TOURISMUS: Der Garagist, der den Hasliberg rettete

Vor sechs Jahren standen die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg vor dem Konkurs. Hanspeter Wenger bewahrte das Skigebiet vor dem Aus. Bei der Neuausrichtung setzt der Berner auf den heimischen Markt – und gute Freunde.

Ernst Meier
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Königlicher Einsatz für Meiringen-Hasliberg: Hanspeter Wenger, Chef der Bergbahnen, stösst mit den ­Schwingerkönigen Harry Knüsel (rechts) und Matthias Glarner (links) vor dem Hotel Reuti an. (Bild: Corinne Glanzmann (21. Januar 2017))

Königlicher Einsatz für Meiringen-Hasliberg: Hanspeter Wenger, Chef der Bergbahnen, stösst mit den ­Schwingerkönigen Harry Knüsel (rechts) und Matthias Glarner (links) vor dem Hotel Reuti an. (Bild: Corinne Glanzmann (21. Januar 2017))

Ernst Meier

ernst.meier@luzernerzeitung.ch

Die Erleichterung steht Hanspeter Wenger ins Gesicht geschrieben. Der Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Meiringen-Hasliberg steht an der Talstation des Skigebiets ennet des Brünigs und schaut den Menschenmengen zu, die an diesem kalten, aber sonnigen Wintertag in die Gondeln strömen. Die letzten paar Wochen liessen Wenger aufatmen, denn die Saison fing nicht gut an. «Den ganzen Dezember durch war es zu warm. Da konnten wir auch die künstliche Beschneiung nicht einsetzen», sagt Hans-peter Wenger. Der starke Schneefall und der Kälteeinbruch ab Mitte Januar seien sehnsüchtig erwartet worden.

Seit fünf Jahren ist das Wetter der tägliche Begleiter von Wenger. Im März 2012 übernahm der gebürtige Innertkirchler die Aktienmehrheit der Bergbahnen Meiringen-Hasliberg. Als Quereinsteiger betätigt sich Wenger seither in der Tourismusbranche; der 64-Jährige ist im Berner Oberland vor allem als Autohändler und Garagist bekannt. Hanspeter Wenger lernte ursprünglich Schlosser. Sein Werdegang liest sich wie eine «Tellerwäscherkarriere». Nach der Lehre eröffnete er 1975 in einem «Schopf» seine eigene Autoreparatur-Werkstatt. Schon bald verkaufte er auch Autos. Sein Geschick im Umgang mit Kunden zahlte sich aus. Die Garage wurde von Jahr zu Jahr grösser. Das Unternehmen mit Sitz in Interlaken führt die Marken Opel, VW sowie Audi und zählt heute 42 Mitarbeiter.

Über 250 Arbeitsplätze waren direkt gefährdet

Sein Mut zum Risiko und sein unternehmerisches Geschick bewies Hanspeter Wenger Ende 2011, als die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg kurz vor dem Aus standen. 40 Millionen Franken Schulden lasteten auf dem Unternehmen – Nachlassstundung, es drohte der Konkurs. Wenger, der bis dahin nicht an den Bergbahnen beteiligt war, erzählt: «Ich sagte mir: Das darf doch nicht passieren, denn wenn das Skigebiet schliesst, wäre das eine Katastrophe.» Über 250 Stellen seien direkt gefährdet gewesen, so Wenger. «Viele weitere Arbeitsplätze standen ebenfalls auf dem Spiel, denn die Bergbahnen sind der grösste Arbeitgeber in der Gemeinde Hasliberg mit knapp 1000 Einwohnern und gegen 700 Zweitwohnungen.» Fünf potenzielle Investoren prüften einen Einstieg beim konkursiten Unternehmen. Doch keiner wagte es. «Die meisten Personen aus meinem persönlichen Umfeld rieten mir vor einem Engagement ab», erinnert sich Wenger.

Trotzdem stieg er ein; zusammen mit einem weiteren Investor aus der Region übernahm Wenger die Aktien der Bergbahnen für 8 Millionen Franken. So konnte verhindert werden, dass das Skigebiet die Konzession verliert und alle 13 Bahnen abgestellt sowie den Mitarbeitern gekündigt werden musste. «Wir machten uns sofort an die Sanierung und die Neuausrichtung unserer Ferienregion», erzählt Wenger. Investiert wurde in eine Beschneiungsanlage. «Das ist heute extrem wichtig für ein Skigebiet. So können wir auch in schneearmen Wintern die Talabfahrt sicherstellen – vorausgesetzt, es ist kalt genug», erklärt Wenger.

