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TOURISMUS: Blaue Berge sorgen für Entlastung touristischer Städte

Manche Städte können Touristenmassen kaum noch aufnehmen. Doch überlastete Destinationen können gegensteuern. Der Besucherstrom lässt sich sanft umlenken – durch finanzielle Anreize oder die Bewerbung von Attraktionen im Umland.
In Australien entfliehen Stadtbewohner der Ostküste auf die Blue Mountains. (Bild: Steve Christo/Getty (Sydney, 23. April 2018))

In Australien entfliehen Stadtbewohner der Ostküste auf die Blue Mountains. (Bild: Steve Christo/Getty (Sydney, 23. April 2018))

Andreas Lorenz-Meyer


Gedränge an den Badestränden, überfüllte Innenstädte, lange Warteschlangen vor den Museen, schlaflose Nächte für Anwohner wegen des ständigen Lärms – all diese unerfreulichen Symptome sind unter dem Begriff Overtourism zusammengefasst. Overtourism bedeutet, der Fremdenverkehr geht weit über die Kapazitäten der Destination hinaus. Kurz: Es ist einfach zu viel.

Weitere Kennzeichen sind steigende Immobilienpreise und zu hoher Ressourcenverbrauch. Dazu gehört eine durch den Tourismus verstärkte Wasserknappheit in trockenen Gegenden. Zwar hat es ähnliche Phänomene vor 30 oder 40 Jahren auch schon gegeben, in letzter Zeit ist die Aufmerksamkeit für das Thema aber wieder grösser geworden. Sicherlich auch, weil es in einigen Destinationen gewaltig rumort.

In Barcelona und auf Mallorca demonstrierten Anwohner gegen die Auswüchse des Massentourismus vor ihrer Haustür. Die Stadtregierung Barcelonas erliess daraufhin einen einjährigen Baustopp für Hotels und Ferienunterkünfte in der Innenstadt. Und in Palma de Mallorca ist nun das Vermieten privaten Wohnraums über Vermittler wie Airbnb verboten – eine Massnahme gegen den Preiswucher.

Was ist da los? Hat der Tourismus ein grundsätzliches Problem? Es gibt eine «spürbare Belastung», stellt Christian Laesser fest, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen. Er sieht vier Gründe für den aktuellen Overtourism. Erstens die wachsende Touristenzahl. In China und Indien steigen jährlich 40 bis 50 Millionen Menschen in die Mittelklasse auf – und können sich damit Reisen leisten. Europa bewegt sich auf gleichbleibend hohem Niveau.

Zweitens die Billigflieger. Low-Cost-Airlines sorgen für eine «Kommodifizierung des Fliegens». Das heisst, Fliegen wird zur Allerweltsware, für jeden erschwinglich. Früher, sagt Laesser, fuhr man mit dem Bus nach Barcelona, heute fliegt man an einem Tag dorthin und am nächsten wieder zurück. Die Billigflieger steuern zudem neue Destinationen an und öffnen so neue Märkte.

Dritter Grund: der Peer-to-Peer-Markt. Vermittler privater Unterkünfte – Airbnb, Homeaway, Wimdu – schaffen neue Nachfrage.

Der vierte Aspekt betrifft besonders Küstenstädte. Die Kreuzfahrtindustrie wächst und wächst, es gibt immer mehr Angebote. Für die Destinationen, wo die Schiffe vor Anker gehen, eine grosse Herausforderung. Laesser: «Da kommen 4000 Leute auf einmal in die Stadt. Das entspricht der Aufnahmekapazität von 50 mittelgrossen Hotels.»

Manche Kreuzfahrtdestinationen ziehen die Notbremse. Auf der Kykladeninsel Santorin dürfen nur noch 8000 Kreuzfahrttouristen täglich an Land gehen. In der Vergangenheit sind es an manchen Tagen knapp 20 000 gewesen, die vom Schiff strömten. Viel zu viel für die kleine Insel, auf der immer mehr Fläche zubetoniert wird, weil der Tourismus den Platz benötigt. Die kroatische Hafenstadt Dubrovnik, ebenfalls Kreuzfahrtziel, ächzt unter ähnlichem Andrang. Man will dort künftig maximal 4000 Tagesbesucher am Tag ins Altstadtzentrum lassen. Damit geht man weit über die Empfehlungen der Welttourismusorganisation hinaus. Die hatte eine Besucherzahl von höchstens 8000 am Tag empfohlen.

