TOURISMUS: «Chinesen bewegen sich im Schnee anders»

Ein Grossteil der Bergorte profitiert nicht vom Anstieg an asiatischen Gästen. Dies will Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, jetzt ändern.

Interview Dominik Buholzer
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Chinesen suchen den Gegensatz: eine asiatische Touristin auf Pilatus Kulm. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Chinesen suchen den Gegensatz: eine asiatische Touristin auf Pilatus Kulm. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Jürg Schmid, wo verbringen Sie dieses Jahr Ostern?

Jürg Schmid: In den Bergen, in der Lenzerheide.

Sie zieht es in die Höhe. #abindieBerge heisst die aktuelle Kampagne von Schweiz Tourismus. Wollen Sie diesbezüglich mit positivem Beispiel vorangehen?

Logiernächte in Millionen. (Bild: Grafik / PD)

Logiernächte in Millionen. (Bild: Grafik / PD)

Schmid: #abindieBerge geht auch uns etwas an.

Was versprechen Sie sich von dieser Kampagne? Der Saisonstart fiel ganz schön ins Wasser. Was kann man jetzt noch gutmachen?

Schmid: Gänzlich drehen können wir die Saison nicht mehr. Dezember und Januar waren zwei schlechte Monate für die Wintersportorte und die Bergbahnen in der Schweiz. Aber wir können einen guten Schlussspurt hinlegen. Wir haben hierzu gute Chancen: Weil Ostern heuer früh ist, weil der März historisch gesehen schon immer der schönste Schneemonat ist – und weil ganz viele Leute den Wunsch hegen, den Winter nochmals zu erleben. Wir bieten ihnen tolle Angebote dazu an.

Sie setzen bei dieser Kampagne stark auf Social Media. Jetzt gibt es bereits erste Stimmen, die sagen, dies ist zu wenig.

Schmid: Wir setzen auch sehr stark aufs Fernsehen. Wir würden gerne viel mehr machen. Wir sollten auch viel mehr auf viel mehr Kanälen machen, aber uns sind die Hände gebunden. Wir verfügen nicht über mehr finanzielle Mittel. Das ist kein Klagen, sondern einfach die Realität.

Blicken wir zurück auf das vergangene Jahr. Angesichts der Umstände mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank ist man mit einem Minus von 0,8 Prozent bei den Logiernächten mit einem blauen Auge davon gekommen. Was überwiegt bei Ihnen: Freud oder Leid?

Schmid: Ich bin ein grundlegend positiv denkender Mensch. Aber in diesem Fall bin ich hin- und hergerissen. Das Minus von 0,8 Prozent ist der beste Beweis dafür, wie sehr eine Durchschnittszahl über grundlegende Probleme hinwegtäuschen kann. Wir verzeichnen in den Städten und einigen wenigen ländlichen Regionen wie der Zentralschweiz eine gute Entwicklung. Der breite alpine, ländliche Raum steckt aber in der Krise. Die Lage ist schwierig und ungemütlich.

Sie sagen, die Lage sei ungemütlich. Man kann einen Schritt weitergehen und sich die Frage stellen: Welche Zukunft hat der Tourismus in den Bergen überhaupt noch?

Schmid: Er hat eine gute Zukunft, aber er durchläuft eine schwierige Zeit im Moment. Der alpine Tourismus spürt mit aller Wucht die Folgen der Spekulationen in den Franken und als Folge daraus die Aufhebung des Mindestkurses. In den Städten haben wir zwei Drittel Geschäftsreisende, in den alpinen Regionen Freizeittourismus. In den Bergen gibt es ein paar ganz wenige Regionen, die vom wahnsinnigen Wachstum aus Asien profitieren. Engelberg ist so ein Beispiel. Die machen dies mit dem Titlis hammermässig gut. Dazu kommt die gute Lage, die Nähe zum Flughafen Zürich, einem der Kerntreiber des Erfolges. Dass 96 Prozent aller anderen alpinen Orte vom Wachstum aus Asien noch nicht profitieren können, ist eine Begebenheit, die wir ändern möchten.

Wie lange geht es noch, bis die Durststrecke überwunden ist?

Schmid: 2016 werden wir zuerst weitere Rückgänge hinnehmen müssen, gegen Ende Jahr erwarte ich eine Stabilisierung der Lage. Es ist mit einem sanften Wachstum zu rechnen. Bis es zur grossen Erholung kommt, dauert es noch mehrere Jahre.

