Swissgrid Informatikprojekt
Swissgrid und die Krux der mühsamen WTO-Ausschreibungen

Nicht nur die Stromnetzbetreiberin Swissgrid tut sich schwer mit WTO-Ausschreibungen. Ein Brancheninsider kritisiert die Praxis und ein Wirtschaftsinformatiker erklärt, warum WTO-Ausschreibungen bei IT-Projekten so mühsam sind.

Daniel Fuchs und Marc Fischer
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WTO-Ausschreibung erst nach 13-Millionen-Franken Kosten: Netzwerkbetreiber Swissgrid

WTO-Ausschreibung erst nach 13-Millionen-Franken Kosten: Netzwerkbetreiber Swissgrid

swissgrid ag

Schon beim skandalumwitterten «Insieme»-Informatikprojekt drehte sich vieles um die für Auftraggeber mühsamen WTO-Ausschreibungen. Um eine solche internationale Ausschreibung zu umgehen, splitteten die Verantwortlichen bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) das Projekt in viele Einzelprojekte auf.

Diese blieben damit unter der magischen Limite von 250’000 Franken, ab der ein IT-Projekt nach WTO-Richtlinien ausgeschrieben werden muss. Die ESTV-Verantwortlichen konnten die einzelnen Projekte somit freihändig vergeben. Mit den bekannten Folgen: Der ESTV-Direktor Urs Ursprung musste letztes Jahr gehen. Und «Insieme» musste schliesslich abgebrochen werden. Schätzungsweise 100 Millionen Franken – Steuergelder – wurden in den Sand gesetzt.

Die 20 Millionen Franken, welche die schweizerische Stromnetzbetreiberin Swissgrid gemäss Recherchen der «Nordwestschweiz» (wir berichteten) in den Sand gesetzt hat, sind zwar ungleich weniger. Jedoch weist der Fall Ähnlichkeiten mit dem «Insieme»-Fiasko auf.

Ein Brancheninsider, der anonym bleiben will, kritisierte die Praxis der WTO-Ausschreibungen gegenüber der «Nordwestschweiz» scharf: «Skandalfirmen gewinnen WTO-Ausschreibungen zu Spottpreisen.» Denn schlussendlich drehe sich alles um den Preis.

Es stellt sich damit bei öffentlichen und halböffentlichen Gesellschaften wie Swissgrid die Frage, ob mit WTO-Ausschreibungen bei IT-Projekten nicht eine Verschwendung von Steuergeldern einhergeht.

250’000 Franken für ein IT-Projekt, dieser Betrag ist schnell erreicht. Thomas Myrach, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bern, erklärt, warum sich Auftraggeber von IT-Projekten so schwer mit WTO-Ausschreibungen tun: «Nach WTO-Vorgaben muss man zu klaren, rationalen und nachvollziehbaren Kriterien ausschreiben. Man muss also eigentlich komplett festhalten, was die Anbieter wie und wann leisten sollen.» Einen entsprechenden Vertrag nennt man «vollständigen Vertrag».

Myrach: «Je immaterieller aber die Produkte werden, umso schwieriger wird die Aufsetzung eines solchen vollständigen Vertrags.» Immateriell – das ist ein IT-Projekt. Es lässt sich schnell erkennen, wenn man ein solches Projekt mit einem Tunnelbauprojekt vergleicht.

«Beim Tunnelbau geht es um Eingriffe in tote Materie, das Gestein eines Bergs. IT-Projekten greifen hingegen tief in eine Organisation ein», so Myrach. Es sei damit ein Eingriff in ein soziales System. Erschwerend komme hinzu, dass IT-Systeme einem laufenden Wandel unterworfen seien, da sich wichtige technische, organisatorische und rechtliche Rahmenbedingungen und Anforderungen immer wieder änderten. Das müsse im System berücksichtigt werden.