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SUBVENTIONEN: Eine Nation von Kleinbauern

Viele Bauernbetriebe in der Schweiz sind eigentlich zu klein, um rentabel zu sein. Doch wachsen ist schwierig – und lohnt sich oft gar nicht.
Lukas Leuzinger
Ein Bio-Bauer läuft zu den Kühen auf seinem Hof in Oberwil-Lieli im Kanton Aargau. (Bild: Keystone/Dominic Steinmann)

Ein Bio-Bauer läuft zu den Kühen auf seinem Hof in Oberwil-Lieli im Kanton Aargau. (Bild: Keystone/Dominic Steinmann)

In der Herbstsession wird der Nationalrat darüber debattieren, wie viel Geld er in den Jahren 2018 bis 2021 für die Landwirtschaft ausgeben will. Während der Bundesrat die Ausgaben gegenüber den ursprünglichen Plänen um insgesamt 514 Millionen Franken kürzen will, haben sich Finanz- und Wirtschaftskommission des Nationalrats dafür ausgesprochen, die Bauern vom jüngsten Sparprogramm auszunehmen. In den letzten Jahren sind die Ausgaben des Bundes für die Landwirtschaft in etwa konstant geblieben. Sie verteilen sich aber auf immer weniger Betriebe – 53 000 waren es im vergangenen Jahr noch.

Doppelt so gross wie vor 30 Jahren

Die Bauern protestieren seit längerem gegen das «Bauernsterben» und fordern Massnahmen dagegen – wie etwa mehr Geld vom Bund. Allerdings sind die Bauernbetriebe hierzulande, obschon manche zusammengelegt worden sind, im internationalen Vergleich noch immer verhältnismässig klein. Die durchschnittliche Betriebsgrösse beträgt knapp 20 Hektaren. Das ist mehr als doppelt so viel wie vor 30 Jahren – aber nur etwa ein Drittel so viel wie im benachbarten Deutschland (siehe Grafik).

Martin Jucker sieht den Grund dafür in den Fehlanreizen der Landwirtschaftspolitik. Der Staat mache es für die Bauern unattraktiv, zu wachsen. Sein Bruder und er haben es dennoch gemacht. Der Betrieb, den sie gemeinsam führen, umfasst drei Höfe in Seegräben, Rafz (Kanton Zürich) sowie Jona (St. Gallen) mit einer Gesamtfläche von 51 Hektaren Eigenland. Juckers verkaufen ihre Produkte direkt ab Hof, betreiben ein eigenes Restaurant, veranstalten regelmässig eine Kürbisausstellung und bieten Aktivitäten für Gäste wie etwa Beeren selber pflücken oder eine Strohhüpfburg für Kinder. In einer umgebauten Scheune können Seminare abgehalten oder Hochzeiten gefeiert werden. «Das Geschäft geht auf», sagt Martin Jucker.

Schwieriges Bodenrecht

Bis das Unternehmen aber die heutige Grösse erreichen konnte, war es ein steiniger Weg. Zunächst ist es schwierig, zusätzliche Flächen überhaupt zu bekommen. Das bäuerliche Bodenrecht sieht zahlreiche Einschränkungen für Verkäufe vor. Zudem setzt das Gesetz Tätigkeiten ausserhalb der klassischen Landwirtschaft enge Grenzen. Dass die Jucker-Brüder auf ihrem Hof in Seegräben eine Bäckerei betreiben können, in der das hofeigene Getreide verarbeitet wird, war nur möglich, weil ein Teil des Hofes ausserhalb der Landwirtschaftszone liegt – dort wäre so etwas verboten.

Probleme bekamen die Brüder zudem, weil sie die drei Höfe als einen einzigen Betrieb führen wollten, um Synergien zu nutzen und die Administration zu vereinfachen. Dies ist laut Gesetz aber nur erlaubt, wenn die Höfe weniger als 15 Kilometer auseinanderliegen. Ausserdem erhalten grössere Betriebe im Verhältnis weniger Direktzahlungen. Die Betriebsstrukturen wären zudem zu kompliziert geworden, hätte man das Prinzip, wonach der Eigentümer gleichzeitig Betreiber eines Betriebs sein muss, beibehalten wollen.

Das war den ambitionierten Bauern irgendwann zu kompliziert: Sie beschlossen, die Höfe als Aktiengesellschaft zu führen und damit fortan auf Direktzahlungen zu verzichten. Dafür gewannen sie unternehmerische Freiheit. Die finanziellen Einbussen seien verkraftbar gewesen, sagt Martin Jucker. «Der administrative Aufwand, den wir einsparten, war etwa gleich hoch wie die Zahlungen, die wir zuvor erhalten hatten.»