Das heisst, die Wintersportorte können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Schliesslich kann ja nicht nur die Aufhebung des Euro-Mindestkurses solch gravierende Probleme verursacht haben.

Schmid: Es stimmt, es gibt da noch ein paar fundamentale Trends: Die Leute gehen weniger lang in die Ferien, und sie fahren weniger oft Ski als früher. Langfristig haben wir aber in einer Welt, die immer urbaner, schneller und digitaler wird, mit unserer Landschaft einen guten Trumpf in der Hand. Dieser würde mehr stechen, wenn der starke Franken nicht wäre. Fakt ist, dass die jetzige Situation den Strukturwandel beschleunigt.

Schweiz Tourismus setzt darauf, dass Chinesen den Wintersport entdecken. Wie wollen Sie die Asiaten in den Schnee bringen?

Schmid: Wir bringen den Schweizer Winter in die chinesische Absatzmärkte. Dazu führen wir nächste Woche in Crans-Montana eine grosse Wintermesse für Reiseveranstalter durch. Ich bin überzeugt, wir werden in den kommenden Jahren einen kontinuierlichen Anstieg an chinesischen Wintersportlern in der Schweiz feststellen. Einen ersten Anstieg erleben wir bereits. Die Chinesen bewegen sich im Schnee anders als wir. Ein kleiner Teil kann sehr gut Ski fahren, der grösste Teil rutscht im Schnee herum. Kommt dazu, dass sie nicht an einen Ort gehen und dort eine Woche lang bleiben, sondern sie besuchen drei, vier Orte. Wintersportorte sind gefordert, mehr Kooperationen einzugehen. Die Chinesen suchen die Gegensätze.

Wie gross wird dieses Wachstum sein?

Schmid: Die Chinesen werden uns die Europäer nicht ersetzen, aber es wird ein schönes, kleines Wachstum.

Sie haben also keine Angst, dass wir das Gleiche erleben werden wie in den Städten, nämlich eine Invasion an chinesischen Gästen?

Schmid: Diese Angst ist unbegründet. Zum einen ist der Wintertourismus nicht geprägt von Gruppenreisen, zum anderen fördern wir gezielt nur noch den Individualtourismus.

Das heisst, Schweiz Tourismus will keine Gruppenreisen mehr?

Schmid: Nein, ganz und gar nicht. Aber wir sehen es nicht mehr als unsere Aufgabe, diese zu fördern. Der Bereich der Gruppenreisen wird in den kommenden Jahren weiter wachsen, da machen unter anderem Engelberg und Luzern Tourismus ganz viel dafür. Wir sehen unsere primäre Aufgabe darin, uns dem nächsten Wachstumsmarkt zu widmen, den Individualreisen. Es ist ein Irrglaube, für einen Chinesen sei es das höchste der Gefühle, in einem Bus mit 55 Leuten durch die Schweiz zu reisen. Es ist die Unerfahrenheit, die die Chinesen in einem ersten Schritt dazu bewegt, in Gruppen zu reisen.

Heisst das, dass sich das Wachstum an Gruppenreisenden aus China in naher Zukunft abflachen wird?

Schmid: Nein, wir werden jetzt nochmals einen Anstieg erleben, und dann wird sich das auf einem hohen Level einpendeln. Das Potenzial an reiseunerfahrenen Chinesen ist riesig. Das Wachstum werden wir aber im Bereich der Individualreisen sehen.

Noch kurz zu den amerikanischen Gästen: Die Zahl der US-Touristen in der Schweiz stieg auf ein neues Langzeithoch. Hat Schweiz Tourismus seine Anstrengungen intensiviert?

Schmid: Wir hatten in den letzten Jahren hohen Fokus auf die USA. Ich habe eine Riesenfreude, dass wir 2015 diese Zunahme von 4,7 Prozent erzielen konnten. Wir verzeichnen jetzt dann sechs Jahre Wachstum. Man spricht immer von China. Aber wir haben immer noch mehr Amerikaner im Land, und sie geben mehr aus. Die Amerikaner tun uns gut.

Kann man von einer eigentlichen Renaissance des US-Tourismus in der Schweiz reden?

Schmid: Man kann ganz klar von einer Renaissance sprechen.

Interview Dominik Buholzer

Hinweis

Jürg Schmid (54) ist Direktor der Marketingorganisation Schweiz Tourismus.