Wirtschaft
Stunde der Wahrheit in der Industrie: Kommt jetzt der Herbst der Entlassungen?

150 Stellen streicht die Winterthurer Traditionsfirma Rieter. Angesichts der anhaltenden Frankenstärke stellt sich die Frage, wo schon bald weitere Stellen gestrichen werden. Experten befürchten, dass die Massenentlassung kein Einzelfall bleibt.

Andreas Schaffner und Fabian Hock
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Rieter muss viele Angestellten entlassen. Wohin führt die Schweizer Wirtschaft?

Rieter muss viele Angestellten entlassen. Wohin führt die Schweizer Wirtschaft?

Keystone

Der Schock in Winterthur sitzt tief: Das Traditionsunternehmen Rieter gab gestern bekannt, dass es am Standort Winterthur 150 Stellen der 855 Mitarbeiter abbaut und die Zahl der temporären Mitarbeiter um 59 verringert werde. Ein Teil des Abbaus werde durch Stellenwechsel und Frühpensionierungen erfolgen. Es werde jedoch sicher auch zu Kündigungen kommen. Auch Kurzarbeit ist ein Thema. Rieter will künftig in Winterthur nur noch Maschinen montieren.

Der angekündigte Abbau von fast 20 Prozent der Belegschaft ist für die Gewerkschaft Unia ein schwerer Schlag für den Industrieplatz Schweiz. Besonders skandalös sei, dass das Unternehmen noch im ersten Halbjahr 2015 einen Nettogewinn von 52,9 Millionen Franken gemacht habe, so die Unia gestern in einer Mitteilung.

Auch für den Verband Angestellte Schweiz sind Verlagerungen ins Ausland der falsche Weg. Die Aussichten für den Industriestandort Schweiz seien mittel- und langfristig gut.

Doch der Verband habe befürchtet gleichwohl, dass es nach den Wahlen in der Industrie zu einer Welle von Entlassungen kommen könnte. «Jetzt verdichten sich die Zeichen, dass es zu einem weiteren Stellenabbau kommen wird. Die Frankenkrise ist in der Industrie noch nicht ausgestanden», lässt sich Christof Burkard, stellvertretender Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, zitieren.

Von Arbeitgeberseite sind ähnliche Reaktionen zu vernehmen. Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, spricht von einem direkten Zusammenhang zwischen Wechselkurs und Jobabbau: «Je schwächer der Franken wird, desto weniger Entlassungen wird es geben.» Bleibt der Franken bei 1.10 zum Euro, stünden 20 000 Stellen auf dem Spiel.

Folgen für den Werkplatz

Seit dem 15. Januar, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs gegenüber dem Euro aufgehoben hat, wird über die Folgen des starken Schweizer Frankens für den Werkplatz Schweiz gemutmasst. Der Begriff der Deindustrialisierung machte die Runde. Doch bei vielen exportorientierten Firmen waren die Auftragsbücher Ende 2014 noch prall gefüllt. Die Produktion wurde also aufrechterhalten. Viele Firmen verzichteten auf Entlassungen, steigerten die Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn.

Nach den Sommerferien sank die Zuversicht. Es sah nicht so aus, dass sich die Konjunktur in Europa rasch erholt. Kommt hinzu, dass sich auch das Wachstum in China und anderen Schwellenländern verlangsamt.

Viele Firmen sind zum raschen Umbau ihrer Organisation gezwungen. Sie holen die Abbaupläne aus den Schubladen. Fast die Hälfte Betriebe in der Schweiz zog einen Stellenabbau in Betracht. Das ging aus einer Umfrage des Wirtschaftsprüfungs-Unternehmens Deloitte Schweiz hervor.

Und so kam es auch: Diesen Montag gab der Hersteller von Grether’s Pastilles, die Firma Doetsch Grether in Muttenz BL bekannt, dass 70 der insgesamt 140 Stellen abgebaut werden.

Man wolle aus der Produktion aussteigen und sich auf das Handelsgeschäft konzentrieren. Auch hier wird die Aufhebung des Euro-Mindestkurses als Grund angeführt.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Smedegaard-Fabrik in Beinwil am See/AG Ende 2016 geschlossen wird, 21 Angestellte verlieren ihren Job.

Das deutsche Mutterhaus KSB habe auf der Schliessung der auf Pumpen- und Motorbau spezialisierten Fabrik beharrt. Auch das Möbelhaus Weibel in Endingen/AG gibt auf.

Einen regelrechten Kahlschlag meldete der Bauausrüster Arbonia-Forster. Hier wird die Produktion vom Standort Villeneuve/VD ins slowakische Pravenec verlagert und die Produktionsstätte im Verlauf des nächsten Jahres geschlossen.

Dadurch fallen bis 2016 voraussichtlich 90 Stellen in der Schweiz weg. Weitere 160 Stellen werden über die nächsten drei Jahre in Altstätten/SG abgebaut.

Im Frühjahr meldete der Hörgerätehersteller Sonova ein Minus von 100 Stellen, die Flugzeugwartungsfirma SR Technics den Abbau von 250 Jobs. Und auch die Privatbank Julius Bär kündigte an, 200 Stellen zu streichen.

Die Aussichten sehen für diesen Herbst nicht gut aus. Von ABB bis hin zur CS, die beide heute ihre Zahlen bekannt geben, werden Abbaupläne erwartet.