Strom: Die Uhr läuft für die Wasserkraft

Die Schweizer Energiekonzerne profitieren vom steigenden Strompreis – allen voran der Marktführer Alpiq.

Daniel Zulauf
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Staudamm bei der Pumpstation Z’Mutt im Mattertal. Sie ist Teil der Kraftwerke Grande Dixence. (Bild: Maxime Schmid/Keystone (Zermatt, 28. August 2015))

Staudamm bei der Pumpstation Z’Mutt im Mattertal. Sie ist Teil der Kraftwerke Grande Dixence. (Bild: Maxime Schmid/Keystone (Zermatt, 28. August 2015))

Die europäische Stahlindustrie heult auf. Steigende Energiekosten und die amerikanischen Einfuhrzölle bringen die Branche in Existenznöte. In Deutschland hält die Politik Krisengipfel ab, wie die 85000 Arbeitsplätze zu retten wären. Nötigenfalls sollen Subventionen her. Von Subventionen war vor weniger als zwei Jahren auch in der Schweiz viel die Rede. Hierzulande ging es aber um die Stromwirtschaft oder genauer gesagt um die Wasserkraft. Sie drohte zum Opfer tiefer Strompreise zu werden.

Ein wirksames Alarmsignal setzte Alpiq. Im März 2016 stellt der grösste Schweizer Stromproduzent 49 Prozent seiner Anteile an der Schweizer Wasserkraft zum Verkauf – darunter die symbolkräftige Grande Dixence, laut Wikipedia bis 1980 die höchste Staumauer der Welt. In der Politik brach Hektik aus. SVP-Vordenker Christoph Blocher wollte die Energieinfrastruktur der Schweiz mit Subventionen retten, CVP-Präsident Gerhard Pfister bevorzugte einen Staatsfonds, und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran (ZH) regte die Ausweitung des Geltungsbereichs der Lex Koller auf die Wasserkraft an.

Grosshandelspreis auf über 50 Euro gestiegen

Die Kakofonie ist verstummt. Ganz einfach weil der Grosshandelspreis an der Leipziger Strombörse von 20 Euro pro Megawattstunde Ende 2015 auf inzwischen über 50 Euro gestiegen ist. Die Welt der Schweizer Stromproduzenten sieht damit schon fast wieder rosig aus. Allen voran jene des Oltner Marktführers Alpiq. Eine Faustregel besagt, dass der Konzern mit seiner durchschnittlichen Produktion von 10000 Gigawattstunden pro Jahr für jeden Euro, den der Strompreis steigt, etwa 10 Millionen Franken mehr Betriebsgewinn erwirtschaftet. In der aktuellen Rechnung ist davon allerdings noch nichts zu sehen.

In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres wies der Konzern einen Verlust von 124 Millionen Franken aus – 15 Millionen Franken mehr als in der gleichen Zeitspanne des Vorjahres. Nebst diversen Sondereinflüssen hat das schlechte Zwischenergebnis vor allem einen Grund. Alpiq ist der einzige Stromproduzent der Schweiz, der seine Produktion vollständig zu Grosshandelspreisen an den offenen Märkten absetzt. Um sich gegen Preis- und Wechselkursschwankungen zu schützen, verkauft der Konzern seine aktuelle Stromproduktion zu Marktpreisen jeweils auf zwei bis drei Jahre hinaus. Entsprechend wirken die tiefen Strompreise und der hohe Frankenkurs in der Erfolgsrechnung lange nach. Doch es naht Besserung. Finanzanalysten rechnen für 2020 mit einem Betriebsgewinn von 286 Millionen Franken. Danach sollte es weiter aufwärtsgehen.

Die Börse wittert Morgenluft. Seit Anfang Jahr haben die Alpiq-Aktien einen Drittel an Wert gewonnen, während der Swiss-Market-Index 5 Prozent verloren hat. Aber auf längere Sicht liegen die Alpiq-Aktien immer noch weit zurück. Im Fünfjahresvergleich stehen die Titel mit 29 Prozent im Minus, verglichen mit einem Plus des SMI von 8 Prozent. Das aktuelle Kursniveau von 85 Franken liegt zwar deutlich über dem Tiefst 57 Franken Anfang 2015, doch die Distanz zum einstigen Höchstpreis von 765 Franken im Sommer 2008 bleibt riesig.

Desinvestitionskampagne, die ihresgleichen sucht

Die beste Zeit von Alpiq fällt nicht zufällig mit der Periode zusammen, als der grösste Schweizer Energiekonzern aus der Fusion von Atel und EOS entstanden war. 2008 war ein Jahr der Höchstpreise im Strommarkt. Es war genügend Geld vorhanden, den komplexen Zusammenschluss durch eine fürstliche Entschädigung der EOS-Aktionäre möglich zu machen. Kaum jemand zweifelte daran, dass der neue Stromgigant seinen grossen Schuldenberg rasch abbauen werde. Doch auf die Hochzeit folgte bald der Kater.

Die Katastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 läutete die Energiewende ein. An einen Neubau der in die Jahre gekommenen Atommeiler war politisch nicht mehr zu denken. Die vermeintliche Stromlücke in Europa erwies sich als Fata Morgana. Der konjunkturelle Abschwung liess die Nachfrage einbrechen, und Billigstrom aus reaktivierten und neuen Kohlekraftwerken insbesondere in Deutschland beschleunigten den Preisverfall. Grosse Kraftwerkinvestitionen im In- und Ausland erwiesen sich als Fehlschlag und mussten wertberichtigt werden. Ab 2010 forcierte Alpiq eine beispiellose Desinvestitionskampagne. Mit der Verkaufsankündigung der Schweizer Wasserkraft erreichte sie ihren Höhepunkt.

Seit dem Frühjahr ist Alpiq praktisch schuldenfrei

Die Schulden wogen schwer. Analysten stellten die Kreditwürdigkeit in Frage. Doch die Desinvestitionen begannen sich auszuzahlen. Der Schuldenberg schrumpfte. Ende 2017 waren vom anfänglich 4 Milliarden Franken grossen Schuldenberg noch rund 700 Millionen Franken übrig. Im März dieses Jahres wagte das Management den letzten grossen Befreiungsschlag. Das Geschäft in der Installations- und Gebäudetechnik, das man zuvor zum Ausgleich der schwierigen Stromproduktion eiligst auf- und ausgebaut hatte, wurde an den französischen Baukonzern Bouygues veräussert. Seither ist Alpiq praktisch schuldenfrei.

Am Ende eines wilden Zickzackkurses hat Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin eine Wette auf den Strompreis und auf die Schweizer Wasserkraft abgeschlossen. Sie könnte aufgehen. Das Zeitalter der E-Mobilität und der digitalisierten Wirtschaft steht vor der Tür. Der Ausstieg aus der fossilen Energie ist dringender denn je. Dass die Wasserkraft für die Schweiz eine strategische Bedeutung hat, ist eine Binsenwahrheit. Weniger klar war den Verwaltern aber offensichtlich, dass man auch mit einem wertvollen Gut richtig rechnen muss.