Hat der erfolgreiche Garagist nach dem Einstieg in die Tourismusbranche nie Angst verspürt und schlaflose Nächte gehabt? «Nein», sagt Wenger mit einem breiten Lachen. «Kurz waren meine Nächte nur, weil mir vor lauter Arbeit die Zeit zum Schlafen fehlte.» Grosse Unterstützung erhält er von seinem langjährigen Freund Harry Knüsel, dem Schwingerkönig von 1986 und Unternehmer aus dem aargauischen Abtwil. Zu seinem Engagement bei den Bergbahnen will Knüsel nicht wirklich sprechen. Nur so viel verrät er: «Ich helfe einem Freund gerne aus.» Offiziell sei er Botschafter der Bergbahnen Meiringen-Hasliberg, sagt der Schwingerkönig mit einem Schmunzeln. Insider wissen: Knüsel ist als Berater und Netzwerker eine wichtige Bezugsperson von Hanspeter Wenger. Er ist nicht der einzige König, den man auf dem Hasliberg trifft: Der gebürtige Meiringer Matthias Glarner, amtierender Schwingerkönig, ist bei den Bergbahnen angestellt. Glarner ist für die Weiterbildung der Mitarbeiter und Sicherheitsbelange zuständig. «Als Schwingerkönig ist er ein idealer Werbeträger für unser Skigebiet», sagt Wenger voller Stolz.

Die nachhaltige Sanierung der Bergbahnen Meiringen-Hasliberg kann fünf Jahre nach dem Einstieg von Hanspeter Wenger als erfolgreich bezeichnet werden. In einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld, in dem viele Schweizer Bergbahnen mit Verlusten kämpfen, schreibt Meiringen-Hasliberg jährlich Gewinne. Im Geschäftsjahr 2014 verblieb bei einem Umsatz von 12,7 Millionen Franken ein Reingewinn nach Steuern von 2 Millionen Franken. 2015 betrug der Gewinn 2,3 Millionen Franken. Im selben Jahr zählte man rund eine halbe Million Gäste.

In den letzten fünf Jahren wurden total 36 Millionen Franken in das Skigebiet investiert: Neben der Anschaffung einer Beschneiungsanlage hat man einen Teil der Skilifte erneuert und die Gastronomie ausgebaut. Auch ein Skirennzentrum mit einer Weltcup-Rennstrecke wurde gebaut. Genutzt wird die Infrastruktur sowohl von Profis wie auch von Junioren. Unter anderem trainiert die norwegische Skimannschaft während der Wettkämpfe in Adelboden und am Lauberhorn auf dieser Strecke. Daneben wird die Piste auch für Firmen- und Clubrennen genutzt.

Neues Hotel im Chalet-Stil gebaut

Investiert haben die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg auch in ein neues Hotel. In Rekordzeit von nur sechseinhalb Monaten entstand 2015 das Hotel Reuti. Einen grossen Beitrag zum gelungenen Bau leistete auch hier Wengers Freund Harry Knüsel. Der markante Chalet-Bau mit 18 Zimmern und Gastwirtschaft ist heute so etwas wie der Stolz der Region. «Wir hatten im letzten Jahr viele Gäste, die extra zu uns reisten, weil sie das Hotel sehen wollten», freut sich Wenger zufrieden. Was ist das Erfolgsgeheimnis von Hanspeter Wenger auf dem Hasliberg? «Viel persönlicher Einsatz, gute Mitarbeiter und ein sorgsamer Umgang mit dem Geld», sagt der Vollblutunternehmer, der seit 23 Jahren glücklich verheiratet ist. Nach seinem Einstieg bei den Bergbahnen übernahm er den Job des Geschäftsführers.

Alle Abteilungsleiter beim Bergbahnunternehmen rapportieren direkt an Wenger. Jeder Franken, der ausgegeben wird, werde genau überprüft, versichert Wenger. «Wir investieren in erster Linie dort, wo unsere Gäste direkt davon profitieren.» Er setze alles daran, dass die Besucherinnen und Besucher sich wohlfühlen auf dem Hasliberg. Im März jährt sich sein Einstieg bei den Bergbahnen zum fünften Mal, gleichzeitig feiert Hanspeter Wenger den 65. Geburtstag. Denkt er ans Kürzertreten? «Irgendwann schon», verspricht er und ergänzt: «Vorerst will ich meine Arbeit hier auf dem Hasliberg noch zu Ende führen und dafür sorgen, dass der richtige Nachfolger übernehmen kann.»