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Syngenta-Verwaltungsrat Jürg Witmer: «Wir sind keine Befehlsempfänger»

Jürg Witmer, amtsältester Verwaltungsrat beim Basler Agrochemiekonzern Syngenta, spricht über den Einfluss des chinesischen Besitzers. Chemchina halte sich an die Abmachungen.
Interview: Andreas Möckli
Syngenta-Verwaltungsrat Jürg Witmer. (Bild: Claudio Thoma (Zürich, 11. Dezember 2018))

Syngenta-Verwaltungsrat Jürg Witmer. (Bild: Claudio Thoma (Zürich, 11. Dezember 2018))

Vor der Übernahme durch Chemchina war Syngenta ein unabhängiges, börsenkotiertes Unternehmen. Und heute?

Jürg Witmer: Syngenta ist noch immer ein führender, global tätiger Konzern im Agrochemiesektor mit Hauptsitz in der Schweiz. Man mag Syngenta als Schweizer Unternehmen bezeichnen. Das stimmt zwar. Aber was heisst das schon, wenn nun viele behaupten, mit der Übernahme durch Chemchina sei eine Schweizer Firma verlorengegangen? Als wir noch an der Börse kotiert waren, kamen vielleicht 1000 Aktionäre an die Generalversammlung. Diese vertraten jedoch nur ein bis zwei Prozent des Aktienkapitals, der Rest war in den Händen ausländischer Investoren und ihrer Stimmrechtsvertreter.

Die grosse Mehrheit war also in ausländischem Besitz?

Das stimmt. Die Generalversammlung (GV) war letztlich eine Art Landsgemeinde. Sie war mit viel Folklore verbunden sowie mit Kaffee und Gipfeli. Dabei traten die üblichen Kleinaktionäre und die obligaten Nichtregierungsorganisationen auf. Es war eine Gelegenheit, Dampf abzulassen. Das ist bei anderen grossen Schweizer Firmen nicht anders.

Sie halten wenig davon, wenn man sagt, Syngenta sei ein eigenständiges Schweizer Unternehmen gewesen?

Man muss das relativieren. Sei es bei Syngenta oder bei anderen grossen Schweizer Konzernen: Hier befinden sich Hauptsitz und Entscheidungszentrum, aber diese Firmen sind global tätig. Vergessen wir nicht: die Schweiz ist für die hiesigen grossen Konzerne als Markt unbedeutend.

In Bevölkerung und Politik besteht die Angst, dass der Bezug zur Schweiz verloren geht. Das sieht man etwa an der Firmenspitze. In der Geschäftsleitung gibt es keine Schweizer, im Verwaltungsrat sitzt neben Ihnen nur noch einer.

Nochmals, wir sind ein global tätiges Unternehmen. Qualität des Managements und fachliche Kompetenz des Verwaltungsrates sind sehr gut. Darauf kommt es letztlich an. Der amerikanische Konzernchef Erik Fyrwald war zuvor unter anderem bei Dupont für den Agrochemieteil zuständig. Der Chef des Saatgutbereichs hat das Geschäft von der Pike auf gelernt. Sowohl die Pflanzenschutzsparte als auch deren Forschung werden aus der Schweiz heraus geführt. Der Saatgutbereich ist zum Grossteil in den USA angesiedelt, wo sich der Hauptmarkt befindet. Letztlich ist alles Teil eines globalen Verbunds.

Trotzdem sind die Ängste da. Haben Sie kein Verständnis dafür?

Natürlich. Aber glauben Sie, Chemchina zahlt 43 Milliarden Dollar in bar, um danach die Substanz aus der Firma herauszuziehen? Damit würden sich die Chinesen selber schaden. Die Mitarbeiter von Syngenta haben einen grossen Erfahrungsschatz. Daran halten wir fest. Es steht überhaupt nicht zur Diskussion, strategische Bereiche von Syngenta aus der Schweiz abzuziehen. Daran ändert auch der Verkauf des Geländes und der Gebäude am Basler Hauptsitz nichts.

Investiert Syngenta heute noch vergleichbar stark in den Schweizer Standort, wie es vor der Übernahme durch Chemchina der Fall war?

Natürlich. Wir haben in den letzten zehn Jahren gegen eine Milliarde Franken in der Schweiz investiert. Das Forschungszentrum in Stein AG und das Werk in Monthey VS sind gut aufgestellt und werden wichtige Standorte für Syngenta bleiben. Zudem investieren wir in Forschung und Entwicklung jährlich über eine Milliarde in der Schweiz, den USA und China.

Nach dem Abgang von Vizepräsident Michel Demaré und von Geschäftsleitungsmitglied Christoph Mäder mehren sich die Zweifel, ob sich Chemchina an die früher gemachten Abmachungen hält.

Die Abmachungen von damals gelten weiterhin. Sollte Chemchina zum Beispiel versuchen, die Firma auszuhöhlen oder den Sitz zu verlegen, könnten sich die vier unabhängigen Verwaltungsräte dagegen wehren. Ich leite diesen Ausschuss innerhalb des Gremiums und bemühe mich um eine saubere Governance. Syngenta wurde auch zugesichert, dass wir eine einwandfreie Bonität, das sogenannte Investment Grade, behalten. Diese Abmachungen bestehen für fünf Jahre und sind wichtig für einen künftigen Börsengang.

Es stellt sich die Frage, wie stark die Chinesen Einfluss nehmen. Wie viel haben die unabhängigen Verwaltungsräte überhaupt noch zu sagen?

Wir sind ein nach Schweizer Recht organisiertes Unternehmen. Dafür stehe ich ein. Das Gremium besteht aus qualifizierten Personen und ist international zusammengesetzt, mit zwei Verwaltungsräten aus China. Wir sind keine Befehlsempfänger.

Dennoch hat Chemchina das Sagen.

Das ist bei anderen Firmen auch so. Sind die Aktionäre mit einem Verwaltungsrat nicht zufrieden, können sie ihn abwählen.

Sehen Sie sich als Hüter der damaligen Abmachungen mit Chemchina?

Das ist so. Ich war schon lange vor der Übernahme durch Chemchina im Verwaltungsrat. Ich wurde nicht von ihnen eingesetzt und bin unabhängig.

In der Schweiz wie in Europa wächst die Kritik am Ausverkauf hiesiger Firmen nach China. Auch der Bundesrat hat Vorbehalte bei Übernahmen strategisch sensibler Unternehmen geäussert. Wie stehen Sie dazu?

Wenn es um strategische Interessen wie etwa die Energieinfrastruktur eines Landes geht, bin ich für staatliche Interventionen. Aber das muss in einem sehr engen Rahmen bleiben. Zwar ist die Agrochemie für die Schweiz wichtig, aber tangiert dennoch keine strategischen Interessen.

Jürg Witmer (70) wurde 2006 in den Verwaltungsrat von Syngenta gewählt, dem er bis heute angehört. Zwischen 2008 und 2012 war er auch Präsident des Baselbieter Spezialchemiekonzerns Clariant.

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