Tiefer Milchpreis löst Unruhe aus

Der niedrige Milchpreis stösst den Bauern im Freiamt sauer auf. «Das ist noch nicht das Ende», sagt der Murianer Landwirt und Gemeindeammann Josef Etterlin. «Ich befürchte, dass der Milchpreis noch weiter sinken wird.»

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Aargauer Zeitung

Jörg Baumann

Josef Etterlin (55) nimmt einen Schluck aus dem Milchglas. Die frische Milch hat er eben vom Tank abgezapft. «Ich trinke jeden Morgen Milch - kühl, so liebe ich sie», sagt Etterlin. Er will nicht zu jenen gehören, die den Konsumenten Wasser predigen und selber Wein trinken.

1,3 Millionen Franken investiert

Vor neun Jahren traf Etterlin einen Unternehmerentscheid: Er investierte 1,3 Millionen Franken in einen neuen modernen Stall, in dem er seine 75 Kühe melkt. Von ihnen erhält Etterlin 450 000 bis 500 000 Liter Milch im Jahr. Damit ist er einer der grossen Milchbauern im Freiamt. Die durchschnittliche Produktionsmenge dürfte im Freiamt bei 180 000 Litern im Jahr liegen, schätzt Etterlin.

Nicht nur er, sondern auch andere Milchbauern im Freiamt hätten in den letzten Jahren die Menge hochgefahren. Die Investition in einen neuen Stall sei richtig gewesen. «Ich weiss aber nicht, ob ich diesen Entscheid heute noch so treffen würde», sagt Etterlin. Das Bankdarlehen amortisiere er seit dem Bau des Stalles. «Ich bin jetzt wohl über den Berg», glaubt der Bauer.

Vor zwanzig Jahren erzielten die Landwirte noch einen Milchpreis von 90 Rappen pro Liter. Die Milchkontingentierung gibt es nicht mehr. Der Preis ist auf 60 Rappen gefallen und könnte noch weiter sinken, wie ihm «ungenannte Fachleute» verraten hätten, sagt Etterlin. «Der Milchpreis müsste aber mindestens 70 Rappen betragen, auch bei meiner Produktionsmenge.» Aufs Jahr ausgerechnet verliert Etterlin durch den tiefen Milchpreis 45 000 bis 50 000 Franken, was ihn schmerzt.

Aber Etterlin hat zum Glück noch ein zweites Standbein mit seinen 1000 Mastschweinen und ein drittes als Murianer Gemeindeammann mit einem Pensum von 60 Prozent. «Gemeindeammann bin ich nicht wegen des Einkommens», betont Etterlin. «In fünf Jahren bin ich 60 und nicht mehr Gemeindeammann. Dann muss ich mich im Betrieb neu organisieren.»

«Bauern müssen verhandeln»

Kritik übt Etterlin am eigenen Bauernstand: «Die Bauern haben mit den Milchverwertern schlechte Bedingungen ausgehandelt. Sie müssen besser verhandeln. Nur das könnte helfen.» Etterlin nimmt auch die Konsumenten ins Gebet. Diese freuten sich heute über den tiefen Milchpreis. Sie dächten aber nicht an die wirtschaftlichen Folgen. «Man muss vorausdenken», sagt Etterlin. «Die Bevölkerung in der Schweiz wächst noch immer stark. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist gefährdet, wenn auf dem kalten Weg noch mehr Bauern vom Markt verdrängt werden.» Einen «gewissen Strukturwandel» in der Landwirtschaft begrüsse er durchaus, «aber nicht so».

Preis deckt Kosten nicht

«Der aktuelle Milchpreis ist nicht kostendeckend», bestätigt auch Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands Aargau. «Die Milchbauern sollten für die Milch mehr lösen können.» Die Forderung, den Preis bei einem Franken pro Liter anzusetzen, hält Bucher indes für unrealistisch. Letztes Jahr traten zahlreiche Bauern in einen Milchstreik. «Die Landwirte sollten aber jetzt nicht nochmals streiken», sagt Bucher. Dadurch werde das Problem nur verlagert.

Die Branchenverbände sitzen gegenwärtig an einem runden Tisch und arbeiten an Mass-nahmen, die dem Milchpreis aus dem Keller helfen. Wenn der Preis nicht steige, würden 50 Prozent der Milchbauern verschwinden, wie es Josef Kunz, Präsident des Bäuerlichen Zentrums Schweiz, voraussagt.

Ralf Bucher spricht Klartext: «Der tiefe Milchpreis höhlt die finanzielle Substanz vieler Bauern aus.» An die Stelle der Milchkontingente müssten jetzt neue Regeln treten, die es Landwirten ermöglichten, ihre Kosten zu decken, Abschreibungen und Investitionen vorzunehmen und auch noch ein anständiges Einkommen zu erzielen.