Jucker kritisiert, die schweizerische Landwirtschaftspolitik sei auf «Strukturen wie zu Gotthelfs Zeiten» ausgerichtet. «Früher ging man mit Ross und Wagen aufs Feld und zog einen Einscharpflug hinter sich her. Heute hat der durchschnittliche Traktor 120 PS, und der Pflug hat bis zu acht Scharen. Doch obwohl der Arbeitsaufwand dank des technischen Fortschritts nur einen Bruchteil beträgt, sind die Betriebe nicht annähernd in diesem Ausmass gewachsen.» Viele Bauernbetriebe seien klein und ineffizient, aber sie könnten sich diese Kleinheit leisten, weil sie vom Staat dafür entschädigt würden.

Der Ökonom und Publizist Beat Kappeler sieht es ähnlich. Die Schweizer Landwirtschaftspolitik sei auf eine bestimmte Betriebsform, nämlich jene des Familienbetriebs, ausgerichtet, sagt er. Offenbar sei dies gesellschaftlich erwünscht. «Wir haben in unseren Köpfen das Bild des selbstständigen, selbstgenügsamen Bauers, der seinen eigenen Hof bewirtschaftet.» Dabei sei es selbst aus ökologischer Sicht nicht besser, kleine Betriebe zu haben, so Kappeler. Er plädiert dafür, Landwirtschaftsbetriebe, wenn überhaupt, unabhängig von der Bewirtschaftungsform zu unterstützen.

Der Präsident will Familienbetriebe

Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes, hält den Familienbetrieb hingegen nach wie vor für die geeignete Betriebsform für die Schweizer Landwirtschaft. «Viele Betriebe überleben nur, weil es Familienbetriebe sind, in denen viel Arbeit in den Spitzenzeiten von Verwandten und Bekannten ohne Entschädigung verrichtet wird», sagt er. Trotzdem lägen die Einkommen in der Landwirtschaft 30 bis 40 Prozent unter jenen in vergleichbaren Branchen. Aufgrund dieser Voraussetzungen überlegten sich die Bauern sehr genau, ob sie den Betrieb vergrössern wollten, gerade im Berggebiet, erklärt Ritter, dessen Hof im St. Galler Rheintal 28 Hektaren umfasst. Ausbauen will er nicht. «Dazu müsste ich zusätzliche Arbeitskräfte einstellen und weiter in die Gebäude investieren, und das ist zu teuer im Verhältnis zum zusätzlichen Ertrag.»

Klagen über zu viel Bürokratie

Während die Bauern früher zu einem grossen Teil über Preisstützungen und Produktsubventionen unterstützt wurden, fliesst das Geld inzwischen hauptsächlich in Form von Direktzahlungen. Die Politik erwartet von den Bauern längst nicht mehr nur, dass sie Nahrungsmittel produzieren, sondern auch, dass sie nachhaltig wirtschaften, bestimmte Sorten anpflanzen, die Biodiversität fördern, Wege und Brunnen unterhalten. Für alle diese Tätigkeiten gibt es Beiträge.

Hoher administrativer Aufwand

Die zusätzlichen Anforderungen gehen aber auch mit einem zusätzlichen administrativen Aufwand einher – sowohl bei den Behörden wie auch bei den Bauern. «Der administrative Aufwand ist heute hoch, und er ist mit der Agrarpolitik 2014–17 nochmals gestiegen», kritisiert der Präsident des Bauernverbands, Markus Ritter. Man vergesse, dass landwirtschaftliche Betriebe im Durchschnitt mit 1,3 Familienarbeitskräften arbeiteten, die neben der Arbeit auf dem Hof auch die Papierflut bewältigen müssten. «Die können diese Arbeit nicht einer Sekretärin geben.» Ritter hofft nun auf den Bundesrat. Dieser hatte 2014 ein Projekt für die «administrative Vereinfachung in der Landwirtschaft» lanciert. Im Laufe des Projekts sammelte das Bundesamt für Landwirtschaft Hunderte von Vorschlägen. Einige davon wurden bereits umgesetzt, ein weiteres Bündel soll mit dem Verordnungspaket 2016 folgen, welches der Bundesrat in den nächsten Wochen verabschieden wird.

Lukas Leuzinger

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