TOURISMUS: Regional und solarbetrieben

Die Vereinten Nationen haben 2017 zum Jahr des nachhaltigen Tourismus erklärt. In der Schweiz ist die Umstellung auf nachhaltigere Strukturen in vollem Gang. Der Schwerpunkt liegt auf Regionalität.

Andreas Lorenz-Meyer
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Ist ab Juni wieder unterwegs: der elektrische Tourbus in der Unesco-Biosphäre Entlebuch. (Bild: PD (2014))

Ist ab Juni wieder unterwegs: der elektrische Tourbus in der Unesco-Biosphäre Entlebuch. (Bild: PD (2014))

Andreas Lorenz-Meyer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Wie sieht der nachhaltige Schweizer Tourismus von morgen aus? Wie bewegen sich Gäste möglichst emissionsfrei durchs Land? Beispiele dafür gibt es schon einige. Der Solarskilift in Tenna im Kanton Graubünden kann 800 Personen pro Stunde den Berg hinaufbefördern. Die Anlage produziert übers Jahr 90 000 Kilowattstunden Strom – vier Mal so viel, wie der Liftbetrieb benötigt. Auch auf Schweizer Gewässern sorgt Sonnenenergie für Bewegung. Der Passagierkatamaran Mobi Cat gleitet solarbetrieben über den Bielersee. Auf dem Dach des Decks sind 180 Quadratmeter Fotovoltaik installiert. Zwei grosse Batterien speichern die Elektrizität.

Erneuerbare Energien spielen also eine gewisse Rolle im künftigen Tourismus, aber Nachhaltigkeit bedeutet viel mehr als Solarstrom nutzen. Es geht um Wirtschaftlichkeit und Sozialverträglichkeit. Darum, dass Tourismus lokal möglichst viele Arbeitsplätze schafft, die Bevölkerung einbindet, regionale Kultur bewahren hilft.

Hohe Nachfrage aus dem Inland

Eine Auszeichnung von der Welttourismusorganisation bekam der erste jemals gebaute elektrische Tourbus – ein Luzerner Fabrikat. Ab Mitte Juni fährt er wieder Privatgruppen in die Unesco-Biosphäre Entlebuch. Dort, abseits der Touristenströme, gibt es spektakuläre Berglandschaften zu sehen, die zerklüftete Schrattenfluh und unberührte Hochmoore. Beim Mittagessen auf der Alp wird lokale Kost aufgetischt. Anfragen bekommt das Luzerner Unternehmen Switzerland Explorer vor allem von Schweizern. Julianna Priskin bietet die Touren zusammen mit ihrem Mann an. Gleichzeitig forscht sie am Institut für Tourismuswirtschaft in Luzern zu nachhaltigem Tourismus. Unter anderem geht es um Kommunikation: Wie erklärt man Nachhaltigkeit? «Reisende sind grundsätzlich interessiert daran, aber sie brauchen weniger technische Details», sagt Priskin. Am besten sei es, ihnen den Mehrwert der Nachhaltigkeit im touristischen Produkt klarzumachen. «Die Leute wollen hören, dass sie verantwortlich konsumieren und durch den Konsumprozess zu etwas Positivem in der Destination beitragen.» Dafür sollte die Destination eine einfache Sprache wählen, die Emotionen auslöst. Wobei Schweizer und Deutsche ganz gerne auch ein paar Zahlen dazu haben.

Überall im Tourismusland Schweiz läuft etwas in Sachen Nachhaltigkeit, stellt Priskin fest. Jedoch sollten sich noch mehr Unternehmen für nachhaltiges Management zertifizieren lassen. Es gibt eine Menge Zertifikate: Tour Cert, Travellife, Earthcheck, Green Globe, Ibis Fairstay. «Nachhaltiges Management ist manchmal sehr aufwendig», sagt Priskin, «aber viele Unternehmen sehen es zu sehr als Pflichtaufgabe und nicht als Chance, durch Nachhaltigkeit einen Mehrwert für die Gäste zu schaffen.»

Nachhaltigkeit besitzt einen grossen Stellenwert für den hiesigen Tourismus, sagt Marc Fessler, Leiter der Fachgruppe Nachhaltiger Tourismus beim Schweizer Tourismusverband. «Wir haben viel zu bieten, was für uns völlig normal ist, für ausländische Touristen jedoch nicht unbedingt. Viele sind erstaunt, wie sauber die Schweizer Flüsse und Seen sind. Was für ein Vergnügen es ist, sich darin abzukühlen. Und das auch noch gratis.» Ein weiterer Vorteil der Schweiz: Fast jeder Ort ist mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar, die SBB sind europaweit eine der umweltfreundlichsten Bahnen.

Wer ein Nachhaltigkeitsprojekt plant, sollte sich konsequent als «nachhaltig», «öko» oder «innovativ» positionieren. So wie die neue Monte-Rosa-Hütte in den Walliser Alpen. Sie setze Massstäbe in Gebäudetechnologie und Energiemanagement, biete daneben aber auch Komfort. «Der moderne Gast erwartet meist Nachhaltigkeit und Komfort zusammen», so Fessler. Die Lage des Tourismusstandorts Schweiz nennt er «nach wie vor herausfordernd». Der starke Schweizer Franken dämpfe die Nachfrage. Die Städte weisen zwar weiterhin gute Logiernächtezahlen auf, jedoch sind die Zahlen im Berggebiet seit 2008 um etwa 10 Prozent gesunken. Hinzu kommen die Nachrichten über Terrorismus. Sie schreckten in den letzten Jahren vor allem asiatische Gäste vor einer Europareise ab. Fessler setzt jedoch Hoffnung in die Prognosen der Konjunkturforschungsstelle KOF. Die rechnet wieder mit einer stärkeren touristischen Nachfrage.

Hilft Nachhaltigkeit beim erwarteten Aufwärtstrend? Kann sich der Schweizer Tourismus gegen billigere Konkurrenz behaupten? «Die meisten Touristen sind sehr preisempfindlich», sagt Fessler. Es gebe in der Regel wenig Bereitschaft, explizit für Nachhaltigkeit mehr zu bezahlen. Ausländische Touristen kämen aber mit einer bestimmen Erwartungshaltung hierher, der Erwartung an eine nachhaltige Schweiz. «Wenn wir diese erfüllen, kommen sie trotz hoher Preise auch weiterhin zu uns.» Und die Schweizer selbst? Die seien dem Tourismusland Schweiz bis jetzt treu. Viele entscheiden sich auch bewusst, «in der Heimat» zu bleiben und somit die Umwelt zu schonen, weil Flugreisen und Transport grosse CO2-Emissionen verursachen.

Wo gibt es noch etwas zu tun hierzulande? «Der Tourismus lebt von Mobilität», sagt Fessler. «Die An- und Abreise hat insgesamt den grössten Einfluss, was wir vor allem mit neuen Technologien lösen müssen.» Mit Elektromobilität zum Beispiel. Die 1600 Kilometer lange Grand Tour of Switzerland wurde mit rund 300 Ladestationen für Elektroautos ausgerüstet. Einen solchen «Road Trip» für Elektrofahrzeuge gab es vorher nicht. Auch hier sind die Schweizer die ersten gewesen.