TOURISMUS: Tourismus boomt nur in Städten

Die Marketing-Fachleute glauben, die Schweiz habe das Schlimmste überstanden. Der Tourismusexperte Urs Wagenseil ist skeptisch.

Interview Rainer Rickenbach
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Chinesische Touristen gehören praktisch zum Stadtbild der Stadt Luzern. (Bild: Remo Nägeli)

Chinesische Touristen gehören praktisch zum Stadtbild der Stadt Luzern. (Bild: Remo Nägeli)

Urs Wagenseil leitet am Institut für Tourismuswirtschaft ITW in Luzern den Bereich Tourismus. (Bild: PD)

Urs Wagenseil leitet am Institut für Tourismuswirtschaft ITW in Luzern den Bereich Tourismus. (Bild: PD)

Urs Wagenseil, Schweiz Tourismus glaubt, die Talsohle sei durchschritten. Sie sagt für 2013 ein leichtes Wachstum bei den Hotelübernachtungen voraus. Teilen Sie diese Zuversicht?

Urs Wagenseil: Ich bin sehr vorsichtig mit Prognosen. Wie volatil die Wirtschaftslage ist, macht zurzeit Italien deutlich: Ein Wahlgang ohne klares Ergebnis und schon geraten die Märkte und der Euro unter Druck.

Sie wagen keine Prognose?

Wagenseil: Wenn keine grösseren Krisen in Wirtschaft und Politik einen Strich durch die Rechnung machen, wird die Schweiz am globalen Wachstum der Tourismusbranche teilhaben. Doch sie wird weniger profitieren als andere Länder.

Warum?

Wagenseil: Der Wettbewerb um die Touristen ist heute viel dynamischer als noch vor 20, 30 Jahren. Regionen in Asien, Lateinamerika, den arabischen Golfstaaten oder Osteuropa setzen mit Verspätung auf das Reisegeschäft. Das schafft neue Möglichkeiten. Gerade in der Schweiz ist die Empfänglichkeit für neue Angebote gross, hier reisen viele Leute seit 30 oder 40 Jahren.

Immerhin verzeichneten die Schweizer Hotels 2012 etwas mehr Ankünfte als im Vorjahr.

Wagenseil: Doch die Gäste blieben weniger lange in den Hotels. In unserer mobilen Zeit, in der man für ein Musical schnell für eine Nacht nach Hamburg fliegt, brauchen die Hotels mehr Gäste, um ihren Umsatz halten zu können. Viele Leute buchen heute kurzfristiger, und sie bleiben oft nur eine Nacht an einem Ort. Für die Tourismusbetriebe bringt das einen Mehraufwand mit sich. Doch sie kommen nicht umhin, sich darauf einzustellen.

Die Berggebiete wie Graubünden oder das Berner Oberland leiden seit Jahren am stärksten unter dem Gästeschwund. Weil sie sich in Europa immer stärkerer Konkurrenz ausgesetzt sehen?

Wagenseil: Die Konkurrenz ist bestimmt grösser geworden. In Österreich, im deutschen Allgäu oder auch in Slowenien wurden beträchtliche Anstrengungen unternommen, die Angebote dort sind dank dem Euro preislich attraktiv. Wir stellen aber auch fest: Der Wintersport hat nicht mehr die Bedeutung, die er in den 1970er- und 1980er-Jahren hatte.

Der Wintersport hat an Faszination eingebüsst?

Wagenseil: Bei Jüngeren, ja. Ihr Bezug zum Wintersport hat nachgelassen. Denn Wintersportferien sind keine billige Angelegenheit, dazu kommt die ganze Wintersport-Ausrüstung. Die Jungen können heute aus einem viel grösseren Angebot auswählen als noch ihre Eltern. Warum zum Beispiel nicht eine günstige Zugreise durch das winterliche Polen anstatt zum x-ten Mal Skiferien?

Das Tourismusland Schweiz ist stark auf den Winter fokussiert.

Wagenseil: Vielleicht zu stark. Die Fachleute von Schweiz Tourismus bemühen sich, Bergferien im Sommer schmackhaft zu machen. Doch eine solche Imagekampagne braucht viel Zeit.

Die grösseren Städte profitieren von den neuen Reisegewohnheiten. Zürich oder auch Basel legen zu.

Wagenseil: Ja, das tun sie ohne Zweifel. Die Schweizer Städte verfügen über ausgezeichnete Eisenbahn- und zum Teil auch Flugverbindungen. Vor allem die Stadt Zürich ist sehr gut erreichbar. Rund um die Stadt haben sich internationale Hotelketten angesiedelt, die ihrerseits mit ihrer geballten Vermarktungskraft Kunden erreichen. Das geht Hand in Hand mit dem Geschäftstourismus in der grössten Schweizer Stadt.

Die Hotels der Stadt Luzern beherbergten 2012 ebenfalls mehr Hotelgäste als im Vorjahr.

Wagenseil: Die Stadt Luzern ist breit aufgestellt, ihre Märkte sind sehr international. Sie ist sehr gut positioniert. Das ist auf ein langjähriges Marketing in Ländern wie Indien oder China zurückzuführen. Anders als zum Beispiel in Graubünden verhagelt es in Luzern die Statistik nicht, wenn weniger deutsche oder niederländische Besucher kommen. Luzern lässt sich den Tourismus etwas kosten: Der Tourismusorganisation stehen 12 Millionen Franken im Jahr zur Verfügung. Das ist auch nötig, die Lage und die landschaftlichen Schönheiten sind kein Garant für immerwährende gute Geschäfte, denn die Konkurrenz nimmt immer noch zu.

Hinweis

Urs Wagenseil leitet am Institut für Tourismuswirtschaft ITW in Luzern den Bereich Tourismus.