THERMOPLAN: Adrian Steiner baut Klumpenrisiko ab

Der Kaffeemaschinen-Hersteller investiert 20 Millionen Franken in sein neues Werkgelände. Die Entwickler und Forscher brüten über den Feinheiten.

Rainer Rickenbach
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Thermoplan-Chef Adrian Steiner auf dem Dachgarten des neu erstellten Firmengeländes. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Thermoplan-Chef Adrian Steiner auf dem Dachgarten des neu erstellten Firmengeländes. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Auf den neuen Garten im Neubau ist der Chef von Thermoplan, Adrian Steiner, besonders stolz. «Er dient unseren Mitarbeitern zur Entschleunigung. Daneben befindet sich der Präsentationsraum. Vom Garten aus können die Gäste und Geschäftspartner die imposante Kulisse mit Rigi und See bewundern», sagt Steiner (38).

Zurzeit ist das grüne Kleinod freilich weit davon entfernt, ein Ort der Ruhe zu sein: Gleich nebenan geht seit Montag der Rummel um die Schweizer Nationalmannschaft über den Rasen. Entschleunigung macht aber durchaus Sinn, denn der Garten ist im neuen Werk Vier integriert, wo es seit ein paar Tagen beschleunigt zu- und hergeht. Da tut eine kleine Naturoase gut. Das ganze Firmengelände des Kaffeemaschinenentwicklers und -herstellers ist nach dem zweijährigen Um- und Neubau so angelegt, dass sich auch räumlich ein Produktionsschritt nahtlos in den nächsten einfügt. Die Kette beginnt bei der Rampe für die Zulieferer und endet bei der Auslieferung der Gastro-Kaffeemaschinen. «Obwohl noch nicht alles fertig eingerichtet ist, gelang es schon jetzt, die Durchlaufzeit bei den Produktionsabläufen um 20 Prozent zu verringern», sagt Steiner.

Die Tüftler und Entwickler

Thermoplan-Besitzer Domenic Steiner – nicht verwandt mit dem Geschäftsführer – nahm indes nicht einfach aus einer Laune heraus 20 Millionen Franken Firmengeld in die Hand, um das Thermoplan-Gelände umzukrempeln. Das KMU exportiert 98 Prozent seiner Kaffeemaschinen für Gastrobetriebe in die wachsenden Auslandsmärkte. Hergestellt werden sie aber alle in der Schweiz von Mitarbeitern, die alle mit Schweizer Löhnen bezahlt werden. Auf dem internationalen Markt kann da nur mithalten, wer effizient herstellt – und wer die Innovation hat.

Ideen brüten die Ingenieure und Entwickler im ersten Gebäude bei der Hauptstrasse aus. 40 der 250 Mitarbeiter sind inzwischen dort tätig. Zurzeit probieren sie aus, wie sich die Milch schneller erhitzen lässt und weniger Spuren in der Maschine hinterlässt. Andere sind daran, ein Selbstreinigungsprogramm auszutüfteln: Ein Knopfdruck soll genügen, und der Reinigungsprozess setzt sich von selbst in Gang. Die Mitarbeiter bei Starbucks & Co. wirds freuen.

Hightech-Selbstbedienungsapparat

Dieser Vorgang hört sich einfacher an als er in Wirklichkeit ist. CEO Adrian Steiner: «Am wichtigsten Ziel, nämlich möglichst gute Kaffeequalität hinzubekommen, hat sich nichts geändert. Doch die technologischen Fortschritte bringen eine Gratwanderung zwischen einfacher Gerätebedienung und neuen Möglichkeiten mit sich, auf deren Idee noch vor kurzer Zeit kein Mensch gekommen ist.» Einen Vorgeschmack darauf ist der von Thermoplan entwickelte Selbstbedienungsautomat Costa-Express mit einem Computersystem von Intel und Microsoft und der speziell gestalteten Benutzeroberfläche. Das Gerät gibt beim Kaffeeausschank Melodien von sich, versprüht Kaffeegeruch und bietet Zugang zu Social Medias wie Twitter und Facebook.

Mehr als tausend solche Alleskönner liefern die Weggiser jährlich für den britischen Markt aus. Was folgt als nächstes? Ein Arbeitscomputer, der Angestellten vormittags jede Stunde einen Kaffee nach Wahl unter die Nase hält? Steiner: «Nein, wir machen nicht den Clown. Eine Kaffeemaschine darf nicht Angst einflössend sein und zu viel Schnickschnack schadet mehr als er nützt. Sie darf überraschende Funktionen haben, die aber einfach zu bedienen sind.

Aus der Finanzkrise gelernt

Thermoplan boomt. Das war nicht immer so. Beim Firmenstart mit Schlagrahmmaschinen in den 1980er-Jahren bewältigte der charismatische Firmengründer Domenic Steiner einen steinigen Weg. Erst als er auf Gastro-Kaffeemaschinen umstellte und dann auch noch Starbucks exklusiv zu beliefern begann, startete das Familienunternehmen durch. Bis die Folgen der Finanzkrise dem KMU zu schaffen machten: Bei der hochpreisigen Coffeeshop-Kette Starbucks stagnierte das Geschäft, sie schaltete beim Wachstum ein paar Gänge runter. Mit unangenehmen Folgen für den Zulieferer Thermoplan, der damals mehr als die Hälfte seiner Maschinen an den US-Konzern lieferte.

Das Klumpenrisiko machte ihm zu schaffen. «Die Finanzkrise hat uns wachgerüttelt», blickt Adrian Steiner zurück. Starbucks ist zwar immer noch der wichtigste Kunde, doch der amerikanischen Coffeeshop-Kette haftet nicht mehr der Makel eines Klumpenrisikos an. Rund die Hälfte der 18 000 bis 20 000 Thermoplan-Kaffeemaschinen, die jährlich das Werk in Weggis verlassen, gelangen heute über Zwischenhändler in ein Café oder Restaurant. Mit Nespresso-Gastro und Costa-Express sind seit der Finanzkrise zwei weitere Grosskunden hinzugekommen.

Asiaten entwickeln Kaffeekultur

Trotzdem: Starbucks ist heute wieder ein wichtiger Wachstumstreiber für die Weggiser. Die Expansion des amerikanischen Konzerns vor allem in Asien füllt ihre Auftragsbücher und war auch der Grund für den Bau des vierten Werkes, wo 35 neue Arbeitsplätze entstehen. «Der Markt in China wächst in rasendem Tempo, in den nächsten Jahren gerät er zu einem unserer Topmärkte. Wir haben schon 30 Partner-Stützpunkte dort. Es handelt sich um einen schwierigen Markt, es braucht viel Aufwand, um dort erfolgreich zu sein», sagt Steiner.

Der US-Konzern ist im Reich der Mitte ein Wegbereiter im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch die zahlreichen kleinen Kaffeelokale, die an der Ostküste und Peking wie Pilze aus dem Boden schiessen, versprechen sich viel davon, ihren Gästen Kaffee aus den gleichen Maschinen wie Starbucks vorzusetzen. Was ohne den Umweg über Starbucks in den Auftragsbüchern von Thermoplan seinen Niederschlag findet.

Tag der offenen Türe in Weggis

Heute Abend feiern die Mitarbeitenden, Geschäftspartner und Behördenmitglieder  die Neueröffnung des Werks 4. Am Wochenende ist der Tag der offenen Tür. Am Samstag und Sonntag bietet sich jeweils von 9 bis 15 Uhr Gelegenheit für eine individuelle Besichtigung. von 9.30 bis 11.30 Gibt es Frühschoppen mit Kaffee und Gipfeli.