Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Tod aus dem Plastikbeutel: Inder sterben immer wieder wegen Selbstgebranntem

Über 100 Menschen sterben, nachdem sie eine Trauerfeier besucht haben: Wieder mal ist es in Indien zu einer Massenvergiftung durch gepanschten Schnaps gekommen. Betroffen sind vor allem die Ärmsten der Armen.
Ulrike Putz, Singapur
Frauen während eines Protests im Bundesstaat Kalkutta im Osten Indiens. Die Aktivisten fordern ein Verbot des Alkoholverkaufs in ihrem Bundesstaat. (Bild: Piyal Adhikary/EPA (17. Dezember 2018)

Frauen während eines Protests im Bundesstaat Kalkutta im Osten Indiens. Die Aktivisten fordern ein Verbot des Alkoholverkaufs in ihrem Bundesstaat. (Bild: Piyal Adhikary/EPA (17. Dezember 2018)

Der Tod kam in Plastik eingeschweisst: Pintu, der wie viele Inder nur einen Namen führte, hatte 30 mit einer klaren Flüssigkeit gefüllte Beutel im Gepäck, als er am 8. Februar in sein Heimatdorf im Distrikt Saharanpur im nordindischen Gliedstaat Uttar Pradesh zurückfuhr. Ein Nachbar war gestorben und die Menschen aus den umliegenden Dörfern kamen zusammen, um den Verstorbenen mit einem Festmahl zu ­ehren. Dass sich die Männer – Ziegeleiarbeiter, Tagelöhner und Kleinstbauern – später am Abend mit Pintus Schnaps gepflegt betrinken würden, war abgemacht. Es sollte kein teurer Abend werden. Ein Halbliter-Beutel Selbstgebrannter ist in Indien für unter 1 Franken zu haben.

Das grosse Besäufnis endete in einer Tragödie. Pintu und mindestens 96 seiner Trinkkumpanen starben in den Tagen darauf einen qualvollen Tod. Der Branntwein, mit dem die Dörfler sich einen netten Abend machen wollten, war gepanscht und tödlich.

Hooch heisst der meist aus Reis gebrannte Schnaps, an dem sich jedes Jahr Millionen Inder berauschen. Doch für etwa 1000 Trinker im Jahr hat der Hooch tödliche Folgen. Denn wenn schlampige Panscher ihr Gesöff nicht richtig destillieren, entsteht versehentlich Methanol. Ganz skrupellose Schwarzbrenner versetzen ihren Fusel sogar absichtlich mit dem Industriealkohol, um ihn potenter zu machen. Die Chemikalie löst schwere Vergiftungen aus. In den Stunden nach dem Konsum des Fusels kommt es zur Beeinträchtigung des Sehvermögens, Atemschwierigkeiten und Bewusstseinsstörungen. Viele Opfer halten das anfangs für einen normalen Rausch, suchen viel zu spät ein Krankenhaus auf. So auch in Saharanpur: Weil viele der Opfer noch in der Nacht des Konsums auf ihre entlegenen Höfen zurückgekehrt waren, fiel es erst nach mehreren Tagen auf, dass Dutzende Trinker an den gleichen schweren Symptomen litten.

Hohe Zölle tragen zum Problem bei

Solche Massenvergiftungen kommen in Indien regelmässig vor. Im Sommer 2015 etwa starben in Mumbai über 100 Einwohner eines Slums, nachdem sie gepanschten Schnaps getrunken hatten. Im Jahr 2009 starben im Bundesstaat Gujarat 136 Menschen, als ein Schwarzbrenner mit Industriealkohol verschnit­tenen Schnaps verkaufte. Dass durstige Inder trotz Vergiftungsgefahr zu Hooch greifen, hat monetäre Gründe. Importierter Alkohol ist dank Zöllen von über 150 Prozent für die allermeisten unerschwinglich. Auch die Steuern auf in Indien produzierte Getränke sind saftig. Selbst der Mittelklasse fällt es oft schwer, für Sprit «Made in India» zu bezahlen. Wer sich billig berauschen will, muss bei Panschern kaufen.

Inzwischen hat die Regierung von Uttar Pradesh 300 Menschen verhaftet, die in den schwung­haften Handel mit illegalem Sprit verwickelt sein sollen. Auch im Nachbarstaat Uttarakhand, aus dem einige der Opfer stammten, wird durchgegriffen. Bezeichnend ist, dass auch Dutzende Polizisten und diverse Polizeichefs vom Dienst suspendiert wurden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Polizisten in Indien mit den örtlichen Schwarzbrennern gemeinsame Sache machen und sich schmieren lassen.

Indien hat ein kompliziertes Verhältnis zum Alkohol. Das ­beginnt damit, dass es auf dem Subkontinent keine überlieferte Trink- und Alkoholkultur gibt. Nur wenige der 1,3 Milliarden Inder trinken – diese wenigen jedoch gern Hochprozentiges. Der Subkontinent ist mit einem Verbrauch von mehr als 1,5 Milliarden Litern jährlich der grösste Whiskykonsument der Welt. Hinzu kommt viel Fusel: Etwa 40 Prozent des in Indien konsumierten Alkohols werde illegal produziert, schätzt der indische Wein- und Spirituosenverband.

Alkoholmissbrauch stellt vor allem für arme Inderinnen – die kaum je zur Flasche greifen – ein ernstes Problem dar. Denn ihre Männer vertrinken nicht selten grosse Teile des spärlichen Einkommens und prügeln dann daheim im Suff. Die Frauen, deren Männer sich mit Hooch zu Tode trinken, stehen vor dem Ruin. Witwen nehmen in Indien in der sozialen Hackordnung immer noch den untersten Rang ein. Für die Hinterbliebenen in Saharanpur hat die Regierung eine Einmalzahlung von etwa 2800 Franken angekündigt.

Bundesstaaten liefen Sturm gegen Verbot

Um dem Suff Einhalt zu gebieten, haben sich mehrere Gliedstaaten an einem Alkoholverbot versucht. In Gujarat etwa, Heimatprovinz des Ministerpräsidenten Narendra Modi, wird bereits seit 1961 nicht mehr ausgeschenkt. 2016 untersagte der Oberste Gerichtshof ausserdem den Verkauf von Alkohol in ganz Indien im Umkreis von 500 Metern von Bundesstrassen. Doch Händler und Wirte liefen gegen das Verbot Sturm. Auch die indischen Bundesstaaten reagierten äusserst unwirsch auf die Weisung aus Neu-Delhi: Auf Alkohol erhobene Steuern füllen ihre Scha­tullen. Regierung und Gericht knickten schliesslich ein, das Verbot gilt nur noch auf dem Land.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.