Mai-Statistik
Tiefe Arbeitslosenzahlen täuschen über ein Problem hinweg

Daniel Zulauf
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Land der Beschäftigung: Die Arbeitslosenquote ist auf Rekordtief.S. Trümpy/Key

Land der Beschäftigung: Die Arbeitslosenquote ist auf Rekordtief.S. Trümpy/Key

KEYSTONE

Die Arbeitslosenstatistik für den Monat Mai, wie sie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gestern veröffentlicht hat, weist mit 2,4 Prozent die geringste Arbeitslosenquote seit zehn Jahren aus. Noch gut 109'000 Personen waren in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) als stellenlos registriert. Das sind mehr als 10'000 weniger als im April (–8,7 Prozent). Im Vorjahresvergleich beträgt der Rückgang der Arbeitslosigkeit 21,7 Prozent.

Die erfreulichen Zahlen kommen nicht überraschend. Die Schweizer Wirtschaft hat im laufenden Jahr wieder stark an Schwung gewonnen. Das Basler Konjunkturforschungsinstitut Bak Economics erwartet für das laufende Jahr ein Wachstum von 2,3 Prozent. Die exakt gleiche Voraussage machte diese Woche auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Die gute Stimmung wird in diversen vorauslaufenden Indikatoren wie dem Einkaufsmanager-Index ebenso abgebildet. Die kräftig steigenden Investitionen der Unternehmen zeigen an, dass die in den vergangenen Jahren zurückgebauten Kapazitäten wieder hochgefahren und der teilweise in die Jahre gekommene Produktionspark erneuert wird.

Damit einher geht die Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitskräften. Diese kommt in erster Linie aus der Binnenwirtschaft, wo die Produktivität typischerweise niedriger ist als in der kompetitiveren Exportindustrie, die unter dem Eindruck der Frankenfuchtel in den vergangenen Jahren alles Mögliche unternommen hat, um den Einsatz teurer Arbeitskräfte gering zu halten.

Zu wenig Köche

Die erfreuliche Entwicklung am Arbeitsmarkt fällt zeitlich zusammen mit der Umsetzung des Inländervorrangs, mit dem das Parlament der Forderung der Masseneinwanderungs-Initiative genügen wollte. In bestimmten Berufsgruppen mit einer Arbeitslosigkeit höher als acht Prozent müssen Unternehmen künftig mit einem speziellen Informatik-Programm offene Stellen an die RAV melden. Die etwas veraltete Berufsnomenklatura des Bundesamtes für Statistik hat im Vorfeld zu einigen Diskussionen geführt. So wird beispielsweise beim Küchenpersonal keine Unterscheidung zwischen ungelernten Angestellten (von denen es zu viele gibt) und ausgebildeten Köchen verlangt (von denen es zu wenige gibt).

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann versprach an einem runden Tisch, die Schwächen des eiligst eingeführten Systems schnellstmöglich zu beheben. «Ein grosser Teil der Arbeitslosen kann nach Berufen nicht zugeteilt werden. Eine richtige Zuteilung bedingt Auswertungen nach Kompetenzprofilen», kritisiert Tino Senoner von der Schweizerischen Stiftung für Arbeit und Weiterbildung.

Zu viele Ingenieure

Das Problem wirft ein Schlaglicht auf die Diskussionen um den Fachkräftemangel in der Schweiz. Während beispielsweise Ingenieure zur Gattung der meistgesuchten Berufe in der Schweiz gehören, stellt Senoner in diversen Bereichen (Elektrotechnik, Chemie) einen Überschuss an Ingenieuren fest. Nach seinen Berechnungen müssen sich in den nächsten fünf Jahren bis zu 30'000 Ingenieure umschulen, um im Arbeitsmarkt nicht durch die Maschen zu fallen. Die Schweiz mit ihrer schrumpfenden Industrie und dem wachsenden Dienstleistungssektor bilde die falschen Ingenieure aus. Aus der Arbeitslosenstatistik des Seco sind solche Einsichten freilich schwer zu gewinnen.

Interessant ist immerhin, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Berichtsmonat sowohl im Vergleich zum Vormonat wie auch zum Vorjahr in allen vom Seco genannten Berufsgruppen gesunken ist – ausser in den kaufmännischen Berufen und im Bank- und Versicherungsgewerbe.