TOURISMUS: «Man wird nicht erfolgreich ohne Risiko»

Die Hotelkette Kempinski wächst rasant. CEO Reto Wittwer erklärt, warum er am Hotel Gütsch interessiert ist und an den Erfolg des Resorts in Andermatt glaubt.

Interview Hans-Peter Hoeren
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Das Kempinski Grand Hotel des Bains in St. Moritz steht für Luxus pur. (Bild: PD)

Das Kempinski Grand Hotel des Bains in St. Moritz steht für Luxus pur. (Bild: PD)

Reto Wittwer, trotz attraktiver Konkurrenz aus Asien und Europa findet das Welt-Tourismusforum erneut in Luzern statt, wie gefällt Ihnen Luzern als Konferenzort?

Reto Wittwer: Ich habe eine besondere Beziehung zu Luzern. Ich habe mein sechsmonatiges Servicepraktikum an der Hotelfachschule Lausanne im Luzerner Hotel Schweizerhof gemacht. Das war ein wunderschöner Sommer. Luzern ist die meistbesuchte Stadt der Schweiz, es ist ein Aushängeschild für den Tourismus. Luzern ist ein idealer Ort für das Welt-Tourismusforum.

Sie kommen in eine Region mit vielen touristischen Grossprojekten. Wie beurteilen Sie die Erfolgschancen für das Resort auf dem Bürgenstock?

Wittwer: Ich glaube, der Bürgenstock hat jetzt mit dem Staatsfonds von Katar den richtigen Besitzer und mit dem Planer Bruno Schöpfer den richtigen Drive. Ihnen ist bewusst, dass die Hotelanlagen nicht allein von Wochenendbesuchern und dem schönen Postkartensetting leben können. Es geht darum, den Betrieb möglichst saisonunabhängig zu gestalten. Man muss ein Angebot entwerfen, das so viele Zielgruppen wie möglich anzieht. Da geht es um Sport, Kulturevents, Wellbeing, Soft-Medical-Anwendungen und auch um das Resort als kulinarische Destination. Im Idealfall kommen die Leute sowohl mal für einen Abend aus Zürich zum Essen, aber auch für eine Woche zum medizinischen Check-up. In diese Richtung wird das Hotel ja entwickelt.

Auf deutlich grössere Skepsis stösst das geplante Tourismusprojekt von Samih Sawiris in Andermatt.

Wittwer: Ich kenne Samih Sawiris, der ein sehr guter Freund ist, und seinen Bruder Naguib. Die sind Multimilliardäre geworden, weil sie eine gute Nase haben. Das Resort wird ja in Phasen gebaut, je nach Nachfrage werden diese schneller oder langsamer realisiert. Die Schweizer und speziell die Innerschweizer müssen in Bezug auf das Resort ein bisschen weltoffener werden. Viele sehen nur ein Megaprojekt, das für die Schweiz fast disproportional gross scheint.

Welche Haltung sollten die Schweizerinnen und Schweizer denn gegenüber dem Projekt einnehmen?

Wittwer: Statt ständig ein Haar in der Suppe zu suchen, sollten die Schweizer den Hut ziehen vor einem, der hierher kommt, ein Vermögen ausgibt, massiv investiert und Arbeitsplätze schafft. Das ist der Traum von jedem Land.

Eine gewisse Skepsis ist doch normal.

Wittwer: Man sollte dem Projekt positiv gegenüberstehen und es unterstützen. Die Zeit wird zeigen, ob es ein Erfolg wird. Man wird nicht erfolgreicher Geschäftsmann ohne Risiko.

Was braucht es denn, damit das Projekt zum Fliegen kommt?

Wittwer: Bevor etwas zum Erfolg wird im Tourismus, muss es als Destination kreiert werden. Bali wurde von Thai Air kreiert und ist heute überbaut und hat Hotels ohne Ende. Auch der ägyptische Badeort Scharm el Scheich ist eine Kreation, da war vor 20 Jahren nichts. Andermatt ist bekannt in den Augen der Schweizer, aber als Destination ist es noch unbekannt. Anders sieht es in Sankt Moritz aus, das sich jeden Winter gegen Courchevel und Kitzbühel messen muss. Das muss Andermatt nicht. Sawiris kann dort eine Destination neu kreieren.

Gibt es denn überhaupt noch genügend neue Kunden im Luxussegment?

