Sharing Economy
Teilen statt Kaufen: Die Konsumenten sind die Gewinner

Das Sharing ist auf dem Vormarsch, als Lebensstil und als Konsumverhalten. Neue Technologien geben der nicht ganz neuen Idee des Teilens enorme Sprengkraft

Tommaso Manzin
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«Sharing Economy»: Vereint im weltweiten Netz des Teilens.

«Sharing Economy»: Vereint im weltweiten Netz des Teilens.

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Nutzen ohne Last. So liesse sich das Konsumverhalten beschreiben, das auch ein Lebensgefühl ist: Teilen. Sharing-Dienste schiessen wie Pilze aus dem Boden. Dabei bieten Private auf Internetplattformen Dienste an, indem sie etwas teilen – das Auto, die Wohnung, die Couch usw.

Der Trend zur Nutzung ohne die Verpflichtung von Eigentum macht etwa Autobauern Sorgen. Immer weniger Junge erwerben ein Auto, es reicht ihnen, eins nutzen zu können, ohne sich um Versicherungspolicen oder einen fixen Parkplatz zu kümmern. Das hat Konsequenzen: Mieter in den Städten sind nicht mehr unbedingt bereit, für einen Parkplatz zur Wohnung zu zahlen, gab jüngst ein grosser Zürcher Immobilienentwickler zu bedenken.

Die totale Teilbarkeit

Das Gesetz der Teilbarkeit unterwirft Branche um Branche. Die Taxifahrer protestieren schon lange gegen den Mitfahrdienst Uber, aber auch Banken erhalten Konkurrenz durch Finanzierungsplattformen auf Gegenseitigkeit wie Crowdinvest. Peer-to-Peer-Kredite und Crowdfunding (vgl. Glossar unten) machen zwar derzeit noch eins bis zwei Prozent des Kreditvolumens aus, aber sie wachsen in den USA und in Europa mit Jahresraten von 30 Prozent. Damit könnten sie bis 2025 einen Marktanteil von 25 Prozent erreichen, wie die Credit Suisse (CS) in einem Artikel vorrechnet. Auch die Beratungsindustrie bekommt Konkurrenz, nämlich durch die Bewegung von Open Innovation (Atizo), und Plattformen wie Gengo machen klassischen Übersetzungsbüros die Kunden streitig – und zwar global. Es lassen sich mittlerweile sogar «teilbare» Grafik- und Designanwendungen (99designs) oder Filmschneideservices finden. Die Musikverleihindustrie ächzt unter Streamingdiensten wie Spotify.

