Informatik
Swissgrid versenkt Millionen mit gescheitertem IT-Projekt

Ein misslungenes IT-Projekt verschlingt beim Schweizer Stromnetz-Giganten mehrere Millionen. Das Software-Projekt, das nie öffentlich ausgeschrieben wurde, sorgt nun für rauchende Köpfe bei Beteiligten. Fürs Fiasko aufkommen müssen die Steuerzahler.

Marc Fischer
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Die Leitzentrale von Swissgrid in Laufenburg (Archiv)

Die Leitzentrale von Swissgrid in Laufenburg (Archiv)

Keystone

Vor drei Jahren wollte Swissgrid eine Software für das sogenannte Fahrplan-Management entwickeln. Als Netzgesellschaft ist Swissgrid seit der Neuordnung des Schweizer Strommarktes im Jahr 2007 für den Betrieb des schweizerischen Stromnetzes verantwortlich. Dabei muss die Gesellschaft mit Verwaltungssitz in Frick (AG) und operativem Sitz in Laufenburg (AG) quasi im Minutentakt definieren, wo der Strom durchfliessen soll. Diese permanente Steuerung nennt man im Fachjargon Fahrplan-Management.

Die alte Swissgrid-Software wurde für ein modernes Strommanagement als ungenügend empfunden. «Nach einem langen Evaluationsprozess entschied der IT-Chef, man solle die neue Software intern entwickeln», so eine mit den Vorgängen vertraute Person gegenüber der «Nordwestschweiz».

20 Leute an der Arbeit

Doch die Entwicklung des Projekts, das man intern Bilanzgruppenmanagement 2 (BGM-2) nannte, kam nicht voran. Es verschlang immer mehr Geld, Arbeitsressourcen und Mitarbeiter. Gemäss den Recherchen der «Nordwestschweiz» arbeiteten zeitweise 20 Leute am Projekt. «Das Ziel war eine individuelle Lösung, mit der sich Swissgrid von der Konkurrenz abheben wollte», so eine weitere mit den Vorgängen vertraute Person. Es sei so viel schiefgelaufen, dass 5 bis 6 Projektleiter ausgewechselt werden mussten.

Schliesslich entschied die Geschäftsleitung, den Auftrag extern zu vergeben. In das Projekt involviert war unter anderen die in Zug domizilierte Firma IPT. Eine ordentliche öffentliche Ausschreibung hat es aber nie gegeben, obwohl gemäss der Welthandelsorganisation (WTO) IT-Projekte ab 250 000 Franken öffentlich ausgeschrieben werden müssen. «Das Projekt hatte anfangs einen Entwicklungscharakter und wir konnten erst in der zweiten Hälfte 2012 die Anforderungen so definieren, um eine Ausschreibung zu machen», so ein Swissgrid-Sprecher auf Anfrage.

Betroffene Firma schweigt

IPT wollte auf Anfrage keine Stellung nehmen. Für andere beteiligte Personen ist die Sache aber ein grosses Ärgernis. «Mich stört, dass am Schluss der Steuerzahler für die Fehler des Managements aufkommen muss», so eine involvierte Person gegenüber der «Nordwestschweiz». Swissgrid ist eine Aktiengesellschaft, die sich im Besitz der Schweizer Kraftwerke wie Axpo oder Alpiq befindet, die wiederum mehrheitlich im Besitz von Kantonen, Städten und Gemeinden sind. Das finanzielle Risiko trägt am Schluss also der Steuerzahler.

Gemäss involvierten Kreisen wurden für das BGM-2-Projekt bisher rund 20 Millionen Franken ausgegeben. Swissgrid selbst veranschlagt die Kosten auf 12,6 Millionen Franken, wie die Gesellschaft auf Anfrage sagt. Nicht darin enthalten sind allerdings Beträge, die Swissgrid aufgrund unvollendeter Arbeiten bei extern zugezogenen Unternehmen nicht bezahlt hatte. Diese dürften sich gemäss Schätzungen der «Nordwestschweiz» im siebenstelligen Bereich bewegen.

Das Problem bei Swissgrid seien interne Unstimmigkeiten. «Das Management ist zernagt von internen Querelen und mangelnder Kompetenz», wie es in involvierten Kreisen heisst. Insbesondere würden die Prozesse durch einen Grabenkampf zwischen dem Leiter der Systemführung und dem Chief Information Officer erschwert.

Management «stark gefordert»

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert bestätigt der Netzbetreiber, dass das Projekt die verantwortlichen Bereiche stark beansprucht habe. «Der Ersatz eines Bilanzgruppenmanagementsystems ist ein anspruchsvolles und sehr komplexes Vorhaben, das die IT-Organisation stark gefordert hat», so der Netzbetreiber auf Anfrage. Erschwerend sei hinzugekommen, dass die Ablösung des bisherigen Systems in einer Phase der grundlegenden Umgestaltung der bestehenden Marktregeln in Europa erfolgte. Das habe zu neuen, sich verändernden Systemanforderungen geführt, die bei Projektbeginn noch nicht bekannt gewesen seien.

Für das BGM-2-Projekt ist es mittlerweile zu einer öffentlichen Ausschreibung gemäss dem internationalen WTO-Standard gekommen. Dabei soll überprüft werden, ob nicht statt der teuren Individuallösung eine günstigere Standardlösung beschafft werden soll. Nach den Millionen, die das Projekt bereits verschlungen hat, ist die Kostenfrage entscheidend. «Swissgrid wird sich schlussendlich für das wirtschaftlich sinnvollste Vorgehen entscheiden», so der Netzbetreiber.