Wittwer: Luxus wird mittlerweile neu definiert. In Berlin gibt es über 20 Fünf-Sterne-Hotels. Das sind aber nicht alles Luxushotels. Ein Interconti oder ein Hilton waren vor 10 Jahren noch Luxus, heute sind sie es nicht mehr. Luxus ist exklusiv und nicht zugänglich für jedermann. Unser Hotel Adlon in Berlin ist hingegen ein Luxushotel.

Ist Andermatt eine Konkurrenz für die drei Kempinski-Hotels in der Schweiz?

Wittwer: Nein. Die Leute, die nach Andermatt gehen, fehlen nicht in St. Moritz. St. Moritz ist einer der etabliertesten Orte. Andermatt hingegen ist eine Destination für Leute, die etwas Neues wollen. Die neue Destination belebt das Geschäft. Sawiris ist kein Spinner, sondern ein knallharter Geschäftsmann, der weiss, was er tut. Das habe ich selbst in Verhandlungen schon mehrfach erfahren dürfen.

Die Hotelgruppe Kempinski hat in der Vergangenheit für drei Monate das Luzerner Schlosshotel Gütsch betrieben, hätten Sie das Hotel gerne wieder im Portfolio?

Wittwer: Das Château Gütsch wäre für uns ein sagenhaftes Hotel, wir sind sehr interessiert und haben einige Gespräche geführt. Es gab einige Unstimmigkeiten zwischen der Stadt und dem Investor, und deshalb gibt es aktuell keine Gespräche. Für unsere Zwecke müsste man das Hotel allerdings vergrössern. Für eine internationale Luxushotelkette wie die unsere bräuchte es statt 30 rund 120 Betten.

Das Hotel Atlantis am Uetliberg in Zürich soll bald von der Kempinski-Gruppe betrieben werden. Wie ist der aktuelle Stand?

Wittwer: Es ist zu über 90 Prozent sicher, dass wir die Verträge unterschreiben. Ende 2014 wird das Hotel eröffnet mit Kempinski als Betreiber.

Kempinski ist auf Wachstumskurs, wie viele Neueröffnungen sind 2013 geplant?

Wittwer: Aktuell sind 21 Hotels im Bau, die wir betreiben werden. Insgesamt planen wir dieses Jahr 6 weitere Neueröffnungen, darunter 3 in China, in Ghanas Hauptstadt Accra, in Nairobi und in Moskau. Bis 2015 wollen wir maximal 116 Hotels betreiben. Mehr Hotels der Marke Kempinski wird es nicht geben, um die Marke nicht zu verwässern. 116 entspricht dem Alter des Unternehmens.

Wie läuft generell das Geschäft in den Luxushotels?

Wittwer: 2012 war das beste Jahr in unserer Geschichte mit rund 1 Milliarde Euro Umsatz, 2013 wird noch besser. Im Luxussegment ist, zumindest bei uns, von einer Krise wenig zu spüren.

Für Aufsehen gesorgt hat das Hotelprojekt in Nordkorea, bei dem Kempinski als Betreiber vorgesehen war. Wie ist die aktuelle Situation?

Wittwer: Es geht um einen 300 Meter hohen Turm auf einem Hügel oberhalb von Pjöngjang. Das Projekt wurde vom Vater des heutigen Machthabers initiiert und später von einem Investorenteam, zu dem auch Naguib Sawiris gehört, weitergeführt. Seit den jüngsten Atomtests ist das Projekt auf Eis gelegt.

Bleiben Sie am Projekt interessiert?

Wittwer: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Nordkorea sich öffnet. Der Hotelkomplex umfasst Bankettsäle, Shoppingmöglichkeiten und Hotelkapazitäten. Wenn Nordkorea liberalisiert wird, müssen die Geschäftsleute dorthin gehen. Wenn es wirklich realisiert würde, wäre es ein spektakuläres Projekt.

Zur Person

Bild: Manuela Jans/Neue LZ

Bild: Manuela Jans/Neue LZ

Der Zürcher Reto Wittwer (63, Bild) ist seit 1995 CEO der Luxushotelgruppe Kempinski. Sein letzter Dreijahresvertrag läuft im Dezember 2015 aus. Der anerkannte Tourismus- experte ist Präsident des Fachbeirats des World Tourism Forum Luzern.