Sturz eines Auto-Tycoons: Nissan drängt Chef Ghosn nach Veruntreuung zum Rückzug

Der Vorsteher des Konzerns Renault-Nissan, Carlos Ghosn, ist am Montag wegen Finanzdelikten festgenommen worden. Mehr noch als die japanische gerät die französische Automarke unter Druck.

Stefan Brändle, Paris
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Firmengelder für private Zwecke verwendet: Carlos Ghosn, dem Chef von Renault-Nissan-Mitsubishi, droht nach Veruntreuungsvorwürfen seines Arbeitgebers ein jähes Ende der Karriere. (Bild: KEYSTONE/EPA/KIMIMASA MAYAMA)

Firmengelder für private Zwecke verwendet: Carlos Ghosn, dem Chef von Renault-Nissan-Mitsubishi, droht nach Veruntreuungsvorwürfen seines Arbeitgebers ein jähes Ende der Karriere. (Bild: KEYSTONE/EPA/KIMIMASA MAYAMA)

Er verdient dreimal mehr als die bestbezahlten Konzernchefs in Paris oder Tokio – aber das genügte ihm offenbar nicht. Carlos Ghosn, einer der erfolgreichsten und schillerndsten Autokonzernbosse, ist am Montag in Tokio festgenommen worden. Laut Nissan soll er seine Steuern jahrelang nicht vollständig deklariert und den japanischen Fiskus um 38 Millionen Euro betrogen haben. «Zahlreiche andere Fehlhandlungen wurden entdeckt, so die Benützung von Firmengeldern zu persönlichen Zwecken», heisst es in dem Communiqué weiter.

Die in Japan hart bestraften Delikte Steuerbetrug und Veruntreuung veranlassen die Direktion, die «Absetzung» Ghosns zu verlangen. Diese könnte bei einer Verwaltungsratssitzung von Donnerstag erfolgen. Neben Ghosn, der bei Nissan noch den Verwaltungsrat leitet, wurde auch sein «Repräsentativdirektor» Greg Kelly der japanischen Staatsanwalt zugeführt.

Manga-Ikone und «Costkiller»

Während die Nissan-Aktie vorerst nicht gehandelt wurde, verlor der Renault-Titel in Paris zeitweise mehr als zwölf Prozent. Die Folgen für die beiden Marken und ihren Partner Mitsubishi sind noch unabsehbar.

In Paris wird gemutmasst, ob Ghosn teilweise Opfer einer japanischen Kabale geworden sein könnte. Der 64-jährige Brasilianer mit libanesischen Wurzeln war nicht überall geschätzt und hatte sein noch nie geringes Ego in den letzten Jahren weiterentwickelt. 1999 hatte der Renault-Chef die Partnerschaft mit Nissan eingefädelt und die japanische Marke aus der Krise geführt. Dazu baute er 21 000 Stellen ab, wobei er entgegen japanischer Tradition selbst Direktoren entliess und sich den Übernamen «Costkiller» holt.

Für böses Blut sorgte in Japan rasch einmal, dass Nissan über die Jahre Milliarden in die Gewinnrechnung von Renault abführen musste. Möglich ist das dank der ungleichen Überkreuzbeteiligung: Während Renault 43,4 Prozent an Nissan hält, mussten sich die Japaner mit 15 Prozent der Anteile an Renault begnügen – und keinem einzigen Stimmrecht.

Ghosn galt jahrelang als der einzige Grosspatron, der einen japanischen Konzern erfolgreich zu leiten vermochte, und schaffte es in Tokio sogar, eine Manga-Ikone zu werden. In Frankreich galt der Mann mit der gepressten Stimme lange Zeit als unberührbar, weil der Nissan-Deal Renault zugutekam. Erste Zweifel entstanden 2011, als bei Renault eine dubiose Affäre um Firmenspione aufflog.

2015 legte sich Ghosn mit dem damaligen Wirtschaftsminister Frankreichs an – der damals Emmanuel Macron hiess. Der Renault-Nissan-Boss wusste um den verhaltenen Ärger der Japaner und wollten ihnen erstmals Stimmrechte einräumen. Macron war aber dagegen, weil dies den 15-prozentigen Anteil des französischen Staates – und dessen Einfluss – schmälern würde. Macron setzte sich durch und zwang den mächtigen Vorstandschef von Renault – der bei Nissan nur noch Verwaltungsratschef ist – in die Knie.

Macron hat ein Auge auf Ghosn

Im Februar wurde Ghosn in Paris knapp im Amt bestätigt, da er einmal mehr ein Spitzenresultat mit 5,1 Milliarden Euro Reingewinn vorlegte. Auch beanspruchte er erstmals den Platz des weltgrössten Autoherstellers: Renault, Nissan und Mitsubishi hatten 2017 gut 10,6 Millionen Personenwagen verkauft, 100000 mehr als die Volkswagen-Gruppe (die dazu allerdings 200000 Lastwagen mehr verkaufte).

Seinen Kopf bei Renault rettete Ghosn aber auch nur, weil er im Februar eine Kürzung seines Salärs von 7 Millionen Euro um dreissig Prozent schluckte. Bei Nissan verdiente er Schätzungen zufolge zwischen 8 und 9 Millionen Euro im Jahr. Alles im allem stürzt Ghosn weniger überraschend, als es scheinen mag. Er missachtete offensichtlich die Warnzeichen. Bei Nissan scheinen seine Tage gezählt. Und bei Renault? Macron, nunmehr Staatspräsident und damit oberster Inhaber der 15-prozentigen Anteile, sprach sich am Montag vorsichtig für die «Stabilität des Konzerns» aus und bezeichnete sich als «wachsam».

«Heute muss eher Renault fürchten, allein dazustehen.»

Am elegantesten wäre es für alle, wenn Ghosn auch bei Renault selber den Hut nähme. ­Anfang Jahr hatte er einen neuen Vizevorsteher in der Person von Thierry Bolloré eingesetzt. Diskret, aber gut vernetzt, genoss dieser den Vorzug der Regierung. Wen die Japaner bei Nissan an die Stelle Ghosns setzen wollen, ist noch offen. Auch die gemeinsame Allianz der beiden Hersteller wird der Franko-Brasilianer nicht mehr führen können – falls diese überhaupt weiter bestehen wird.

Die Franzosen wollen allerdings daran festhalten: «Heute muss eher Renault fürchten, allein dazustehen», meint der Pariser Autoexperte Bernard Jullien in Anspielung auf die Situation vor zwanzig Jahren, als Nissan in der schwachen Position gewesen war. Nach dem Abgang von «Carlos dem Grossen» werden die Japaner aber auf jeden Fall mehr Mitspracherechte verlangen.

Inspektionsskandal schlägt sich auf Bilanz von Nissan nieder

Ein Skandal um Sicherheitschecks schlägt sich in der Bilanz des japanischen Renault-Partners Nissan nieder. Der Betriebsgewinn sank im abgelaufenen Geschäftsjahr, das am 31. März endete, um 22,6 Prozent auf 574,7 Milliarden Yen (rund 5,3 Milliarden Franken).