ChemChina

Syngenta-Chef: «Man kann von den Chinesen halten, was man will, aber sie sind nicht dumm»

John Ramsay, der Chef des Agrochemie-Konzerns Syngenta, verteidigt den Verkauf der Firma an die ChemChina.

Andreas Schaffner
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Der 59-jährige Schotte ist seit der Syngenta-Gründung im Jahr 2000 dabei. Seit 2007 ist er Finanzchef, seit November 2011 zugleich CEO ad interim.

Der 59-jährige Schotte ist seit der Syngenta-Gründung im Jahr 2000 dabei. Seit 2007 ist er Finanzchef, seit November 2011 zugleich CEO ad interim.

Keystone

Die Ankündigung, dass Syngenta von ChemChina gekauft wird, war für viele Mitarbeiter ein Schock. Wie waren für Sie die vergangenen Wochen seit der Ankündigung im Februar?

John Ramsay: Diese Ankündigung hat nichts an unserer Strategie verändert und wird nichts daran ändern. Darüber hinaus war die Zeit davor unglaublich schwierig. Sowohl für die Firma als auch für die Mitarbeiter.

Sie meinen, als Monsanto die Übernahme wollte?

Ja. Die Ungewissheit, verbunden mit den Medienberichten über die Übernahmeschlacht, war fast nicht auszuhalten. Deshalb war es eine Erleichterung, als man endlich wusste, wer der neue Hauptaktionär sein wird. Wir konnten endlich auch unseren eigenen Mitarbeitern wieder entgegentreten und die guten Seiten unserer Firma herausstreichen.

Ihre eigene Mitarbeiter hatten also den Eindruck, dass sie bei einer schlecht laufenden Firma arbeiten?

Genau. Das ist aber nicht wahr. Das zeigen auch unsere neusten Zahlen. Wir haben die Profitabilität 2015 steigern können. Das schaffte keiner unserer Konkurrenten. 2016 geht es so weiter. Die Bauern wollen die neusten Produkte von uns, um ihre eigene Produktivität zu erhöhen. Im ersten Quartal haben wir den Umsatz, in Landeswährungen gerechnet, halten können. Dies trotz tiefen Rohstoffpreisen und einem sehr schlechten weltwirtschaftlichen Umfeld.

Sie haben die Preise angehoben, um die Währungsdifferenzen auszugleichen?

Ja, wir haben die Preise angehoben, insbesondere in Osteuropa. Die Währungsschwankungen sind für uns das grösste Problem.

Zurück zur Eigentümerfrage: Mit einem chinesischen Eigner stellt sich die Frage: Müssen Sie sich nicht in den Dienst Chinas stellen? Hier ist noch viel Unsicherheit vorhanden.

Die Zukunft kann man nie wirklich hundertprozentig voraussagen. Man kann aufzeigen, welche Annahmen man trifft, und, worauf die begründet sind. Für mich ist eines sicher: China muss sich um die Ernährung seiner Bevölkerung kümmern. Es braucht die Technologie, die wir anbieten.

Währungsschwankungen belasten das Ergebnis

Der Umsatz des Basler Agrochemiekonzerns Syngenta sank im ersten Quartal um 7 Prozent auf 3,7 Milliarden Dollar. Da das Unternehmen in Dollar bilanziert, hinterlassen die Stärke des Dollars während des grössten Teils des Quartals sowie die Währungsabwertung in den ehemaligen Sowjetstaaten ihre Spuren. Zu konstanten Wechselkursen wäre der Umsatz unverändert ausgefallen. Die Verkäufe von Pflanzenschutzmitteln brachten Syngenta zum Jahresauftakt 2,6 Milliarden Dollar ein. Das sind 8 Prozent weniger als im Zeitraum von Januar bis März 2015. Auch Saatgut war weniger gefragt. Dagegen zog das Geschäft mit Rasen- und Gartenprodukten an. Gewinnzahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt. (sda)

Es besteht aus Ihrer Sicht also kein Zweifel daran, dass Syngenta von den Chinesen künftig aufgespalten wird?

Nein. Mit Syngenta haben die Chinesen einen Diamanten gekauft. Und sie werden nie und nimmer so etwas zerstören wollen. Man kann ja von den Chinesen halten, was man will, aber sie sind sicher nicht naiv und dumm. Im Gegenteil. Sie wissen ganz genau, was sie kaufen.

Und der Standort Schweiz? Wie stark wird der wanken?

Wir sind ja nicht in der Schweiz nur aus historischen Gründen. Sondern weil wir hier die besten Talente und das beste Umfeld haben. Wir hätten unseren Hauptsitz ja schon früher umziehen können. Aber wir taten dies bewusst nicht. Und das werden sicher auch die neuen Eigentümer bedenken.

Die Aktienkursentwicklung zeigt, dass man ihnen noch nicht glaubt. Aktionäre befürchten, dass es noch regulatorische Hinternisse gibt. Insbesondere muss das gefürchtete «Committee on Foreign Investment in the U.S.» (CFIUS), das sich um die Sicherheitsinteressen der USA kümmert, noch über die Bücher.

Wir sind völlig auf Kurs, was den Kaufprozess betrifft. Wir gehen davon aus, dass der Kauf wie geplant bis Ende Jahr abgewickelt werden kann. Was wir am Aktienkurs ablesen können, sind Unsicherheiten bei der Bewertung der behördlichen Entscheide. Anleger versuchen, die Risiken zu bewerten. Eine solche Aktienkursentwicklung ist bei Unternehmenskäufen dieser Art üblich.

Was ist, wenn ein Unternehmen kommt und noch mehr für Syngenta bietet?

In einem solchen Fall wäre der Verwaltungsrat verpflichtet, sich das Angebot anzuhören.

Sie haben kurz nach Ihrer Amtsübernahme Anfang Jahr eine Strategieüberprüfung angekündigt. Wie weit sind Sie damit?

Im Wesentlichen ging es darum, dass wir unsere Strategie, die wir 2011 definiert haben, anpassen wollen. In den Märkten, in denen der integrierte Ansatz – dass wir sowohl Saatgut als auch Pflanzenschutzmittel gemeinsam verkaufen – nicht funktionierte, wollen wir davon absehen. Das betrifft etwa die USA, wo wir die Verkaufsteams wieder separiert haben.

Vor der heutigen Generalversammlung veröffentlichte die NGO Multiwatch ein Schwarzbuch. Darin wird Syngenta vorgeworfen, für Umweltschäden mitverantwortlich zu sein. Auch für Menschenrechtsverletzungen. Wie lautet Ihre Antwort?

Die Vorwürfe kennen wir. Es ist gewissermassen eine Ironie, dass die NGO, die sich um das Wohl der Entwicklungsländer sorgen, verhindern wollen, dass diese eine Technologie erhalten, die ihnen zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verhelfen könnte.