Tourismus
Trotz Euro-Schwäche: Skandinavische Tourismusbranche legt zu

Die Schweizer Tourismusbranche ist in der Krise: Als Grund nennen die Schweizer Touristiker unisono den starken Schweizer Franken. Dass dies alleine noch kein Grund sein muss für eine Tourismuskrise, zeigt die Entwicklung in Norwegen und Schweden.

Thomas Schlittler
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Kommentar: Den Elchtest nicht bestanden

Von Thomas Schlittler

Eine Übernachtung ist mehr als einschlafen und aufwachen. Bucht jemand eine Nacht in einem Schweizer Hotel, dann folgt ein Tagesausflug aufs Jungfraujoch, ein Kilo Schoggi als Souvenir und am Abend ein Raclette-Plausch mit einem Gläschen Wein. Diese Folgeerträge sind für eine Volkswirtschaft noch wichtiger als die Übernachtung selbst. 2012 schliefen in Schweizer Hotels 2,5 Millionen Gäste weniger als noch 2008 - für die gesamte Branche bedeutet das Mindereinnahmen in Milliardenhöhe.

Und die Krise ist nicht vorbei. Im Januar ging die Anzahl Logiernächte erneut zurück. Bedenklich ist, dass Deutschland - das mit Abstand wichtigste Tourismusland - einmal mehr die stärkste Abnahme verbuchte. In den letzten vier Jahren ist die Anzahl deutscher Touristen in der Schweiz um mehr als 25 Prozent (!) eingebrochen. Dass die Deutschen besonders aufs Portemonnaie achten, reicht als Erklärung nicht aus. Norwegen und Schweden verteuerten sich gleichermassen, der Gästeschwund fiel weit geringer aus.

Vielmehr sind den deutschen Touristen wohl die Feindseligkeiten nicht verborgen geblieben, die sie in der Schweiz erwarten. Deutschland-Bashing ist populär. Kommt hinzu, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis hierzulande zu wünschen übrig lässt. Viele Hotels sind veraltet, das Personal unfreundlich und oft ohne Bezug zur Schweiz. Nichts gegen ausländische Arbeitskräfte, diese tragen erheblich zum Wohlstand der Schweiz bei. Aber wer beim Après-Ski im Oberwallis ein Bier bestellt, freut sich über den entsprechenden Dialekt der Bedienung - wo bleibt sonst die Abgrenzung zu anderen Destinationen? In der Industrie kommen strengere Swissness-Vorgaben, im Tourismus schert sich niemand darum.

Als sich «Die Nordwestschweiz» für den Anlass anmelden wollte, folgte jedoch die Enttäuschung: Mangels Interesse wurde die Medienkonferenz abgesagt. Viele Journalisten hatten offensichtlich keine Lust, sich anzuhören, wie stark die Schweizer Tourismusbranche sei, während die Übernachtungszahlen Monat für Monat und Jahr für Jahr zurückgehen.
Seit 2008 ist die Anzahl Übernachtungen in Schweizer Hotels um 6,9 Prozent auf 34,8 Millionen zurückgegangen. Damit fehlen der Industrie über 2,5 Millionen Logiernächte. Als Grund geben die Tourismusverantwortlichen den starken Schweizer Franken an. Dieser machte die Schweiz für Touristen aus der Eurozone in den letzten fünf Jahren um 19,3 Prozent teurer.

Doch ein Blick in den hohen Norden zeigt, dass diese Erklärung allein zu kurz greift. Die Norwegische und die Schwedische Krone haben sich im gleichen Zeitraum noch stärker verteuert als der Schweizer Franken. Dennoch konnten die beiden Länder bei den Logiernächten leicht zulegen.
Vor allem Deutsche meiden Schweiz
Hotellerie Suisse kann mit der Gegenüberstellung nicht viel anfangen: «Die Entwicklung in der Schweiz lässt sich nicht mit jener in Skandinavien vergleichen, da die drei Länder unterschiedliche Gästestrukturen haben.» In der Schweiz mache der Anteil von Gästen aus dem Euroraum rund ein Drittel aller Logiernächte aus.

In Schweden und Norwegen betrage dieser Anteil lediglich 10 bis 12 Prozent. «Daher hat der Wechselkurs in der Schweiz stärkere Auswirkungen auf die Logiernächte», so der Verband.
Die Schweiz hat im Vergleich zu Norwegen und Schweden tatsächlich einen deutlich höheren Anteil ausländischer Gäste. Während hierzulande jede zweite Buchung von einem ausländischen Gast stammt, hat in den skandinavischen Ländern nur jeder vierte Kunde keinen einheimischen Pass.

Allerdings büsst die Schweiz an Vorsprung ein: 2012 durfte die Hotellerie hierzulande 11,3 Prozent weniger ausländische Gäste begrüssen als noch 2008. Am extremsten ist der Rückgang bei den deutschen Touristen: Deren Logiernächte gingen in diesem Zeitraum um mehr als ein Viertel zurück.
Bei den Norwegern und Schweden blieben die ausländischen Gästezahlen trotz erstarkter Heimwährung stabil. Die Besuche aus dem wichtigen Markt Deutschland nahmen zwar ab, aber deutlich geringer als in der Schweiz. In Schweden liessen sich 5,9 Prozent weniger Deutsche blicken, in Norwegen 10,5 Prozent weniger.
Brasilien und China als Alternative
Dass die latente Deutschenfeindlichkeit zu dieser unterschiedlichen Entwicklung beigetragen hat, glaubt Hotellerie Suisse nicht: «Die Aufregung um die Äusserungen einer Nationalrätin vor rund einem Jahr hat sich weitgehend gelegt», schreibt der Verband und ruft damit die Deutsch-kritischen Aussagen von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli in Erinnerung.
Hotellerie Suisse verteidigt seine Branche: «In den vergangenen Jahren wurde kräftig in die Infrastruktur investiert. Speziell im 4- und 5-Sterne-Bereich hält die Schweiz locker mit den Nachbarländern mit.»

Bei 2- und 3-Sterne-Hotels sieht der Verband aber Nachholbedarf: «Dort gibt es immer noch zu viele Betriebe, die falsch positioniert sind und nicht den Geschäftsbedürfnissen entsprechen.»
Bei der Marketingorganisation Schweiz Tourismus will man den Negativtrend derweil mittels Eroberung neuer Märkte durchbrechen: «Wir setzen seit ein paar Jahren auf die Diversifizierung der touristischen Kundschaft und werden in Ländern, die ein hohes Wachstumspotenzial aufweisen, immer aktiver», teilt Sprecherin Véronique Kanel mit.

Ein Fokus liege dabei auf Brasilien, China, Indien, Russland und Süd-Ost-China.