Schon fast wieder Vorkrisenniveau: Das steckt hinter dem Börsenwunder

Glaubt man dem Aktienindex, liegt die Corona-Krise schon fast hinter uns. Das Phänomen hat handfeste Gründe.

Daniel Zulauf
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Die Schweizer Börse hat schon bald das Vorkrisenniveau wieder aufgeholt.

Die Schweizer Börse hat schon bald das Vorkrisenniveau wieder aufgeholt.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Der Swiss-Peformance-Index (SPI), der das ganze Schweizer Aktienuniversum, abdeckt, steht im Vergleich zum Jahresbeginn nur noch rund vier Prozent im Minus. Doch der Scheint trügt. Von den 214 Aktien, die an der Six Swiss Exchange gehandelt werden, bewegen sich vier Fünftel im roten Bereich.

Acht von zehn Aktien sind Verlierer

Der Median oder Zentralwert, also die Aktie, die exakt in der Mitte der SPI-Rangliste steht, war am vergangenen Freitag diejenige von «Meier Tobler». Die Papiere der Zürcher Sanitär- und Heizungstechnik-Firma haben seit Jahresbeginn 12,5 Prozent verloren. Dieser Wert ist insofern aussagekräftiger als eine Indexveränderung, als er eine Aussage über die Repräsentativität der allgemeinen Börsenentwicklung zulässt. So zeigt aktuell der deutlich negative Zentralwert, dass es um die grosse Mehrheit der Aktien an der Schweizer Börse weit weniger gut bestellt ist als erstaunliche Erholung des SPI-Index suggeriert.

Im Index haben die sogenannten «Blue-Chips», die Unternehmen mit dem höchsten Börsenwert, das grösste Gewicht. Nestlé, Novartis und Roche kommen zusammen auf etwa die Hälfte des Börsenwertes aller Aktien im SPI. Die gute Kursentwicklung der Roche-Titel, die seit Jahresbeginn trotz Corona-Krise um rund acht Prozent vorrücken konnten, hat deshalb einen sehr grossen Anteil am schönen äusseren Bild der Börse.

Die Schweizer Börse stellt auch im internationalen Vergleich keine Ausnahme dar. Gerade in Krisenzeiten konzentriert sich die Nachfrage der Investoren erfahrungsgemäss auf Aktien grosser Unternehmen. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Anleger diesen Unternehmen eher zutrauen, die Dividendenzahlungen über einen langen Zeitraum und über die Krise hinaus aufrecht zu erhalten. Das ist umso wichtiger, als die ohnehin schon grosse Bedeutung der Dividenden für Aktienkurs im aktuellen Ultratiefzinsumfeld weiter gestiegen ist.

Investoren sind bereit für die Aktien vermeintlich zuverlässiger Dividendenzahler wie Nestlé, Roche oder Novartis immer höhere Preise zu zahlen, denn solche Investitionen sind relativ betrachtet lohnender, je weiter das allgemeine Zinsniveau sinkt.

Aufstieg oder Schrumpfung

Allerdings können sich auch grosse Firmen nicht darauf verlassen, dass sie den Status als «Blue-Chip» bis in alle Ewigkeit behalten. Die blauen Jetons haben im Pokerspiel den höchsten Wert. Daher der Begriff Blue-Chips. Grosse Rezessionen stellen oft wichtige Wendepunkte in der Geschichte von Unternehmen dar. Einige werden stärker, andere verlieren. So haben zum Beispiel die Aktien des amerikanischen Elektroautobauers Tesla seit Jahresbeginn um 94 Prozent an Wert gewonnen, während die Titel des deutschen Autobauertrios BMW, Daimler und VW in der gleichen Zeit zwischen 22 Prozent und 29 Prozent an Wert verloren haben.