Thiam und der Rassismus-Vorwurf: Neue Hintergründe zum Abgang des CS-Chefs

Tidjane Thiam, der geschasste Chef der CS, fühlte sich in der Schweiz ungerecht behandelt. Und er war mehrfach rassistischen Angriffen ausgesetzt. Auch darum zögerte der Verwaltungsrat lange, den CEO zu entlassen.

Patrik Müller
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Im internationalen Umfeld fühlt sich Tidjane Thiam wohl. Hier mit Ivanka Trump, der Tochter des US-Präsidenten, am WEF in Davos.

Im internationalen Umfeld fühlt sich Tidjane Thiam wohl. Hier mit Ivanka Trump, der Tochter des US-Präsidenten, am WEF in Davos.

Bild: Instagram (Davos, 22. Januar 2019)

Durch den Haupteingang und nicht wie üblich über die Tiefgarage betrat Tidjane Thiam am Freitagmorgen das Bankgebäude am Zürcher Paradeplatz. Kurz davor, um 7 Uhr, hatte die Credit Suisse (CS) die Entlassung des Konzernchefs bekanntgegeben. Ein Reporter der «Financial Times» beobachtete die Szene und schrieb, Thiam habe das Personal am Empfang gegrüsst und sei dann in sein Büro im zweiten Stock gegangen. Die Tür habe er offen gelassen. Die Botschaft: «Ich habe nichts zu verbergen.»

Thiam zeigte Stärke in einem seiner schwersten Momente. Er ist mit sich im Reinen. Und er hat Erfahrung mit aussergewöhnlichen Abgängen: Der heute 57-Jährige verlor 1999 seinen Job unter noch spektakuläreren Umständen. Thiam war Entwicklungsminister in der Regierung der Elfenbeinküste. Bis es zu einem Staatsstreich kam. Der Staatspräsident der Côte d’Ivoire wurde weggeputscht – und mit ihm Minister Thiam.

Der Ivorer zog darauf nach Frankreich, dessen Staatsbürgerschaft er ebenfalls besitzt. Dort begann seine atemberaubende Karriere in der Privatwirtschaft, die ihn über den britischen Versicherer Prudential 2015 zur Credit Suisse führte.

Spitzenabschluss in Paris – doch kein Posten beim Staat

Bereits in jungen Jahren hatte Thiam in Frankreich ein Erlebnis, das ihn als Angehörigen einer schwarzen Minderheit prägen sollte. Der Sohn eines senegalesischen Journalisten und Politikers studierte in Paris. Dort absolvierte er in den 1980er-Jahren die Eliteschulen Ecole Polytechnique, Ecole Nationale Supérieure des Mines und Insead. Mit lauter weissen Kommilitonen. Normalerweise bekommen die Jahrgangsbesten einen Job beim französischen Staat angeboten. Nicht aber Thiam, trotz Spitzenabschluss. Also nahm er ein Praktikumsangebot bei McKinsey an.

Aus Thiams Umfeld verlautet, dass er auch in seiner Zeit in der Schweiz das Gefühl hatte, von Medien und Gesellschaft als Afrikaner nicht gleich behandelt zu werden. Insbesondere nach Auffliegen der Beschattungsaffäre um den abtrünnigen Star-Banker Iqbal Khan.

«In Schwarzafrika gängige Geschäftspraktiken»

In den Kommentarspalten des Finanzblogs «Insideparadeplatz» standen Dinge, die Thiam sehr wohl zur Kenntnis nahm. Über seine Heimat, die Elfenbeinküste, war dort zu lesen, dass «Deals und Abmachungen grundsätzlich mit dem Geldkoffer oder/und der Kalaschnikow getätigt» würden. Oder dass es bei der CS «höchste Zeit zum Aufräumen» sei, weil «die in Schwarzafrika zulässigen Geschäftspraktiken hier nichts zu suchen haben».

Die Bank und Thiam erhielten E-Mails und Zuschriften mit üblem Inhalt. Im CS-Verwaltungsrat führte das zu einer Solidarisierung. Dadurch genoss Thiam zusätzlichen Schutz. Es gibt sogar die These, dass Verwaltungsratspräsident Urs Rohner seinen CEO schon früher entlassen wollte. Denn als im Dezember bekannt wurde, dass ein zweites Geschäftsleitungsmitglied bespitzelt worden war, reifte im Aufsichtsgremium die Einsicht, dass der oberste operative Verantwortliche – auch wenn er nicht direkt involviert war – nicht mehr zu halten sein würde. Doch Rohner zögerte, nicht zuletzt wegen der persönlichen Angriffe auf Thiam.

