Landwirtschaft
Syngenta-Chef Mack hat bei sich zu Hause die Bio-Produkte verboten

Syngenta-Chef Michael Mack steht seit Jahren am Pranger – und bleibt trotzdem seelenruhig. Warum lassen ihn die Anschuldigungen von NGO so kalt?

Isabel Strassheim
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Syngenta-CEO Michael Mack (Archiv)

Syngenta-CEO Michael Mack (Archiv)

Keystone

Er ist einer der meistkritisierten Konzernchefs der Schweiz. Nicht wegen seines Gehaltes von 6,7 Millionen Franken, sondern wegen seines Geschäftsfeldes. Michael Mack, seit 2008 CEO des weltgrössten Agrarchemiekonzerns Syngenta, muss mit Anfeindungen leben. Seit Jahren.

Mack ist der Herr der Pflanzen. Mit acht «strategischen Nutzpflanzen» wie Mais, Weizen und Sonnenblumen will der Amerikaner ab 2020 einen Umsatz von jährlich 25 Milliarden Dollar machen – im Moment sind es 13,4 Milliarden. Der 53-Jährige forciert die weltweite Industrialisierung der Landwirtschaft mit Pflanzenzüchtungen und Spritzmitteln. Der Mann mit den hellwachen Augen arbeitet seit zehn Jahren bei Syngenta und wird kritisiert wegen des Bienensterbens, der Gentechnik oder des Herbizids Paraquat (siehe Box).

Paraquat: Entscheid über Verbot

Vor einer Woche entschied die EU-Kommission, ein Produkt von Syngenta vorübergehend zu verbieten, weil es die Bienenvölker schwächen soll. Jetzt drohen Syngenta zwei weitere Verbote wichtiger Umsatzträger. Gemäss der «Schweiz am Sonntag» entscheiden am Donnerstag die über hundert Unterzeichnerstaaten der Rotterdam-Konvention, ob sie das hochgiftige Unkrautvernichtungsmittel Paraquat in ihre Verbotsliste aufnehmen. In der Schweiz ist der Verkauf seit Jahren untersagt, in der EU seit 2007.
In den USA startet die Umweltbehörde Mitte Jahr zudem eine Neuüberprüfung der Zulassung für den Unkrautvertilger Atrazin. (tsc)

«Die grösste Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist die nachhaltige Ernährung der wachsenden Bevölkerung», sagt Mack. Das betont er im Geschäftsbericht, im Interview oder vor den Aktionären. Nicht ohne Grund: Bis 2050 dürfte die Weltbevölkerung auf 9 Milliarden Menschen anwachsen, Jahr für Jahr müssen 80 Millionen Menschen mehr ernährt werden. Das sieht der Harvard-Ökonom als seinen Auftrag. Man könnte fast meinen, sein Konzern sei nicht ein kommerzielles Unternehmen, sondern ein Welternährungsprojekt.

Der Kampf um eine industrielle oder ökologische Ausrichtung der Landwirtschaft ist im vollen Gange. Und Mack steht mittendrin. «Ich kenne keinen, der ruhiger und ausgeglichener ist», sagt Stefan Borgas. Der frühere Lonza-Chef sitzt seit vier Jahren im Syngenta-Verwaltungsrat, in den Mack gerade wieder gewählt wurde. Mike Mack fahre nie aus der Haut, so Borgas.

Ruhe gehört zu Macks Profession. An der Generalversammlung ist das spürbar. Bei ihm liegen die Nerven nicht blank wie bei Verwaltungsratspräsident Martin Taylor. Der Brite verliert während der beinahe zwei Stunden langen Kritik von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen fast die Fassung, als er eine Greenpeace-Vertreterin anherrscht: «Sie lobbyieren und lügen und jagen den Menschen Angst ein. Sie haben kein Recht, uns zu belehren.»

Greenpeace hatte ein paar Tage zuvor am Syngenta-Hauptsitz in Basel ein Banner entrollt mit dem Slogan «Syngenta-Pestizide töten Bienen». Der Konzern habe zwar nicht die alleinige Schuld am Bienensterben, aber er trage mit seinem Gift auf Neonikotinoid-Basis dazu bei. Als Neonikotinoide werden eine Gruppe von hochwirksamen Insektiziden bezeichnet. Sie alle sind synthetisch hergestellte nikotinartige Wirkstoffe und wirken als Nervengift. Inzwischen haben die Europäische Union und auch die Schweiz diese Pestizide für zwei Jahre verboten.

Was auch passiert, Mack bleibt diplomatisch und hält sich in seiner Argumentation an die Konzernlinie. Die lautet in puncto Bienensterben: Die Varroa-Milbe ist der alleinige Grund. «Syngenta kennt die Kritik, aber bitte verstehen Sie, dass wir die Wissenschaft, die hinter unseren Produkten steht, verteidigen müssen», so Mack mit ruhiger Stimme an der Generalversammlung.

Ob bei Pestiziden oder Genpflanzen – Macks Argumentation folgt folgendem Schema: Syngenta vertritt die wahre Wissenschaft, Kritiker eine «Ideologie». Syngenta hilft den Bauern, die Kritiker aus den Städten haben «romantische Vorstellungen» von moderner Landwirtschaft. Syngenta sichert die Welternährung, staatliche Verbote von Pestiziden oder Gentechnik mehren den Hunger. Und schliesslich: Syngenta agiert wissenschaftlich, Gegner sind «politisch» und interessengesteuert.

Ein solches Schwarz-Weiss-Denken erlaubt kaum einen offenen Diskurs. Mit der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern (EvB) ist Mack als Konzernchef zwar in Kontakt. Ein echter Dialog kommt gemäss dem EvB-Experten François Meienberg aber nicht zustande. Im Gegensatz zu anderen Konzernen könne er mit Syngenta kein gemeinsames Ziel entwickeln, sagt Meienberg. Mack bleibt hart im jahrelangen Streit um das Unkrautvernichtungsmittel Paraquat, an dem Plantagenarbeiterinnen und Bauern in Entwicklungsländern erkranken oder sterben. Dabei wurde das Gift inzwischen in vielen Staaten verboten und selbst Konzerne wie Dole oder Chiquita sind auf Alternativen umgestiegen.

Mack ist oft in Asien und Afrika, dem Expansionsgebiet des Konzerns. Das Leid der Menschen dort scheint ihn nicht kalt zu lassen. Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass er privat für Hilfsorganisationen in Entwicklungsländern spendet. Er hänge seine Unterstützung aber nicht an die grosse Glocke. In seinen eigenen vier Wänden hat Mack Bio-Produkte verboten, wie er in Interviews erklärt. Seine beiden Töchter kommen gerade in die Pubertät. So könnte Mack auch zu Hause bald kritischen Fragen und Bio-Bananen ausgesetzt sein.