Tourismus

Airbnb geht an die Börse: Die Gründer werden reich – doch die Kritik am Geschäftsmodell wird zur Gefahr

Das Buchungsportal Airbnb wagt heute den Gang an die Börse, obwohl der Tourismus am Boden liegt. Verantwortlich für diesen mutigen Schritt ist Konzernchef Brian Chesky.

Renzo Ruf aus Washington
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Airbnb ist auch im Schweizer Tourismus zur festen Grösse geworden. Nun geht das Unternehmen an die Börse.

Airbnb ist auch im Schweizer Tourismus zur festen Grösse geworden. Nun geht das Unternehmen an die Börse.

Keystone

Das historische Provinzstädtchen Kingston im US-Bundesstaat New York verdeutlicht, wie findige Geschäftsleute selbst von der Coronapandemie finanziell profitieren können. Quasi über Nacht wurde Kingston im Frühjahr zu einem Zufluchtsort für Menschen, die es in der 100 Autominuten entfernten Metropole New York City nicht mehr aushielten – und dabei spielte der Buchungsportal Airbnb eine zentrale Rolle.

Denn Konzernchef Brian Chesky, einer der Co-Gründer des 2008 ins Leben gerufenen Unternehmens, registrierte im Mai, wie Nutzer seiner Plattform plötzlich nicht mehr nach Ferienwohnungen in pulsierenden Grossstädten oder exotischen Traum-Destinationen suchten, sondern nach Häusern an einem lauschigen See in der Nähe ihres eigentlichen Wohnortes. Also orderte Chesky einen Strategiewechsel an, weg vom Massentourismus hin zur neuen Bleibe in der Provinz.

Bei Airbnb ist der Umsatz eingebrochen

Mehr als 100 Angebote listet die Plattform derzeit für Kingston auf. Die Palette reicht von historischen Stadthäusern bis zur gemütlichen Hütte am Fluss. Viele dieser Immobilien können auch über eine längere Periode gemietet werden. Und weil sich damit auf Airbnb gutes Geld verdienen lässt, boomt das Geschäft. «Wir haben den am schnellsten wachsenden Immobilienmarkt im Land», sagte kürzlich ein Einheimischer dem Magazin «The River».

Solche Anekdoten erklären, warum das Interesse am heutigen Börsengang von Airbnb ausserordentlich gross ist – obwohl Reisebeschränkungen und Quarantäne-Pflicht doch derzeit den Tourismus nicht nur in Amerika lähmen. Airbnb will am Donnerstag 50 Millionen Aktien ausgeben, und das Wertpapier, das an der New Yorker Börse NYSE gehandelt wird, soll deutlich mehr kosten als die anfänglich vorgeschlagenen 44 Dollar bis 50 Dollar. Damit würde der Wert des gesamten Unternehmens auf etwas mehr als 42 Milliarden Dollar steigen.

Die Gründer werden superreich

Profitieren davon werden in erster Linie die drei Co-Gründer von Airbnb. Das persönliche Vermögen von Konzernchef Chesky, Chefstratege Nate Blecharczyk und Berater Joe Gebbia wird durch den Börsengang auf je etwa 5,5 Milliarden Dollar wachsen. Die Erfolgsgeschichte von Kingston kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Airbnb ein schwieriges Jahr hinter sich hat. So brach der Umsatz des Wohnungsvermittler im dritten Quartal um 18 Prozent auf 1,34 Milliarden Dollar ein.

Allein dank einem Stellenabbau am Hauptsitz des Konzerns in San Francisco – gegen 25 Prozent der 7500 Airbnb-Angestellten verloren in diesem Jahr ihren Job – resultierte unter dem Strich ein Quartalsgewinn von 219 Millionen Dollar. In den Augen der Investoren bewies das Unternehmen damit, dass es die Kehrtwende schaffen wird, nachdem Airbnb in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 noch einen Verlust von mehr als 916 Millionen Dollar angehäuft hatte.

Airbnb steht vor grossen Problemen

Hinzu kommt, dass sich das Unternehmen, wie so viele Internet-Konzerne, bereits vor der Krise schwer damit tat, das ganze Jahr über profitabel zu operieren. So schrieb Airbnb in den vergangenen zehn Quartalen nur gerade vier Mal einen Gewinn. Im Börsenprospekt, der Mitte November publik wurde, heisst es: «Unser Umsatzwachstum hat sich abgeschwächt, und wir gehen davon aus, dass es sich auch in Zukunft abschwächen wird», auch weil die Coronapandemie gerade in Europa den freien Reiseverkehr lähme.

Der Börsenprospekt ist vollgepackt mit solchen Warnungen, die das Geschäft in Europa, den anstehenden Austritt von Grossbritannien aus der EU oder den Wachstumsmarkt China betreffen. So tut sich Airbnb schwer damit, dem Druck der chinesischen Behörden zu widerstehen, möglichst umfassende Nutzer-Informationen zu teilen.

Auch gibt es, gerade in Amerika und Europa, zahlreiche offene Fragen, was den Kern des Geschäftsmodells von Airbnb angeht – so ist es doch zahlreichen Kommunen ein Dorn im Auge, dass der Wohnungsvermittler für eine künstliche Verknappung des Angebotes auf dem Immobilienmarkt sorgt. Aus dem Börsenprospekt geht allerdings nicht hervor, wie viel Geld der Konzern derzeit in Europa oder China umsetzt. Auch verzichtet Airbnb darauf, die Umsatzzahlen für die grössten Länder, in denen das Unternehmen tätig ist, zu veröffentlichen.