Wurden Schweizer Medien gezielt gefüttert?

Rohner weist diese These zurück. Die rassistischen Attacken seien inakzeptabel und aufs Schärfste zu verurteilen, sagte er in der «Schweiz am Wochenende»: «Auf Entscheidungen des Verwaltungsrats durfte dies allerdings keinen Einfluss haben.»

Das ist die offizielle Sprachregelung, gut informierte Quellen sagen aber, die Rassismus-Frage habe eine Rolle gespielt. Denn Thiam beschwerte sich bankintern, die Kritik an ihm wegen der Beschattungsaffäre sei überzogen. Er vermutete, dass Schweizer Medien gezielt «gefüttert» würden mit Informationen, die ihn in ein schlechtes Licht rücken und so destabilisieren.

Intervention bei «Blick»-Verleger Michael Ringier

So gelangte ein Nachbarschaftsstreit, den sich Thiam in Herrliberg mit Iqbal Khan lieferte, an die Presse. Hinter diesen Indiskretionen stünden Kreise, die ihn, Thiam, wegmobben möchten – weil er nicht zur CS passe.

Als unerhört empfand Thiam, dass mehrere Zeitungen eine Luftaufnahme seiner Villa in Herrliberg publizierten. Der «Blick» zeigte daneben ein Foto von Thiam. Für ihn kam das gemäss seinem Umfeld so rüber: «Skandal! Ein Schwarzer kann sich eine Villa am Zürichsee leisten.» Der Bericht führte zu einer Intervention bei «Blick»-Verleger Michael Ringier.

Für den Verwaltungsrat war es schwierig, mit Thiam offen darüber zu sprechen, wie sehr die Beschattungsaffäre an der Reputation der CS nagt. Für Thiam war es vor allem ein aufgebauschter Schweizer Medienskandal ohne grössere internationale Bedeutung. Diese Sichtweise teilten auch drei wichtige Aktionäre aus den USA und Grossbritannien, die Thiam bis zuletzt stützten. Nicht aber der Verwaltungsrat, der mehrheitlich ausländisch ist. Es war am Ende dieser Reputationsverlust, der Thiam den Job kostete.

CS: Keine Abfindung, aber viele Millionen für Thiam

CS-Präsident Urs Rohner beteuerte im Interview mit der «Schweiz am Wochenende», CEO Tidjane Thiam erhalte keine Abgangsentschädigung, sondern nur sechs Monatslöhne. So lange laufe sein Vertrag weiter. Formell tritt Thiam am 14. Februar aus.

Angesichts von Rohners Ansage irritierte die Schlagzeile der Tamedia-Zeitungen: «Thiam erhält von der Credit Suisse rund 30 Millionen Franken.» Das wären selbst bei einem Bankchef ungleich mehr als sechs Monatslöhne. 2018 verdiente Thiam insgesamt 12,7 Millionen Franken. Woher dieser Widerspruch?

Die im Zeitungsbericht genannten 30 Millionen sind nicht als Abfindung zu verstehen. Die Summe setzt sich aus zwei Komponenten zusammen:

1. Den geschätzten Vergütungen für das letzte Jahr und dieses Jahr (bis zu Thiams Vertragsende im August). Wie viel Thiam 2019 verdient hat, wird erst der Geschäftsbericht zeigen.

2. Den aufgeschobenen Bonusanteilen früherer Jahre. Heutzutage wird nicht mehr der ganze Bonus sofort ausbezahlt. Die Unternehmen wollen ihren Chefs einen Anreiz geben, lang- statt kurzfristigen Erfolg anzustreben: Der später ausbezahlte Bonus fällt kleiner aus, wenn die Aktie gesunken ist.

Den Wert der aufgeschobenen Boni beziffert Tamedia auf 16 Millionen Franken. Gemäss Geschäftsbericht sind es sogar 16,4 Millionen. Allerdings nur im bestmöglichen Fall («maximum opportunity»). Weil die CS-Aktie gesunken ist, lag der Wert des aufgeschobenen Pakets Ende 2018 effektiv «nur» bei 6,9 Millionen. Seither fiel der Kurs weiter.

Gut möglich also, dass Thiam für 2019, 2020 und aufgeschobene Vergütungen 20 statt 30 Millionen bekommt. Ganz schön viel Geld ist es sowieso. (pmü)