«Swisscom führt uns in die Irre»: IT-Unternehmer zweifelt an Erklärungen für Pannen

Am Montag kam es bei der Swisscom erneut zu Störungen. Fredy Künzler, Teilhaber der Internetfirma Init7, glaubt den Erklärungen der Swisscom nicht. Dass die Infrastruktur überlastet wird, sei kaum möglich.

Stefan Ehrbar
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Bei der Swisscom kam es am Montag zu Telefonie- und Internetpannen.

Bei der Swisscom kam es am Montag zu Telefonie- und Internetpannen.

Viele Schweizer machten am Montag zum ersten Mal Home Office. Prompt kam es zu Ausfällen bei der Swisscom. Viele Telefongespräche funktionierten nicht. Es habe drei Mal mehr Anrufe im Mobilfunknetz und massiv mehr im Festnetz gegeben, so die Swisscom. Weil das Telekom-Verhalten der Kunden nicht voraussehbar sei, könne es auch weiter zu punktuellen Überlastungen kommen. Fredy Künzler, Teilhaber der Winterthurer Telekomfirma Init7, glaubt diese Begründung nicht. Init7 beliefert Privatkunden mit Internet und TV. Daneben versorgt die Firma mit etwa 40 Mitarbeitern auch Kabelnetze wie Sasag, GGA Maur oder Improware.

«Ich glaube, die Swisscom führt uns in die Irre», sagt Künzler zur Telefonie-Panne. «Ich glaube, das ist eine dumme Ausrede.» Auch Sunrise und Salt hätten in so einem Fall deutlich mehr Anrufe zu verzeichnen, aber bei beiden habe es keine Probleme gegeben. Zwar koche jeder nur mit Wasser und auch bei der Swisscom könne es Ausfälle geben. «Sie sollten einfach nicht so häufig nacheinander geschehen.»

Er wisse nicht, wo genau der Wurm drin sei, aber er vermute, das Problem liege bei der Organisation der Swisscom. Der Umsatz des Schweiz-Geschäfts der Telekomfirma sei in den letzten Jahren stark gesunken, sagt Künzler. Gleichzeitig erwarte der Bund als Eigentümer seine Dividende. Es sei in der Folge etwa bei der Wartung gespart worden. Gleichzeitig habe die Swisscom alleine für die mittlerweile gestoppte Shopping-Plattform Siroop 140 Millionen Franken in den Sand gesetzt. «Da stimmen die Prioritäten nicht», sagt Künzler. «Die Swisscom braucht eine neue Organisation und eine neue Führung.»

Der IT-Unternehmer Fredy Künzler ist Teilhaber von Init7. Die Firma aus Winterthur beliefert Privat- und Geschäftskunden mit Internet und TV.

Der IT-Unternehmer Fredy Künzler ist Teilhaber von Init7. Die Firma aus Winterthur beliefert Privat- und Geschäftskunden mit Internet und TV.

Die Swisscom verteidigt sich. Die ausserordentliche Lage am Montagmorgen habe zu einem rasanten Anstieg der Nutzung der Dienste geführt, sagt eine Sprecherin. «Das führte zu einer enorm gesteigerten Belastung der Infrastruktur des Fest- und Mobilnetz.» Ein Teil der Anrufe von Privat- und Geschäftskunden habe punktuell nicht aufgebaut werden können. «Wir arbeiten an einer Kapazitätserweiterung und bitten unsere Kunden um eine vernünftige und verantwortungsvolle Nutzung der Netze», so die Sprecherin. Weitere Angaben macht die Swisscom nicht. Warum es auch im Internet-Bereich zu einer Störung kam, sei noch nicht ganz klar. Bei einigen Grosskunden seien die VPN-Verbindungen während eineinhalb Stunden unterbrochen gewesen. «Ein Neustart eines zentralen Netzelementes konnte das Fehlverhalten korrigieren.»

Wegen dem Notstand bleiben nun viele Schüler und Arbeitnehmende zuhause. Dass das zum Problem für die Infrastruktur wird, glaubt IT-Unternehmer Künzler nicht. «Provider haben den Auftrag, einen stabilen Betrieb zu garantieren. Das schaffen wir auch.» Home Office sei kein Problem, da es viel weniger Traffic verursache als etwa Streamingdienste wie Netflix. Dass mit dem faktischen Stillstand in der Schweiz auch die Nutzung von Netflix, Youtube und Online-Gaming zunehme, sei ebenfalls unproblematisch. Künzler geht aber davon aus, dass die Internetnutzung etwas gleichmässiger verteilt sein wird. Normalerweise sei der Traffic am Sonntagabend um etwa 20.30 Uhr am höchsten. Die Internetnutzung nehme danach von Tag zu Tag ab, immer mit einem Höhepunkt am Abend.

Kein Netflix-Verzicht nötig

Dass Schweizer wegen der Krise etwa auf Netflix verzichten müssen, hält Künzler für unwahrscheinlich. Dem «Tages-Anzeiger» hatte das Bundesamt für Kommunikation bestätigt, es könne im Zweifelsfall die Nutzung bandbreitenintensiver Dienste wie Netflix oder Youtube einschränken. Das sei absurd, sagt Künzler. «Meines Erachtens gibt es die rechtliche Grundlage dafür nicht.» Zudem sei Netflix ja gerade ein Mittel, um die Leute zuhause zu behalten - eine wichtige Verhaltensempfehlung, um das Virus nicht weiter zu verbreiten. «Es würde auch nichts bringen», sagt Künzler. Das zeige sich am Beispiel von Netflix.

Für ihre Kunden unterhalte seine Firma sogenannte Cache-Server nur für den Video-Dienst. Vereinfacht gesagt werden alle Inhalte von Netflix dort gespeichert. Ruft nun jemand eine Serie ab, kommt der Stream nicht aus den USA, wo sich Netflix befindet, sondern von einem dieser Cache-Server, die bei Init7 in Zürich und Winterthur stehen. Solche Cache-Server unterhielten alle grossen Traffic-Verursacher wie Google, Facebook oder Youtube in vielen Netzen.

«Infrastruktur ist dafür ausgelegt»

Dass es auf dem Weg von diesen Servern zum eigenen Bildschirm einen Engpass geben könnte, halte er für ausgeschlossen. «Diese Infrastruktur ist für viel grössere Datenmengen ausgelegt», so Künzler. Natürlich könne es aber mal sein, dass der Download einer grossen Datei ein paar Sekunden länger gehe.

Das sei gerade vor einer Woche wieder passiert, als ein neues Release des Online-Spiel «Call of Duty» veröffentlicht worden sei. «Da ist der Traffic beim betroffenen Cache-Server um das Dreifache gestiegen», sagt Künzler. «Mit Home Office oder dem Corona-Virus hatte das aber nichts zu tun.»