TELEKOM: Blauer Riese Nimmersatt

Swisscom wächst zunehmend in Sektoren, die wenig mit Telekommunikation zu tun haben. Das ehemalige Kerngeschäft Telefonie spielt eine immer kleinere Rolle.

Maurizio Minetti
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Die Swisscom macht das grosse Geschäft nicht mehr mit Telekommunikation. (Symbolbild Keystone)

Die Swisscom macht das grosse Geschäft nicht mehr mit Telekommunikation. (Symbolbild Keystone)

Die Zeiten sind vorbei, als Swisscom nur ein Telefonieanbieter war. Heute ist der Konzern, der sich noch immer zu 51 Prozent in Staatsbesitz befindet, in vielen Segmenten aktiv. Da ist einerseits das TV-Geschäft, mit dem Swisscom in den letzten Jahren den Platzhirsch Cablecom bedrängt hat. Swisscom bietet Bezahlfernsehen an, handelt mit Filmrechten – und erhebt mit der Billag gleich noch die Empfangsgebühren. Besonders viel investiert hat Swisscom in Informatik-Dienstleistungen. Zwei Dutzend Rechenzentren, welche die Daten zahlreicher Kunden beherbergen, betreibt Swisscom in der Schweiz.

Wachstum in die Breite

Es gibt kaum Zweige, die Swisscom in der Schweiz unberührt lässt: Gesundheitsmarkt, Energiebranche, Finanzindustrie, Medien, Handel – überall mischt Swisscom mit, und zwar meistens erfolgreich (siehe Grafik). Der Konzern hat zudem Bereiche besetzt, die erst noch am Entstehen sind. Bestes Beispiel dafür ist ein selbstfahrendes Auto, das Swisscom zwar nicht selber konzipiert hat, jedoch als erstes Unternehmen in der Schweiz vom Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation eine Bewilligung für Testrouten bekommen hat. Mit dem sogenannten «Internet der Dinge» investiert Swisscom zudem in die Vernetzung von Alltagsgegenständen oder Maschinen.

Dauergast bei der Weko

Diese Diversifikation ist notgedrungen, weil die Einnahmen im klassischen Telefoniegeschäft wegbrechen. Ausserdem schränkt der Bundesrat Expansionsgelüste ins Ausland ein und zwingt den Konzern, im Inland in die Breite zu wachsen. Hie und da fehlt der Swisscom aber das Know-how in der jeweiligen Branche, sodass Kooperationen eingegangen werden müssen. Swisscom-CEO Urs Schaeppi sagte gestern anlässlich der Präsentation der Halbjahreszahlen (siehe Box), dass in einer sich digitalisierenden Welt Partnerschaften immer wichtiger werden. «Es geht darum, unterschiedliche Kräfte zu bündeln und Synergien zu nutzen, um sich so im globalen Wettbewerb positionieren zu können.» Anders gesagt: Swisscom sieht sich zunehmend im Wettbewerb mit globalen Riesen wie Facebook oder Google und weniger als Konkurrent von Sunrise oder Cablecom.

Vor diesem Hintergrund hat Swisscom diese Woche eine Kooperation mit SRG und Ringier bekannt gegeben. Die drei Riesen wollen bei der Vermarktung von Online-Werbeplätzen kooperieren und so ein stärkeres Gewicht gegenüber den Amerikanern aufbauen, die grosse Teile der Online-Werbevermarktung besetzen. Ob die Vermarktungsfirma tatsächlich gegründet werden kann, entscheidet letztlich aber die Wettbewerbskommission (Weko). Diese hat in den letzten Jahren immer wieder ein Auge auf die Aktivitäten der Swisscom geworfen. Aktuell beschäftigt sie sich auch mit einem angedachten E-Commerce-Projekt von Swisscom und Coop. Die beiden Partner planen in der Schweiz die Lancierung eines Online-Marktplatzes, der ab 2016 schweizweit Kunden und Händler zusammenbringen soll.

Diversifikation hat ihren Preis

Den klassischen Mitbewerbern von Swisscom ist die Diversifikation des ehemaligen Monopolisten ein Dorn im Auge. «Fragwürdig ist, dass die Swisscom mit Hilfe von Gewinnen aus Bereichen der Telekommunikation, wo sie marktbeherrschend ist, nun auch verzerrend in andere Märkte eingreift», sagt Sunrise-Sprecher Markus Werner. Andere Telekom-Anbieter weisen darauf hin, dass bei Swisscom «sehr frappante Einbrüche in den Kernbereichen» wahrnehmbar seien. Tatsächlich ist bei Swisscom in den vergangenen zwölf Monaten die Zahl der Festnetztelefonie-Kunden im Vergleich zum Vorjahr um 133 000 gesunken. Swisscom entgegnet allerdings, dass das Kundenwachstum über alle Angebote 1,6 Prozent oder 192 000 betrug. Gemäss Swisscom-Sprecher Olaf Schulze ist es ein genereller Trend, dass die mobile Telefonie den Festnetzanschluss ersetzt.

«Pseudoliberalisierter Markt»

Franz Grüter, Chef des Telekom-Unternehmens Green.ch, stört sich vor allem daran, dass letztlich der Kunde diese Diversifikations-Strategie mitbezahle. «Die Preise im hiesigen Telekom-Markt sind um Faktoren höher als im europäischen Vergleich.» Grüter spricht von einem «pseudoliberalisierten Markt», der noch immer von der Swisscom dominiert werde.

Bei der Swisscom will man die Kritik nicht gelten lassen. Die Digitalisierung revolutioniere viele Branchen, da vollkommen neue Ansätze von branchenfremden Akteuren lanciert werden könnten, sagt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze. Swisscom sei prädestiniert, bei diesem Umbruch eine wichtige Rolle zu spielen und die Schweizer Wirtschaft sowie die Endkunden zu unterstützen. Man sorge ausserdem dafür, dass die Wertschöpfung in der Schweiz bleibe. «Eine Swisscom, die sich in dieser digitalen Revolution auf die traditionelle Telefonie beschränken würde, wäre unweigerlich marginalisiert und bald ohne Zukunft – zum Nachteil der Schweiz, ihrer Kunden und auch ihrer Mitarbeitenden», stellt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze klar.

Diese Sichtweise anerkennen auch die Kritiker. Green.ch-Chef Franz Grüter räumt ein, dass es ihn als Steuerzahler freue, dass die Swisscom erfolgreich sei. «Swisscom ist es gelungen, eine gute Innovationsstrategie zu entwickeln und dabei neue interessante Produkte auf den Markt zu bringen. Dadurch ist sie konkurrenzfähig, auch im internationalen Vergleich.»