STUDIE: Frauen sind mit Teilzeitarbeit glücklicher als Männer

Die Universitäten Lausanne und Freiburg haben untersucht, wie sich verschiedene Arbeitsmodelle auf die Zufriedenheit der Betroffenen auswirken. Die überraschende Erkenntnis: Frauen sind deutlich glücklicher mit Teilzeitarbeit als Männer.

Daniel Zulauf
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Teilzeitbeschäftigte Männer sind weniger optimistisch, stattdessen niedergeschlagen oder gar depressiv. (Bild: Getty)

Teilzeitbeschäftigte Männer sind weniger optimistisch, stattdessen niedergeschlagen oder gar depressiv. (Bild: Getty)

Daniel Zulauf

Frauen an die Arbeit! In Europa ist der Anteil der Frauen, die einer regelmässigen Erwerbstätigkeit nachgehen, nur in Schweden noch höher als in der Schweiz. 93 Prozent der kinderlosen Schweizerinnen sind berufstätig, auch wenn sie mit einem Partner zusammenleben. Die Erwerbsquote dieser Gruppe ist damit fast gleich hoch wie jene der alleinerziehenden Mütter, von denen viele gar keine Wahl haben, ob sie arbeiten möchten oder nicht. Selbst drei Viertel der Mütter mit kleinen Kindern gehen regelmässig zur Arbeit, obschon sie einen erwerbstätigen Partner an ihrer Seite wissen. Das ist zwar nicht Europarekord, aber immer noch überdurchschnittlich hoch.

Doch nirgends auf unserem Kontinent arbeiten mehr Frauen Teilzeit als hierzulande. 58 Prozent der über 2,1 Millionen berufstätigen Frauen sind in Teilzeitpensen beschäftigt. Bei 25 Prozent erreicht das Pensum weniger als 50 Prozent. Demgegenüber geht eine grosse Mehrheit der 2,5 Millionen berufstätigen Männer immer noch einer Vollzeitarbeit nach (83 Prozent). Ein Minipensum von weniger als 50 Prozent erlauben sich nur gerade 6 Prozent.

Rollenverteilung in der Familie entscheidend

Hauptursache für die geschlechtliche Fragmentierung des Schweizer Arbeitsmarktes ist die Rollenverteilung in den Familien. Nach wie vor übernehmen mehrheitlich Frauen die Hauptverantwortung für Kinder und Haushalt, während sich die meisten Männer ganz der Karriere widmen. Sozialwissenschafter an den Universitäten von Lausanne und Freiburg sind im Rahmen des Nationalfondsprojekts «Leben in der Schweiz»* der Frage nachgegangen, wie sich die geschlechtlich unterschiedlichen Arbeitsmodelle auf die Zufriedenheit der Betroffenen auswirken. Mindestens auf den ersten Blick scheint die Antwort erstaunlich simpel: Frauen in Teilzeitarbeit sind deutlich zufriedener als Frauen in Vollzeitstellung. Bei den Männern verhält es sich genau umgekehrt.

Der Befund dieser Untersuchung erstaunt aus mehreren Gründen. Zunächst widerspricht er dem in vielen westlichen Industrieländern beobachteten Phänomen, dass teilzeitarbeitende Frauen stärker diskriminiert werden als ihre vollzeitarbeitenden Kolleginnen. Derartige innergeschlechtliche Diskriminierungen konnten die Autoren im Rahmen ihrer Studie nicht feststellen. Belegt werden konnte hingegen der Umstand, dass Frauen in Vollzeitbeschäftigung deutlich bessere Karrierechancen haben und damit durchaus einen guten Grund hätten, zufriedener zu sein.

Bei den teilzeitarbeitenden Männern ihrerseits fanden sich in der Untersuchung kaum objektive Gründe für eine geringere Zufriedenheit als bei ihren vollzeitarbeitenden Kollegen. Abgesehen vom Salär, das bei einem reduzierten Arbeitspensum naturgemäss niedriger ausfällt, sehen sich die teilzeitbeschäftigten Männer weder bei den Arbeitsbedingungen oder dem Arbeitsklima noch beim Arbeitsaufwand im Nachteil. Dennoch zeigen sich die teilzeitbeschäftigten Männer in der Umfrage wenig optimistisch und bezeichnen sich auffällig oft als niedergeschlagen, ängstlich oder gar depressiv. Die Untersuchung hält kurzum fest: Frauen in Vollzeitstellung und Männer mit Teilzeitjobs sind klar weniger zufrieden als ihre gleichgeschlechtlichen Gegenüber.

