TEXTILINDUSTRIE: «Einige Rappen mehr reichen»

Über 650 Personen verloren beim Einsturz der Textilfabrik in Dhaka ihr Leben. Die «Erklärung von Bern» kritisiert den Preiskampf der westlichen Hersteller.

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Nach dem Einsturz eines Hochhauses in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, werden nach wie vor viele Arbeiterinnen der Textilfabrik vermisst. Diese Frau sucht mit Hilfe eines Fotos nach ihrer Schwester. (Bild: AP/Ismail Ferdous)

Nach dem Einsturz eines Hochhauses in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, werden nach wie vor viele Arbeiterinnen der Textilfabrik vermisst. Diese Frau sucht mit Hilfe eines Fotos nach ihrer Schwester. (Bild: AP/Ismail Ferdous)

Christa Luginbühl, bereits im November 2012 kostete ein Brand in einer Fabrik in Bangladesch über 100 Menschenleben. Ist es ein Déjà-vu?

Christa Luginbühl*: Der aktuelle Fall ist das neuste Kapitel in einer Chronik angekündigter Tragödien. Wir und auch die Markenhersteller aus Europa und den USA wissen, wie schlecht es um die Gebäudestandards steht. Bereits 2011 haben wir vorgeschlagen, dass die Unternehmen gemeinsam mit NGOs und Gewerkschaften Inspektionen in den Gebäuden vornehmen. Leider wurde dieses Vorhaben von den Unternehmen ignoriert.

Sind die Katastrophen Teil der Textilindustrie in Bangladesch?

Luginbühl: Noch vor der neusten Tragödie haben wir die Unfälle infolge fehlender Gebäude- und Brandschutzsicherheit untersucht. Seit 1990 gab es in Bangladeschs Textilfabriken 1068 Todesfälle und über 2000 Schwerverletzte.

Wurde denn gar nichts gemacht?

Luginbühl:Es gibt Massnahmen, aber Arbeitssicherheit ist nicht erste Priorität für die Markenhersteller. Kontrollen werden oft mangelhaft durchgeführt. Wichtig sind der Preis, die Lieferfrist und die Qualität der Ware. Darüber hinaus wird oft nicht mehr richtig hingeschaut.

Welche Forderungen stellen Sie?

Luginbühl: Die Firmen, welche im eingestürzten Gebäude produzieren liessen, müssen umfassende Opferhilfe leisten. Die Regierung will den Opferfamilien 250 Dollar Entschädigung pro totem Familienmitglied geben. Das reicht hinten und vorne nicht. Die Familien der Arbeiterinnen und Arbeiter leben in ärmsten Verhältnissen. Zum schmerzlichen Verlust eines Familienmitglieds kommt die wirtschaftliche Misere hinzu. Behandlungskosten für Schwerverletzte kann sich praktisch niemand leisten, insbesondere, weil ja ein Einkommen wegfällt.

Werden sich die Firmen beteiligen?

Luginbühl: Primark und El Corte Ingles sowie eine dänische und eine kanadische Kleiderfirma, die in der Fabrik herstellen liessen, haben bereits zugesagt, dass sie zahlen werden. Offen ist, wie hoch der Betrag sein wird. Es werden weitere Firmen hinzukommen, die bis jetzt vorgeben, sie seien nicht betroffen, von denen man aber Kleidungsstücke in den Trümmern findet. So wie es etwa bei Benetton der Fall ist.

Wie viel verdient eine Arbeiterin in der Textilbranche Bangladeschs?

Luginbühl: Der aktuelle Mindestlohn der Branche beträgt rund 35 Franken im Monat. Dabei gibt es viele Fabriken und Subunternehmen in der Schattenwirtschaft, die noch weniger bezahlen.

Reicht das, um eine Familie durchzubringen?

Luginbühl:Überhaupt nicht. Die Preise für Nahrungsmittel sind in den letzten Jahren teurer geworden. Für das Existenzminimum benötigt eine vierköpfige Familie in Bangladesch rund 220 Franken.

Die globalisierte Textilindustrie hat Arbeitsplätze nach Bangladesch gebracht. Fluch oder Segen?

Luginbühl: Es ist ein Entwicklungspotenzial, das im Moment weder das Land noch die Arbeiterinnen ausschöpfen können. Es sind keine Arbeitsplätze, die aus der Armut helfen. Durch den Preiskampf der Markenfirmen hat sich die Situation für die Näherinnen in Bangladesch in letzter Zeit verschärft, nicht verbessert.

Letztlich wäre der Staat verantwortlich, die Sicherheit durchzusetzen.

Luginbühl: In der Theorie wäre die Überwachung sicherer Arbeitsbedingungen Staatsaufgabe. Und im aktuellen Fall hat er klar versagt. Man muss aber realistisch sein. 80 Prozent der Exporteinnahmen Bangladeschs kommen aus dem Textilsektor. Ein Staat ist unter diesen Umständen eher gewillt, nicht genau hinzuschauen. Wichtig ist, dass die Unternehmen die Schwäche des Staates nicht ausnützen.

Was schätzen Sie, wie viel mehr müsste ich für ein T-Shirt bezahlen, damit die Arbeitsbedingungen und Löhne in Bangladesch auf einem akzeptablen Niveau sind?

Luginbühl:Pauschal ist das schwer zu sagen, da für die Preisberechnung diverse Faktoren mitentscheidend sind. Aber wir gehen davon aus, dass ein Aufpreis für den Hersteller von wenigen Rappen ausreichen würde.

Wenn die Hersteller mehr bezahlen, muss kontrolliert werden, dass das Geld auch ankommt. Wie Sie bereits gesagt haben, ist der Staat nicht wirklich dafür geeignet.

Luginbühl:Die Hersteller müssen Transparenz herstellen. Sie müssten garantieren, dass Fabrikanten Aufträge nicht an Subunternehmen weitergeben können oder dies erst beantragen müssen. Es braucht ein Programm, das verbindliche Gebäuderenovationen vorsieht. Markenfirmen müssen sich beteiligen. Gewerkschaften sollten eine zentrale Rolle für die Kontrolle übernehmen. Zudem braucht es eine öffentliche Berichterstattung über Umsetzungserfolge. Diese Forderungen sind für Markenfirmen schwierig. Massnahmen, die Gewerkschaften und Arbeiterrechte involvieren, werden sehr kritisch betrachtet, genauso wie jede Massnahme, die verbindlich ist und Geld kostet.

Interwiev Lukas Scharpf

HINWEIS
* Christa Luginbühl arbeitet für die Erklärung von Bern und ist Koordinatorin der Clean Clothes Campaign für die Schweiz. Die weltweite Kampagne setzt sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Kleiderfabriken ein. Die kostenlose iPhone-App «Fair Fashion» der Erklärung von Bern zeigt, wie fair die grössten Schweizer Modefirmen ihre Kleider produzieren.«Seit 1990 kam es in Bangladeschs Textilfabriken zu 1068 Todesfällen.» Christa Luginbühl, Erklärung von Bern