Kritik nach Swisscom-Panne: «Für Betroffene ist der Vorfall eine Katastrophe»

Der Telekomkonzern hat Fotos, Videos und Dokumente von Kunden des Speicherdienstes MyCloud gelöscht – unwiderruflich. Die Frage stellt sich, wie so etwas überhaupt passieren konnte.

Andreas Möckli
Drucken
Teilen
Der Telekomkonzern gerät wegen seiner Panne unter Beschuss. Swisscom müsse nun die Verantwortung übernehmen, fordern Politiker. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Der Telekomkonzern gerät wegen seiner Panne unter Beschuss. Swisscom müsse nun die Verantwortung übernehmen, fordern Politiker. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Die Swisscom sieht sich mit einem Debakel konfrontiert. Dabei geht es um den Speicherdienst MyCloud, wo Kunden ihre Bilder, Filme oder Dokumente hochladen. Den Service hat der Telekomkonzern Ende 2015 lanciert und als vertrauenswürdig angepriesen. Nun zeigt sich: Hunderte Kunden mussten feststellen, dass Swisscom gewisse Daten aus Versehen unwiderruflich gelöscht hat. Dies schreiben die Tamedia-Zeitungen.

Swisscom bestätigt auf Anfrage die Panne. «Wir bedauern den Vorfall ausserordentlich», sagt ein Sprecher. Der Konzern sei sich bewusst, dass dies mit grossen Unannehmlichkeiten für die Kunden verbunden sei. Betroffen seien mehrere hundert private Nutzer. Konkreter wird die Ex-Monopolistin nicht. Nur so viel: «Die allermeisten der betroffen Kunden (98 Prozent) haben nur einen sehr geringen Anteil ihrer Daten (maximal 5 Prozent) verloren.»

Wie sieht es mit der Entschädigung aus? Je nach Ausmass des Datenverlusts zeige man sich «entsprechend kulant», sagt der Sprecher. Eine pauschale Entschädigung sei jedoch nicht vorgesehen. Gewisse Kunden hätten ja die Daten noch lokal auf ihrem Rechner gespeichert. Der von den Tamedia-Zeitungen erwähnte Fall, bei dem ein Betroffener 50 Franken erhielt, sei lediglich einer von vielen Fällen.

Peinlicher und schwerwiegender Vorfall

Die Frage stellt sich nun, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Hier wird es rasch kompliziert und technisch. Die Panne geht laut Swisscom auf einen Fehler bei der internen Entwicklung einer Software-Komponente zurück. Zwar speichert Swisscom – wie andere Anbieter auch – die Daten lokal und geografisch mehrfach. Im Fachjargon wird von einer redundanten Speicherung gesprochen. Doch die Sicherung half in diesem Fall nicht. Denn aufgrund der Software-Anpassung wurden die Daten in den Bereich des Speichersystems zur endgültigen Löschung verschoben. Da helfe auch eine redundante Speicherung nicht. Schliesslich müssten die Kunden darauf vertrauen können, dass der Anbieter die Daten tatsächlich löscht, wenn der Nutzer diese aus seinem digitalen Papierkorb entfernt.

Der Vorfall löst weitherum Kritik und Erstaunen aus. So auch bei Franz Grüter. Er ist SVP-Nationalrat und Verwaltungsratspräsident des Telekomanbieters green.ch, der Cloud-Dienste anbietet. «Der Vorfall ist für die Swisscom peinlich und wiegt sicherlich schwer», sagt der Luzerner. Schadenfreude komme aber keine auf. «Die Kunden verlassen sich darauf, dass ein Anbieter die Daten sicher und den Zugang jederzeit sicherstellt.» Das Versprechen habe Swisscom nicht eingehalten, sagt Grüter. So gesehen seien die Kunden letztlich trotz der Swisscom-Cloud in der Verantwortung, die Daten selber lokal zu speichern und für ein Back-up zu sorgen. «Damit wird der eigentliche Grund, Daten in die Cloud zu speichern obsolet», sagt Grüter.

Green.ch und andere Anbieter würden neben der Mehrfachsicherung in der Cloud auch regelmässige Sicherungen durchführen. Wenn dann ein grober Fehler wie bei Swisscom passiere, könne seine Firma im schlimmsten Fall auf die letzte Tagessicherung zurückgreifen.

«Für die Betroffenen ist der Vorfall eine Katastrophe»

Angefragte Politiker reagieren unterschiedlich auf die Panne des Telekomkonzerns, der noch immer zu 51 Prozent dem Bund gehört. «Für die Betroffenen ist der Vorfall eine Katastrophe», sagt SP-Nationalrat Matthias Aebischer. Der Berner sitzt in der Kommissionen für Verkehr und Fernmeldewesen, die sich unter anderem mit der Regulierung der Telekombranche befasst. Aebischer relativiert jedoch die Panne. Speichere eine Person ihre Daten extern, etwa auf einer Cloud, so sei dies immer mit Risiken verbunden. Selbst wer seine Fotoalben physisch zu Hause aufbewahre, müsse im schlimmsten Fall damit rechnen, dass sie etwa bei einem Brand zerstört werden könnten. Zudem bestehe auch immer die Gefahr des Missbrauchs der Daten, wenn sie bei einem externen Anbieter gespeichert würden.

Ähnlich argumentiert FDP-Nationalrat Thierry Burkart, ebenfalls Mitglied der Fernmeldekommission. Der Vorfall zeige einmal mehr, dass Daten nie zu 100 Prozent sicher seien. Fehler wie im Fall der Swisscom bei der Sicherung der Daten könnten immer passieren. Zudem bestehe die Gefahr des Missbrauchs der Daten, wenn sie extern gespeichert würden. Umso mehr trügen Cloud-Anbieter wie die Swisscom eine Verantwortung. Der Aargauer Politiker sagt: «Das hätte nicht passieren dürfen.» Swisscom müsse nun die Verantwortung gegenüber den Kunden wahrnehmen. Unabhängig von der Panne müsse sich die Politik Gedanken machen, wie der Umgang mit Daten künftig besser geregelt werden könne. «Zudem müssen wir klären, wer welche Verantwortlichkeit in solchen Fällen trägt und wie die Kunden ihre Rechte unkompliziert geltend machen können.»

Der Technik nicht blind vertrauen

Fehler passierten überall im Leben, auch im Umfeld des Internets, sagt SVP-Nationalrat Adrian Amstutz. «Wir sollten daraus lernen und nicht immer sofort nach dem Richter schreien.» Als Gegner der elektronischen Stimmabgabe ist für ihn die Panne ein weiterer Beweis dafür, wie hochgradig gefährlich und fehleranfällig das Vorhaben des E-Voting sei. Generell müsse sich die Bevölkerung darauf einstellen, dass der Technik nicht blind vertraut werden dürfe. Amstutz beobachtet, dass viele allzu sorglos mit ihren Daten umgehen. Von gesetzlichen Eingriffen hält er wenig, er appelliert viel mehr an die Eigenverantwortung des Einzelnen.