STUDIE: Der Wirtschaft gehen die Talente aus

Der Schweizer Wirtschaft fehlen Fachkräfte in allen Branchen. Dabei gibt es ungenutztes Potenzial – vor allem Frauen und Ältere könnten besser gefördert werden.

Bernard Marks
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Ein Angestellter der Seilbahnfirma Garaventa in Goldau arbeitet an einer Gondelaufhängung. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Ein Angestellter der Seilbahnfirma Garaventa in Goldau arbeitet an einer Gondelaufhängung. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

In der Schweiz leiden 37 Prozent der Firmen unter einem Mangel an Fachkräften. Das ergab die jährliche Befragung des Personalvermittlers Manpo­wer bei 754 Schweizer Unternehmen. Dieser Wert ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich um 9 Prozentpunkte angestiegen. Als Hauptgründe für die Talentknappheit, wie es die Studie nennt, wurde ein Mangel an Kandidaten beziehungsweise fehlende Fachkompetenzen bei Bewerbern genannt. 54 Prozent der Arbeitgeber sind sich bewusst, dass der Fachkräftemangel ihre Geschäftstätigkeit beeinträchtigt. Damit steht die Schweiz nicht alleine da. Die insgesamt achte Jahresumfrage von Manpower zum Thema, welche bei 38 000 Unternehmen in 42 Ländern durchgeführt wurde, zeigt, dass weltweit 35 Prozent der befragten Unternehmen aufgrund von Talentmangel Schwierigkeiten mit der Besetzung vakanter Stellen haben.

Problem beginnt bei der Lehre

Besonders in der Maschinen-, der Elektro- und der Metallindustrie spürt man den Mangel an Fachkräften. Das Problem beginnt bereits bei der Rekrutierung von Lernenden. «Letztes Jahr konnten 5 Prozent der Lehrstellen in unseren rund 1000 Mitgliedfirmen nicht besetzt werden», sagt dazu Ivo Zimmermann, Sprecher des Branchenverbandes Swissmem.

«Wir machen im Bauhauptgewerbe die gleichen Erfahrungen», sagt Martin A. Senn, Vizedirektor des Schweizer Baumeisterverbandes. Der Talentmangel sei für alle qualifizierten Tätigkeiten drastisch und habe in den letzten Jahren zugenommen. 2012 gaben 90 von 340 Bauunternehmen an, zu wenig Baumeister zu haben. Noch dramatischer sei die Lage bei den Bauingenieuren. Zugenommen hat auch der Mangel an Bauführern. In der Grundbildung (Lehre zum Maurer oder Strassenbauer) fehlen pro Jahr rund 200 bis 300 Lehrlinge für eine Berufsausbildung.

Arbeitgeber sind gefordert

«Mich erstaunt der Fachkräftemangel in der Schweiz nicht, denn wir haben ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, verglichen mit anderen europäischen Ländern», sagt Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt. Das Wachstum findet auch in Bereichen statt, wo der Schweiz genügend Nachwuchs fehlt, hier kommt es zum Fachkräftemangel. «Wir Arbeitgeber sind gefordert, uns Gedanken darüber zu machen, wie die Schweiz ihr Potenzial an Arbeitskräften in Zukunft besser ausnutzen kann», sagt Vogt.

Wie das Seco in seiner aktuellen Studie feststellt, gebe es in der Schweiz noch Möglichkeiten, Talente besser zu fördern. Viel ungenutztes Potenzial sei beispielsweise bei den Frauen und bei älteren Mitarbeitern vorhanden. Diese müssen im Betrieb besser gefördert werden. «Sicher müssen sich Arbeitgeber allgemein mit dem Thema ‹Weiterbildung von Mitarbeitern› stärker als bisher auseinandersetzen», sagt Vogt. Aber: «Die Schweiz wird – wie sehr wir uns auch anstrengen – immer auf eine Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften angewiesen sein», sagt Vogt weiter. In diesem Sinne wäre laut Vogt eine Annahme der «SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung» Gift für die Schweizer Wirtschaft.

Schwer zu besetzende Stellen

Laut der Manpower-Studie sind vor allem Facharbeiter sehr gesucht. Den zweiten Platz belegt die Kategorie Management. Auf Platz drei steht Büropersonal und auf Platz vier Buchhalter. Ihnen folgen IT-Spezialisten, Köche, Ingenieure und Arbeitnehmer im Gastgewerbe und Chauffeure. Ärzte sowie Gesundheitspersonal belegen Platz Nummer zehn im Ranking.