werden. Immerhin besuchen etwa 1 Milliarde Nutzer monatlich Youtube.

Auch Apple verfolgt seine Musikstreaming-Pläne. Bei iTunes können Songs ja nur heruntergeladen werden. Schlecht für den Konzern: Der Download-Markt ist rückläufig. Der Streaming- Bereich wächst dagegen. Also musste der Konzern reagieren. Er kaufte Beats, einen Kopfhörerproduzenten. Der betreibt auch einen abobasierten Musikdienst. Und um den ging es Apple. Der Dienst soll künftig ins Betriebssystem iOS integriert werden. Dann kann jeder iPhone- oder iPad-Nutzer direkt über sein Gerät darauf zugreifen.