Weniger Zufriedenheit bei Abweichung von der Norm

Objektive Gründe scheint es dafür kaum zu geben. Teilzeitarbeitende Frauen haben klar weniger Karrierechancen und müssen unter Umständen mit weiteren Diskriminierungen rechnen. Vollzeitarbeitende Männer stehen unter einem wachsenden Leistungsdruck und können vermutlich auch der in der Gesellschaft zunehmend selbstverständlichen Teilung gewisser Familienaufgaben immer weniger entrinnen. Dass die Zufriedenheit in diesen beiden Gruppen am höchsten ist, erklären sich die Forscher mit dem Umstand, dass die Befragten bei der Beurteilung ihrer eigenen Situation kaum geschlechterübergreifende Vergleiche anstellen. Die teilzeitarbeitenden Männer vergleichen sich mit jenen 83 Prozent, die mehrheitlich in Vollzeit tätig sind, und die in Vollzeit tätigen Frauen haben primär die 58 Prozent Teilzeitarbeiterinnen im Blick. Nach Auffassung der Autoren ist es kein Zufall, dass die Zufriedenheit der jeweiligen Minderheiten tiefer liegt als jene der Mehrheiten. Die Abweichung von der sozialen Norm führe zu einer geringeren Lebenszufriedenheit, erklären sie.

Das ist eine wichtige Erkenntnis – auch für die Politik. Sie kann erklären, weshalb die Frauen nicht härter für gleiche Löhne kämpfen und die Männer in ihren Betrieben nicht mehr auf Teilzeitpensen beharren. Um solche Veränderungen in Gang zu setzen, ist nach der Logik der Studie die Politik gefordert.

«Teilzeitarbeit ist eine Karrierebremse»

Caroline Henchoz, sind die geschlechtlichen Strukturen im Schweizer Arbeitsmarkt zementiert, weil die Mehrheit der Frauen und Männer zufrieden ist mit ihrer Situation?

Nicht unbedingt. Zum Beispiel beträgt die Wochenarbeitszeit für eine vollzeitangestellte Person in der Schweiz statistisch 41,5 Stunden. Allein deshalb kann eine Vollzeitbeschäftigung ein kompliziertes Unterfangen werden, wenn man etwa an die teilweise knappen und teuren Fremdbetreuungsangebote für Kinder denkt. Die Schweiz macht aus politischer Überzeugung viel weniger Familienpolitik als andere Länder. Ein Mittel, dies auszugleichen, ist dann die Teilzeitarbeit.

Anders nachgefragt: Sollte man das Ergebnis Ihrer Untersuchung so verstehen, dass in der Schweiz alles zum Besten steht?

Nein, obwohl man sagen muss, dass die Schweizerinnen und Schweizer im internationalen Vergleich im Durchschnitt sehr zufrieden oder glücklich sind. Aber was unsere Studie ebenfalls deutlich zeigt, ist eben, dass es für jede Geschlechtergruppe einfacher ist, sich gleich zu verhalten wie die jeweilige Mehrheit innerhalb des eigenen Geschlechts. Das heisst nicht, dass es keine Probleme gebe. Die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen ist ein Faktum, ebenso ist es eine Tatsache, dass die Frauen mehr Schwierigkeiten haben, Karriere zu machen, als die Männer. Ich interpretiere die Ergebnisse unserer Umfrage so, dass sich die Leute mit ihrer Situation einfach arrangieren, und nicht so, dass sie keine Veränderung haben möchten. Frauen und Männer wären zufriedener, wenn sie eine echte Wahl zwischen verschiedenen Modellen hätten.

Wie geht die Wirtschaft mit Frauen um, die Karriere machen möchten, aber auch in der Familie eine aktive Rolle spielen wollen?

Die Debatte über dieses Thema ist mit Blick auf die alternde Bevölkerung sehr wichtig. Unsere Gesellschaft wird produktive Kräfte brauchen und kann deshalb immer weniger auf die Arbeit der Frauen verzichten. Zudem gibt es hohe Kosten für die Gesellschaft, wenn Frauen lange Ausbildungen machen, um dem Arbeitsmarkt danach nur teilweise zur Verfügung zu stehen. Teilzeitarbeit ist eine Karrierebremse. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass es ein Netzwerk braucht, um einen Managementposten zu erlangen. Um solche Netzwerke aufbauen zu können, ist es von Vorteil, wenn man viel Zeit am Arbeitsplatz verbringen kann.

Braucht die Schweiz eine Frauenquote in den Chefetagen?

Die Schweiz hat viel Erfahrung mit Quoten im politischen Feld. Wir kennen sie zum Beispiel im Zusammenhang mit den verschiedenen Sprachregionen und den Kantonen. Ich sehe nicht ein, warum man solche Quoten nicht auch in der Wirtschaft einführen soll, um die Vertretung der Frauen in den Führungsgremien der Unternehmen zu verbessern. Es gibt auch Untersuchungen, die zeigen, dass sich solche Dinge unglaublich langsam entwickeln, wenn man sie einfach sich selber überlässt. Warum sollten wir uns nicht von den skandinavischen Ländern inspirieren lassen, um gewisse Dinge zu beschleunigen? Ich halte die Frauenquote für eine gute Idee.

Interview: Daniel Zulauf