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In den USA sinkt die Lebenserwartung und in Europa verflacht die Kurve – das sind die Folgen

Das Drogenelend im Rostgürtel der USA schlägt sich längst in den Statistiken nieder. Doch auch in Europa und der Schweiz verflacht sich die Kurve der Lebenserwartung – auch mit wirtschaftlichen Folgen.
Daniel Zulauf
Schwierig zu berechnen: die Lebenserwartung. Bild: David Paul Morris/Bloomberg (San Francisco, 21. Juni 2018)

Schwierig zu berechnen: die Lebenserwartung.
Bild: David Paul Morris/Bloomberg (San Francisco, 21. Juni 2018)

Im Nordosten der USA ist der Niedergang einst blühender Industriemetropolen wie Detroit, Cleveland oder Pittsburgh allgegenwärtig. Die trostlosen Bilder von leerstehenden Fabriken, zerfallenen Strassenzügen und einer verbreiteten Armut in der Bevölkerung kennt man nicht erst seit Donald Trumps erfolgreicher Präsidentschaftskampagne. Ebenfalls schon länger bekannt ist das Drogenelend, das sich in der Region ausgebreitet und inzwischen auf andere Landesteile übergegriffen hat.

Sichtbar geworden ist der grassierende Missbrauch von schmerzstillenden Opioiden auch in der nationale Sterblichkeitsstatistik. Die durchschnitt­liche Lebenserwartung eines männlichen Amerikaners bei der Geburt betrug 2016 noch 76,1 Jahre, nach 76,3 Jahren im Jahr 2011. Bei den Frauen stagnierte die Lebenswartung in der gleichen Periode auf dem Stand von 81,1 Jahren. Diese Zahlen kontrastieren in auffälliger Weise mit der langfristig positiven Entwicklung der Sterblichkeit.

Sinkende Lebenserwartung trotz hohem Wohlstand

Der Drogenmissbrauch allein vermag den ungünstigen Verlauf kaum zu erklären. Denn ähnliche Phänomene sind, obschon weniger ausgeprägt, auch in Europa zu beobachten. Die Dynamik des Prozesses hat die OECD durch einen Vergleich von zwei direkt aufeinanderfolgenden Fünfjahresperioden erfasst (2006–2011 und 2011 bis 2016). Die Untersuchung zeigt, dass die Sterblichkeit in 6 der 28 EU-Länder teilweise markant gesunken ist. Die Gruppe der Länder mit der ­ausgeprägtesten Verflachung ­erscheint ziemlich heterogen: Frankreich, Deutschland, Griechenland, Schweden, Portugal, die Niederlande und Grossbritannien. Ähnliches stellt die amerikanische Universität Princeton fest. Gemäss einer Studie hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung ab Geburt in den Jahren 2014 bis 2015 in 12 von 18 analysierten Industrieländern mit hohem Wohlstandsniveau teilweise deutlich verschlechtert. Zwar verlaufen solche Kurven immer mit gewissen Schwankungen, doch eine derart breite und ausgeprägte Verschlechterung sei schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgetreten, heisst es in dem Papier. Mit Ausnahme Amerikas und Grossbritanniens haben die untersuchten Länder den Einbruch in der Folgeperiode (2015-2016) allerdings wieder aufgeholt und teilweise überkompensiert. Das gilt auch für die Schweiz.