atizo Atizo – Geld für gute Ideen. Auf der Schweizer Brainstorming-Plattform suchen Unternehmen Antworten auf betriebliche Herausforderungen – etwa zu einem Namen für ein neues Produkt, einem originellen Verpackungsdesign oder einem griffigen Werbeslogan. Beantwortet werden die Anliegen von Tausenden kreativen Denkern der Online-Community.
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uber Uber vermittelt per App oder über die Webseite Fahrgäste an private Fahrer mit eigenem Auto. 2009 in San Francisco gegründet, wird der Dienst auch in der Schweiz immer beliebter. Alleine in Zürich soll es rund 100 000 Nutzer und eine hohe dreistellige Zahl an Fahrern geben. Erst kürzlich demonstrierten Taxifahrer in Bern gegen die Konkurrenz aus dem Silicon Valley.
airbnb Airbnb entstammt ebenfalls der Ideen-Schmiede Silicon Valley. Der Online-Marktplatz vermittelt weltweit private Übernachtungsmöglichkeiten. Nach eigenen Angaben stehen auf der Webseite derzeit mehr als zwei Millionen Inserate in 190 Ländern zum Angebot. Seit der Gründung 2008 soll das Unternehmen bereits mehr als 60 Millionen Übernachtungen vermittelt haben.
99designs 99designs ist eine Webplattform zur Vermittlung von Grafikdienstleistungen. Das Unternehmen wurde 2008 im australischen Melbourne gegründet. Firmen, die Bedarf an einem Logo haben, schreiben den Auftrag online aus und wählen ein Leistungspaket. Je mehr sie zu zahlen bereit sind, desto mehr Designer aus der Internet-Community nehmen an der Ausschreibung teil.
clickworker Clickworker setzt – getreu dem Crowdsourcing-Prinzip – auf das Know-How und die Leistung tausender Internet-User. Unternehmen publizieren ihre Aufgaben auf der Webplattform. Dabei kann es um die Erstellung von Texten, Online-Recherche und viele andere Arbeiten gehen. Mehr als 700 000 sogennante Clickworker arbeiten laut eigenen Angaben für die Plattform.
couchsurfing CouchSurfing zählt zu den bekanntesten Vorreitern des Sharing-Prinzips. Die aktuell mehr als zehn Millionen Mitglieder nutzen die Plattform, um eine kostenlose Unterkunft für ihre Reise zu finden oder selbst einen Schlafplatz anzubieten. Die 2003 als Non-Profitgesellschaft gegründete Webplattform verkündete 2011 ihren Wechsel zu einer gewinnorientierten Organisation.
crowdinvest Crowdinvest setzt auf das kollektive Wissen seiner User, um Aktienkurse zu prognostizieren. Die Nutzer werden regelmässig zu den 30 grössten Titeln des Schweizer Börsenmarkts befragt und entscheiden, ob sie eine Aktie kaufen, verkaufen oder halten würden. Auf dieser Basis erstellt das Startup ein Anlegerportfolio. Noch ist der Dienst aber in der Testphase.
hackerslist Hackerslist ist ein Marktplatz für Hacking-Dienstleistungen. Man kann gezielt nach einem Hacker mit bestimmten Fähigkeiten suchen oder man gibt ein Gesuch auf. Von harmlosen Wünschen wie der Wiederherstellung eines Passworts bis zu dubioseren Geschichten wie der Informationsbeschaffung über einen Internetuser erhält man auf Hackerslist fast alles.
sharely Sharely ist die erste Schweizer Miet- und Vermietplattform für Alltagsgegenstände. Ob Tischkreissäge, Brotbackmaschine oder Tandem – auf Sharely wird fast alles vermietet. Den Preis und die Ausleihdauer für die vermieteten Gegenstände dürfen die registrierten Mitglieder selbst festlegen. 80 Prozent des Mietpreises erhält jeweils der Vermieter, der Rest geht an den Betreiber Sharely.
workspace2go Workspace2Go nimmt sich dem Problem der leerstehenden Räumlichkeiten an. Auf der Webplattform des Zürcher Startups können Firmen nicht genutzte Büros und Sitzungszimmer stundenweise, halbtags oder ganztägig anbieten. Die Firmen erhalten dafür bares Geld, die Kunden preiswerte und angesagte Lokalitäten – eine Win-win- Situation.
gengo Gengo ist eine Plattform für Übersetzungen. Das 2008 in Japan gegründete Unternehmen kann auf einen weltweiten Pool von 10 000 vorgeprüften Übersetzerinnen und Übersetzern zurückgreifen. Nach eigenen Angaben werden 91 Prozent der Übersetzungsaufträge innert 24 Stunden bearbeitet, wobei Kunden aus verschiedenen Qualitätsniveaus auswählen können.
rent a rentner RentARentner spricht Schweizer Rentnerinnen und Rentner an, die nach ihrer Pensionierung weiterhin aktiv bleiben wollen. Auf der Webplattform können sie ihre Dienste für die unterschiedlichsten Aufgaben zur Verfügung stellen. Vom Ausfüllen der Steuererklärung über Kinderhüten bis zum Montieren eines Bücherregals ist bei RentARenter fast alles möglich.
spotify Spotify ist ein Musikstreaming-Dienst, der 2006 in Stockholm lanciert wurde. Bereits drei Jahre nach seiner Gründung zählte er mehr als eine Million Mitglieder. Als «legale Variante zur Musikpiraterie» entwickelte sich Spotify zu einem Milliarden-Unternehmen, das heute in 59 Ländern der Welt das Abspielen von Musik und Hörbüchern über das Internet ermöglicht.
mobility Mobility gilt als bekanntester Vorreiter der Sharing Economy in der Schweiz. Per App oder über den Kundendienst können Mitglieder Autos reservieren und in Selbstbedienung abholen. Das Carsharing-Unternehmen verfügt über 2900 Fahrzeuge an mehr als 1400 Orten in der Schweiz. Benzin und Versicherung sind in den Stunden- und Kilometertarifen enthalten.

atizo Atizo – Geld für gute Ideen. Auf der Schweizer Brainstorming-Plattform suchen Unternehmen Antworten auf betriebliche Herausforderungen – etwa zu einem Namen für ein neues Produkt, einem originellen Verpackungsdesign oder einem griffigen Werbeslogan. Beantwortet werden die Anliegen von Tausenden kreativen Denkern der Online-Community.

Zur Verfügung gestellt

Auch der Arbeitsplatz wird neu definiert: Coworking heisst hier das Schlagwort. Angesichts der steigenden Zahl von Freiberuflern dürften Plattformen, die sie mit Auftraggebern zusammenbringen, sowie Anbieter gemeinschaftlich genutzter Arbeitsräume ebenfalls rapide wachsen, schreibt die CS weiter. Die Anzahl der Co-Working-Büros in den USA habe sich in den letzten fünf Jahren jährlich verdoppelt. Damit dürften Freelancing-Plattformen traditionellen Personaldienstleistern früher oder später Marktanteile und Gewinne abjagen.

