Strom dezentral herstellen und brauchen: Strombarone erhalten zunehmend Konkurrenz

Immer mehr Private werden zu Energieproduzenten, dennoch wird der Strom immer noch zentral über den Energieversorger gehandelt. Ein Pilotprojekt in Walenstadt liefert nun erste Erkenntnisse über eine lokale Strombörse. 

Gabriela Jordan
Drucken
Teilen
Die Zukunft der Elektrizität ist dezentral, sind Vertreter der Energiebranche überzeugt. Hier ein Dach voller Solarpanels. (Bild: Keystone)

Die Zukunft der Elektrizität ist dezentral, sind Vertreter der Energiebranche überzeugt. Hier ein Dach voller Solarpanels. (Bild: Keystone)

Die Öffnung des Schweizer Strommarktes für Kleinkonsumenten lässt seit mehreren Jahren auf sich warten. Zögerlich erfolgt deswegen auch der Kulturwandel innerhalb der Branche. Statt von Kunden spricht man immer noch von Abnehmern, statt von Preisen von Tarifen. Chefs von grossen Stromkonzernen wähnen sich in ihren Monopolstellungen in Sicherheit und nehmen dezentrale Stromproduktionen und «Flatterstrom» aus Wind- und Solarkraftwerken teilweise auch heute noch nicht ernst.

Gleichzeitig sind viele in der Branche überzeugt, dass die Zukunft der Elektrizität dezentral ist. Einen Vorgeschmack darauf gibt das erfolgreiche Pilotprojekt «Quartierstrom» in Walenstadt SG, das laut den Initianten europaweit seinesgleichen sucht. Rund 40 Hausbesitzer handeln dort seit letztem Januar ihren selbstproduzierten Solarstrom über eine lokale Strombörse. Produziert eine Anlage mehr, als für den Eigengebrauch notwendig ist, kann der Strom direkt an die Nachbarn verkauft werden.

Neu ist dabei der marktorientierte Preis, der je nach Angebot und Nachfrage im 15-min Takt via Blockchain-Technologie festgelegt wird. Inmitten der Schweiz existiert somit bereits ein realer Mini-Strommarkt, bei dem Private den Handel aktiv beeinflussen können.

Zürich will ähnliches Projekt anstossen

Am «Quartierstrom» beteiligen sich das Wasser- und Elektrizitätswerks Walenstadt, die ETH Zürich, die Universität St. Gallen, die Hochschule Luzern sowie mehrere Unternehmen. Finanziell gefördert wird es vom Bundesamt für Energie. Ursprünglich stammt die Idee aus der Privatwirtschaft und geht auf die drei Energie-Experten Sandro Schopfer, Nick Beglinger und Gian Carle zurück. «Mehr und mehr Private werden heute selber zu Energieproduzenten», sagt Carle. «Gehandelt wird die Energie aber trotzdem immer noch zentral über den Energieversorger. Wir realisierten, dass Stromaustausch unter Haushalten ein riesiges Potenzial hat. Umso mehr, weil das Einspeisen ins Stromnetz immer komplizierter wird.»

Bei den Bewohnern kommt das Pilotprojekt äusserst gut an. Nach anfänglicher Skepsis schielen zudem schon viele Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nach Walenstadt. Beispielsweise hat der Zürcher Kantonsrat im Juni einen Vorstoss überwiesen, der nach dem Vorbild in St. Gallen ein ähnliches Pilotprojekt anstossen will. In welcher Form das Projekt «Quartierstrom» nach Ablauf der einjährigen Testphase weitergeführt wird, ist noch nicht bekannt. Es gebe Ideen für verschiedene Folgeprojekte, allerdings sei noch nichts spruchreif, heisst es beim Bundesamt für Energie. Neben Walenstadt gibt es ähnliche Bestrebungen im Tessin, ansonsten sind den Verantwortlichen lediglich Projekte in Perth und Brooklyn bekannt.

Bis das Geschäftsmodell kommerzialisiert werden kann, wird es aber wohl noch einige Jahre dauern. Denn was einfach tönt, ist technisch komplex – und muss gesetzliche Hürden wie die Marktöffnung überwinden. «Aus rechtlicher Sicht ist es heute nur erlaubt, den Strom im gleichen Haushalt oder im angrenzenden Grundstück zu verbrauchen», erklärt Carle. Dies sei auf das Lobbying der Stromkonzerne zurückzuführen. Das Projekt in Walenstadt habe deshalb eine Ausnahme erhalten.

Neue Bezahlmethoden für Stromnetze

Ein weiterer offener Punkt ist die Entgeltung der Netzinfrastruktur – sprich, wie viel man als Produzent und Konsument für die Verwendung der Stromleitungen bezahlen muss. In der Energiebranche werden zunehmend Forderungen laut, die auf die Abschaffung der heutigen Pauschale abzielen. «Man sollte nur das Netz bezahlen müssen, das man auch braucht», sagt etwa Christian Dürr, Geschäftsleiter des Wasser- und Elektrizitätswerks Walenstadt, welches die Leitungen für das Projekt «Quartierstrom» gegen eine Vergütung zur Verfügung stellt. «Denkbar wäre zum Beispiel eine Art Autobahnvignette für das Benutzen mancher Leitungen. Das gesamte Stromnetz könnte bei sonnen- und windarmen Tagen sowie Nächten sozusagen als Versicherung dienen und wäre entsprechend teurer.»

Politisch scheint nun ein Wille da zu sein, das Gesetz anzupassen, sind sich Dürr und Carle einig. Ersterer verweist auf die Ankündigung des Bundesrats, im Frühjahr endlich Eckwerte der Marktöffnung zu präsentieren. Zudem seien im Parlament entsprechende Vorstösse hängig, darunter einer des GLP-Nationalrats Jürg Grossen. «Ich bin zuversichtlich, dass das Geschäftsmodell Quartierstrom irgendwann marktreif sein wird», sagt Dürr. «Die föderale Schweiz mit ihren vielen Gemeinden ist prädestiniert für solche Projekte, die überdies die Versorgungssicherheit stärken würden.»

Bundesrat will Strommarkt öffnen – was bedeutet das für die Konsumenten?

Alle sollen künftig wählen können, von welchem Anbieter sie ihren Strom beziehen. Der Bundesrat will das Stromversorgungsgesetz entsprechend revidieren. Als «Begleitmassnahme» soll Energie aus Wasser, Wind und Sonne gefördert werden. Doch was bedeutet das genau? Sieben Fragen und Antworten.
Maja Briner