TABAKINDUSTRIE: Automatisiert und handgeprüft

Japan Tobacco hat die Produktion ihrer Zigaretten nun komplett automatisiert. Die Dagmerseller müssen sich in einem doppelten Wettbewerb behaupten.

Rainer Rickenbach
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Die Zigarettenherstellung bei Japan Tobacco International in Dagmersellen wird künftig nur noch von Maschinen erledigt. Einzig bei der Qualitätskontrolle – das Bild zeigt Mitarbeiterin Edith Fellmann – wird der Tabak vom Personal angefasst. (Bild Boris Bürgisser)

Die Zigarettenherstellung bei Japan Tobacco International in Dagmersellen wird künftig nur noch von Maschinen erledigt. Einzig bei der Qualitätskontrolle – das Bild zeigt Mitarbeiterin Edith Fellmann – wird der Tabak vom Personal angefasst. (Bild Boris Bürgisser)

Der weisse Vorhang öffnet sich. Dahinter kommt eine ins Spotlicht getauchte Maschine mit grossem armähnlichem Teil zum Vorschein. Die Gäste und Mitarbeitenden klatschen.

So präsentierte gestern die Japan Tobacco International (JTI) in Dagmersellen ihren neusten Roboter. Es handelt sich um einen Prototyp, den die ABB eigens für den Zigarettenhersteller im Kanton Luzern entwickelt hat. Er schliesst bei JTI die letzte nicht automatisierte Lücke: Der Roboter ist in der Lage, täglich 15 Tonnen Kartonkisten mit Tabakware fein säuberlich von der Auslieferrampe in die Container zu laden. Diesen letzten Akt in der Produktionskette erledigten bisher drei starke Männer in beschwerlicher Muskelarbeit.

Mitarbeiter-Zahl bleibt konstant

«Der Kreis ist geschlossen. Von der Anlieferung des Rohstoffes bis zur Auslieferung der Produkte ist der ganze Herstellungsprozess jetzt automatisiert. Nur noch bei der Qualitätskontrolle fassen Mitarbeitende den Tabak an», sagt Hubert Erni, Direktor der Schweizer Produktionsstätte des japanischen Tabakkonzerns.

In der Tat schwirren in den Lagerhallen Roboter-Hubstapler umher, und bei der eigentlichen Zigarettenherstellung erledigen die Maschinen in aufeinander abgestimmten Herstellungsschritten die Arbeit. 185 Millionen Franken hat der Konzern während zehn Jahren in die Straffung der Abläufe investiert. Die Zahl der Mitarbeitenden blieb dabei konstant um die 300. Was in der Produktion an Stellen verloren ging, kam beim Marketing und an Maschineningenieuren hinzu. 9,9 Milliarden Zigaretten verliessen im vergangenen Jahr die Produktionsstätte in Dagmersellen. In ihnen sind 5780 Tonnen Tabak und 595 000 Kilometer Papier in Zigarettenbreite verarbeitet. Am weitesten verbreitet sind in der Schweiz die JTI-Marken Camel, Winston und B & H. Doch nur 19 Prozent der im Wiggertal hergestellten Glimmstängel gelangen freilich auf den inländischen Markt – Tendenz weiter sinkend. Erni: «Der Schweizer Markt schrumpft.»

Bessere Perspektiven bieten sich im Nahen und Mittleren Osten, wohin der grosse Rest aus der Schweizer JTI-Produktion exportiert wird. Dort sind die Vorschriften für Tabakwaren weniger streng als in Westeuropa und in den USA. Etwa was den Nikotingehalt angeht: Der darf in dieser Region 10 Milligramm übersteigen. In den EU-Ländern hingegen herrscht nicht nur ein Verkaufsverbot für so starken Tabak, er darf dort auch nicht hergestellt werden. Die Schweiz kennt zum Verdruss der EU diese Zehnerlimite für Exportprodukte in den Nahen Osten nicht.

Exportvorteil wiegt Währung auf

Das kommt dem Standort Dagmersellen innerhalb des Konzerns zugute. Der Reglementierungsrückstand wiegt die Nachteile auf, die der starke Franken und das vergleichsweise hohe Lohnniveau mit sich bringen. «Kommt hinzu, dass Tabakprodukte aus der Schweiz und Europa generell im Nahen Osten einen guten Ruf geniessen», so Erni. Dagmersellen ist innerhalb des japanischen Konzerns eine mittelgrosse Produktionsstätte. Erni: «Um diese Position zu halten, war die Modernisierung der Anlagen unbedingt nötig. Hätte die Konzernführung nicht an unseren Standort geglaubt und die hohen Investitionen unterstützt, müssten wir wohl um ihn bangen.»

Interne und externe Konkurrenz

Wie schnell das gehen kann, verdeutlichen andere JTI-Ableger in Europa: Weil die EU die in Grossbritannien und Irland beliebten Zehnerpackungen verbieten will, ist die Zukunft von gleich zwei Standorten unsicher.

Nebst dem internen Wettbewerb steht der Schweizer JTI-Ableger selbstredend in Konkurrenz mit den drei andern grossen Tabakkonzernen China National Tobacco (beschränkt sich bisher auf den Binnenmarkt), Altria (USA), British American Tobacco sowie vielen lokal tätigen Firmen.