Hohe Kosten wegen überschätzter Erwartung

Die hiesige Lebenserwartung hat sich von 2010 bis 2016 bei Männern um 1,7 auf 81,6 Jahre und bei Frauen um ein Jahr auf 85,4 Jahre erhöht. Doch auch für die Schweiz lässt sich aus der Princeton-Studie eine deutliche Verflachung der Kurve herauslesen – eine Beobachtung, die auch die «Swiss Life» auf Anfrage bestätigt. Nach dem Verständnis des Versicherers hält der Trend zur Langlebigkeit in der Schweiz aber weiterhin an. Eine eigentliche Trendwende sei noch nicht erkennbar. Eindeutig ist dieser Befund aber nicht. Und genau das ist das Problem. Wird die Dynamik der aktuellen Entwicklung nämlich unterschätzt und der Verlauf der Lebenserwartung zu optimistisch beurteilt, resultieren daraus hohe Kosten. Unter dieser Annahme würden unnötig hohe Beiträge an Pensionskasse und AHV fällig, und auch die Prämien für Lebensversicherungspolicen wären aus dieser versicherungstechnischen Sicht überzogen. Noch tückischer wird es, wenn man den sogenannten Kohorten-Effekt in Betracht zieht und die Lebenserwartung einzelner Generationen untersucht. In dieser Perspektive zeigt sich, dass die abnehmende Lebenserwartung in den USA vor allem durch die Häufung von Todesfällen von Menschen im jüngeren und mittleren Alter entsteht. In der Schweiz hingen verflacht sich vor allem die Lebenserwartung von Menschen im Alter ab 65 Jahren.

Das Phänomen wird bereits seit mehreren Jahren beobachtet. Zuletzt war die Lebenserwartung der über 65-Jährigen sogar leicht rückläufig. Die erwartete durchschnittliche Restlebenszeit nach dem Erreichen des Rentenalters ist ein zentraler Bestimmungsfaktor für die Berechnung des Finanzierungsbedarfs der Pensionskassen. Ein Beispiel dafür führt die Swiss Re in ihrer Schriftenreihe «Sigma» an: In England und Wales erwarten manche Versicherungsmathematiker einen Rückgang der Lebenserwartung 65-Jähriger um etwa ein Jahr gegenüber 2014. Nach Schätzungen führe dies zu einer Reduzierung der Verpflichtungen einer typischen Pensionskasse um 3 Prozent. Doch auch im Urteil der Swiss Re reichen die vorliegenden Datenreihen noch nicht aus, um aus den derzeit ­beobachtbaren Entwicklungen einen langfristigen Trend zu machen. Allerdings scheint man in Grossbritannien schon sehr nahe an diesem Punkt zu sein. Der Versicherungsmathematiker Balint Keserü konstatierte jedenfalls letzte Woche am «Vorsorge­apéro» der Pensionskassenberatungsfirma Aon Schweiz in Zürich, auf der Insel bestehe ein Konsens darüber, dass die derzeitige ungünstige Entwicklung der Todesfallstatistik kein Einzelphänomen, sondern eben eine neue Tendenz darstelle.

Weniger Autounfälle steigern statistische Lebenserwartung

Die möglichen Ursachen der ­Entwicklung sind vielschichtig. So hat sich beispielsweise die ­Abnahme von Autounfällen verlangsamt, und die lebensverlängernde Wirkung in der Behandlung verschiedener Krebsarten nimmt nicht mehr im gleichen Mass zu wie in früheren Jahren. Gleichzeitig nehmen Herz­erkrankungen durch Bluthochdruck und Fälle von Alzheimer als Todesursachen stärker zu. ­Interessanter sind allerdings die Risikofaktoren der Sterblichkeit. Diese sind oft verhaltensbedingt und korrelieren mit dem Konsum von Alkohol oder Tabakwaren. Generell scheinen Menschen mit höherer Bildung und einem höheren Einkommen ein gesünderes Leben zu führen. Dies würde erklären, weshalb es deutliche sozioökonomische Differenzen bei der Lebenswartung gibt.

Die eingangs erwähnte OECD-Studie stellt unter anderem die Frage in den Raum, ob die mit der Finanzkrise einher- gehende Zunahme der ökonomischen Ungleichheit in den Industrieländern eine Erklärung für die negative Entwicklung der Sterblichkeit sein könnte. Die These ist brisant. Träfe sie zu, würde dies bedeuten, dass die Verlierer der Finanzkrise mit ihrer verkürzten Lebenserwartung auch noch die Sieger subventionieren. Diese könnten die Kosten ihrer längeren Rentenbezugsdauer mit den Einsparungen kompensieren, die sich aus der steigenden Sterblichkeit der unteren Einkommensklassen ­ergäbe. Welcher Versicherungsmathematiker käme ob solcher Eventualitäten nicht ins Grübeln?

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