Die Kehrseite des Mallorca-Booms

«Man muss beim Problem Overtourism jedoch die Relationen beachten», sagt Laesser. «Es ist ja nicht so, dass die Städte als Ganzes überlastet sind, sondern nur einzelne Punkte.» Er empfiehlt ein durchdachtes Destinationsmanagement, das den Touristenstrom «sanft» steuert. Eine Möglichkeit: die Besucher durch Informationen umleiten. «Das ist der erste Schritt. Statt massiv einzugreifen, schafft man Entlastungspunkte.»

Sydney etwa lenkt Touristen aus der Stadt zu den umliegenden Attraktionen um. Dazu zählen die Blue Mountains und Hunter Valley. «Tagsüber sind die Gäste dann weg und abends wieder in den Hotels in der Stadt», so Laesser. Diese Strategie funktioniert aber nur, wenn das Umland entsprechende Attraktionen bietet.

Zutrittsbeschränkungen sind auch ein probates Mittel. «Allerdings sollten sie an ein Reservationssystem gekoppelt sein», erklärt Laesser. Wie bei der Alhambra im andalusischen Granada, die jährlich über 2 Millionen Touristen besuchen. Urlauber müssen das Ticket im Voraus bestellen. Es gilt für einen bestimmten Zeitraum an einem bestimmten Tag. Der Zeitpunkt des Besuchs lässt sich auch an den Eintrittspreis koppeln.

Im Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai macht man es so. Hier kostet die Fahrt zum 124. und 125. Stock bei Sonnenauf- und -untergang mehr als etwa am Nachmittag, wenn nicht so viele Leute hinauf wollen. So verteilt sich der Besucherstrom über den finanziellen Anreiz besser.

«Bei Overtourism können Reiseveranstalter nicht einfach wegschauen», sagt Prisca Huguenin-dit-Lenoir, Mediensprecherin Hotelplan Suisse. Hier zeige sich die Kehrseite des Mallorca-Booms und des touristischen Erfolgs einzelner Städte. «Schwierigkeiten gibt es jedoch nicht das ganze Jahr über, sondern vor allem während der Hochsaison. Hier beginnen manche lokale Behörden, Gegenmassnahmen zu ergreifen.» Huguenin-dit-Lenoir nennt die Drehkreuze in Venedig, die den Zugang unter anderem zum Markusplatz regulieren.

Von den eigenen lokalen Agenten auf Mallorca, in Barcelona, Dubrovnik oder Venedig erhielt Hotelplan Suisse bisher keine Hinweise auf Probleme mit Overtourism. Auch Beschwerden von Kunden gab es nicht. Dennoch: «Es ist eine Tatsache, dass es zu Hochsaison-Zeiten zum Teil sehr viele Touristen auf den Strassen und an den Hauptsehenswürdigkeiten hat. Oft handelt es sich aber um Kreuzfahrt-Touristen – und die verlassen die Insel oder die Stadt nach einigen Stunden wieder.»

Hotelplan Suisse bietet neben Massentourismus auch Entdeckerreisen ins Hinterland an, wo die Zahl der Touristen sehr überschaubar ist. Etwa die individuelle oder geführte Rundreise Andalusien mit Zug, Mietauto oder Bus. Oder Sizilien als geführte Gruppenrundreise in abgelegene Örtchen. Auch die Mietwagenreise in Kroatien bietet Einblick in Dörfer, «die noch nicht von Touristen überrannt werden». Zudem sind Destinationen wie Mallorca und Städtereisen je nach Flugverfügbarkeiten das ganze Jahr über im Programm. «So haben unsere Kunden die Möglichkeit, der Hochsaison auszuweichen.»

Hotelplan Suisse informiert die Kunden auch darüber, dass je nach Destination im Hotel eine Öko-Taxe fällig ist. Mallorca hat seine Ecotasa in diesem Jahr verdoppelt. Seit dem 1. Mai sind es 3 Euro pro Tourist und Tag. Grossen Einfluss auf das Reiseverhalten hat das aber nicht. «Das Interesse an Reisen in gut besuchte Destinationen ist immer noch gross», sagt Huguenin-dit-Lenoir. «Die Aussicht, dort eine zusätzliche Taxe bezahlen zu müssen, hindert kaum jemanden daran, zu buchen.»

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