Auf den Weg gebracht wurden viele dieser Dienste oft von Tüftlern, die ein privates Problem für sich lösen wollten – so zumindest gehen die Gründungslegenden. So soll Garrett Camp und Travis Kalanick die Idee für Uber auf einer Reise in Paris gekommen sein, als sie bemerkten, wie schwierig es ist, ein Taxi zu kriegen. Da gründeten sie kurzerhand Uber. Se non è vero è ben trovato – wenn es nicht stimmt, ist es zumindest gut erfunden.

So oder so: Sharing ist unterdessen eine Industrie, die bestehende Geschäftsmodelle über Nacht infrage stellen kann. Die Sharing Economy etabliert sich etwa in Form von Airbnb oder Coworking Spaces vermehrt auch im Immobilienmarkt. Dies belegen neuste Zahlen, die heute Abend im Immo-Monitoring von Wüest & Partner veröffentlicht werden.

Alle Macht den Konsumenten

Airbnb wurde 2013 gegründet und gilt als die erste Plattform, auf der Leute in der ganzen Welt ihre Wohnung für ein kleines Entgelt als Unterkunft für Reisende anbieten. Vom WG-Charme mit Internationalitätsbonus, der darüber hinaus vom unsympathischen Touristenstatus befreit, hat sich Airbnb zum Anbieter ganzer Häuser in typischen Tourismus-Metropolen wie Rom und New York gemausert. Hotels können dabei immer weniger mithalten. Kritiker der Sharing Economy monieren nämlich, die Plattformen würden Dumping betreiben und davon leben, dass sie keine Auflagen erfüllen müssen. So bestehe bei Uber keine Garantie für die Ausbildung der Chauffeure, Airbnb zahle keine Beherbergungsabgaben oder Steuern.

Tatsache ist, dass sich für den Konsumenten eine Welt neuer Möglichkeiten öffnet – auf eigene Gefahr zwar, aber sicher zu einem günstigen Preis. Dass die Qualität dabei auf der Strecke bleiben muss, dürfte zu einem gewissen Teil auch Wunschdenken etablierter Unternehmen sein, die die neue Konkurrenz fürchten. Aufzuhalten ist der neue Wirtschaftszweig ohnehin nicht, sollte er sich als nachhaltig nützlich erweisen.

Bekanntlich gibt es nichts Mächtigeres als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. So ganz neu ist das Teilen zwar nicht. So wurde in der Schweiz das Carsharing durch Mobility 1997 gegründet. In Deutschland sind Fahrgemeinschaften seit je populär und Autostopp war in den 1960er-Jahren geradezu ein Volkssport, mit dem man unter Umständen weit reisen konnte. Aber gerade das Beispiel der Fahrgemeinschaften zeigt, wie wichtig die neuen Technologien als Erfolgsfaktor sind. Sie lassen sich heute per Mausklick bilden. Es sind denn auch die Möglichkeiten des Internets, die die Zeit der Sharing-Idee endgültig haben kommen lassen. Es ist diese neue Dimension, die aus einem Hype unter Hipstern einen Konsumtrend gemacht hat, der dem Sharing sein disruptives Potenzial gibt.

Das Einmaleins der Sharing Economy

Sharing Economy meint das systematische Ausleihen von Gegenständen und gegenseitige Bereitstellen von Räumen und Flächen, insbesondere durch Privatpersonen und Interessengruppen. Im Mittelpunkt steht die Collaborative Consumption, der Gemeinschaftskonsum.

Crowdfunding ist eine Form der Finanzierung («funding») durch eine Menge («crowd») von Internetnutzern zur Realisierung einer Idee. Zur Spende oder Beteiligung wird über persönliche Homepages, professionelle Websites und spezielle Plattformen aufgerufen.

Beim Crowdsourcing sind die Nutzer selbst und ihr Wissen das Kapital, mit dem eine Ideenplattform entsteht. Das Wissen, die Ideen und die Kreativität einer Masse von Menschen können genutzt werden, ohne dafür Mitarbeiter einstellen zu müssen. Crowdsourcing nutzt die Masse als Quelle für das Wissen und greift so auf Fachpersonen zu, die sonst nur mit viel Aufwand erreicht würden. Verwandt damit ist der Begriff der Open Innovation, wo durch die Nutzung eines grossen heterogenen Netzwerks an externen Experten die Lösungssuche verbessert werden soll. Dies geschieht durch offenen Aufruf an ein grosses undefiniertes Netzwerk.

Eine disruptive Technologie (engl. disrupt – unterbrechen, zerreissen) ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt.