Lohn
Trotz der Krise mehr Lohn

Die Gewerkschaften verlangen mehr Lohn als Konsumstütze. Zudem hätten nicht alle vom Boom profitiert. Die Arbeitgeber kontern mit dem Argument der Krise.

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Portemonnaie

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Aargauer Zeitung

Daniel Imwinkelried

Das Vorgeplänkel zum Lohnherbst- Ritual hat gestern begonnen. Allerdings hat sich nicht wie üblich eine Gewerkschaft als Erste zu Wort gemeldet. Vielmehr hat Bundesrätin Doris Leuthard die Debatte lanciert: Um Jobs zu retten, müssten die Arbeitnehmer vielleicht auf Lohnerhöhungen verzichten, sagte sie im «SonntagsBlick». Sie erwartet keine grossen Lohnsprünge.

In den nächsten Wochen wird der Lohnherbst nun nach einem fixen Drehbuch ablaufen: Die Gewerkschaften werden höhere Löhne verlangen, um den Menschen Geld für den Konsum zu geben, die Arbeitgeber werden solche Forderungen abblocken, indem sie auf die Krise verweisen.

Als Erste deponiert heute Travail Suisse, die Dachorganisation von zwölf Verbänden, ihre Lohnforderung. Letztes Jahr verlangten die Gewerkschaften unisono eine satte Reallohnerhöhung von bis 2,5 Prozent und den Ausgleich der damals stattlichen Jahresteuerung von 2,5 Prozent. Dieses Jahr werden es die Gewerkschaften jedoch sehr schwer haben, auch nur ähnliche Forderungen durchzubringen. Denn die Arbeitslosigkeit steigt und die Wirtschaft schrumpft. Gestritten wird diesen Herbst mit zwei Argumenten, bei denen es Wahr und Falsch nicht gibt.

Lohnerhöhung als Stütze des Konsums: Wer mehr Lohn erhält, konsumiert fleissiger, und das hilft den Firmen. So argumentiert Travail Suisse. Andere Gewerkschaften werden ihr folgen. Es stimmt zwar: Die Schweiz exportiert für Milliarden Medikamente und Maschinen, doch die täglichen Konsumausgaben machen einen grösseren Teil des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus als solche Exportschlager.

Leider lässt sich nicht eindeutig beweisen, ob höhere Löhne die Wirtschaft wirklich in Fahrt halten. Erstens werden viele Menschen den Zustupf sparen, um sich für noch härtere Zeiten zu wappnen. Höhere Löhne heissen zweitens auch höhere Produktionskosten, und das kann den Export belasten. Dieses Argument wird den Chefs wohl dazu dienen, Lohnforderungen abzublocken.

Nachholbedarf bei den Löhnen: Der Aufschwung der Jahre 2003 bis 2008 habe sich nicht voll in den Lohntüten niedergeschlagen, sagt Rolf Zimmermann, Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Daher bestehe bei den Löhnen Nachholbedarf. Auch das lässt sich leider nicht zu hundert Prozent belegen. Zwar kommen laut dem Lohnindex des Bundesamtes für Statistik die Arbeitnehmer schlecht weg: Die Jahresteuerung betrug 2008 2,4 Prozent, und das hat die durchschnittliche Lohnerhöhung von 2 Prozent wieder zunichtegemacht. Zudem wuchsen die Reallöhne zwischen 2004 und 2008 nur um 0,1 Prozent pro Jahr, obwohl die Wirtschaft wie verrückt boomte.

Der Lohnindex zeigt aber nur einen Teil der Realität. Die Boni sind darin nicht enthalten, und den Wandel der Wirtschaft zu besser bezahlten Tätigkeiten spiegelt er auch nicht. Berücksichtigt man solche Effekte, sind laut der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) die Gehälter 2008 im Schnitt pro Stelle um 2,8 Prozent gestiegen - also leicht mehr als die Inflation.

Auch die Gewerkschaften wissen, dass sie dieses Jahr einen schweren Stand haben werden. «Travail Suisse wird daher bei ihren Forderungen die Lage jeder Branche und jedes Betriebes berücksichtigen», sagt Therese Schmid. Auch der SGB wird differenziert vorgehen. Chancen auf eine Lohnerhöhung kann sich beispielsweise ausrechnen, wer in der Pharmabranche arbeitet.

Novartis und Roche gehören zu den wenigen Firmen der Schweiz, die 2009 erneut einen Rekordgewinn anpeilen. Die meisten Unternehmen backen aber kleinere Brötchen als 2008. Besonders die Angestellten von Maschinenbauern, die im Export tätig sind, dürften bei den Chefs kaum Gehör finden. Bis die Lohnabschlüsse stehen, werden auf jeden Fall noch viele markige Worte fallen. Am Schluss wird sich der Schweizer Pragmatismus durchsetzen: Geld zahlen die Firmen, die es sich leisten können, und das werden extrem viel weniger sein als 2008.