Hartes Brot für Gastronomie: Jedes fünfte Lokal bleibt geschlossen – und es drohen massenhaft Konkurse

Am Montag dürfen Restaurants wieder öffnen. Die Vorfreude ist gross, doch es stehen schwierige Jahre bevor.

Niklaus Vontobel
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Stuhl um Stuhl, aber immer mit genug Abstand – die Vorbereitungen für die Wiedereröffnung vom 11. Mai 2020 laufen.

Stuhl um Stuhl, aber immer mit genug Abstand – die Vorbereitungen für die Wiedereröffnung vom 11. Mai 2020 laufen.

Bild: Adrian Reusser / KEYSTONE

Endlich. Übermorgen kann die Gastronomie wieder auftun. Bundesrat Ueli Maurer appelliert: «Wir müssen raus aus dem Beerdigungsmodus.» Politiker müssten eine Aufbruchstimmung verbreiten, die Schweizer ihr Land neu entdecken. «Wir haben den besten Wein, das beste Brot – was wollen wir mehr?» Und schliesslich sagte Maurer:

Genug von Corona: Ueli Maurer.

Genug von Corona: Ueli Maurer.

Bild: Alessandro Della Valle/Keystone
«Gestatten Sie mir eine Bemerkung: Ich habe genug von der Krise.»

Doch in der Gastronomie wird der Montag nur eine Annäherung an die alte Normalität bringen. Experten bezweifeln, ob es überhaupt ein Zurück gibt. Es werden harte Jahre erwartet, massenweise Konkurse. Harte Auseinandersetzungen stehen an: um die Notkredite, und vor allem um die Mieten. Dennoch freuen sich viele Gastwirte auf den Neustart. Und Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer appelliert an die Berufskollegen.

Gäste müssen Daten nicht zwingend hinterlassen

28000 Restaurants gibt es in der Schweiz. Am Montag wird jedes etwas andere Wege gehen. Die Gäste erwartet Vielfalt. Es wird Restaurants geben, die noch gar nicht öffnen. Vielleicht, weil die Seilbahn nicht fährt, die sonst die Gäste bringt. Oder das Schiff. Nochmals andere Restaurants bleiben zu, weil sich der Betrieb mit den Auflagen finanziell nicht lohnt.

Andere machen es vielleicht wie Platzer. Der Präsident von Gastrosuisse wird seinen eigenen Betrieb erst zehn Tage später eröffnen, an Auffahrt. «Das ist für uns nicht ungewöhnlich, wir passen die Saisoneröffnung in der Regel den Feiertagen an.» Die Gäste könnten, so die Überlegung, ein langes Wochenende in den Bergen verbringen. Zu Beginn gibt es ein leicht reduziertes Angebot, um die Kosten senken zu können. Im Sommer wird alles hochgefahren.

Nochmals andere Restaurants machen erst eine Teileröffnung: Die Gäste erwarten kürzere Öffnungszeiten, weniger Personal, gestraffte Menus. Alles in allem könnten in den nächsten Wochen gemäss groben Schätzungen noch bis zu 20 Prozent aller Restaurants geschlossen bleiben.

Wo sich Türen öffnen, müssen Gäste ihre Kontaktangaben nun doch nicht zwingend hinterlassen. Diese Vorgabe hat die Gastronomie dem Bundesrat wieder ausgeredet. Wo nur mal eben ein Kaffee getrunken wird, ist die Datenerfassung kaum möglich. Sonst ist man das Hinterlassen von Daten vom Reservieren her gewohnt.

Beim Blick auf die Rechnung fällt vielleicht auf: Die Mehrwertsteuer ist gleich hoch, obwohl die Branche vehement eine Kürzung verlangt. In Deutschland ist dies schon passiert.

In Österreich reicht ein Meter Abstand

Mancherorts wird vielleicht neidisch nach Österreich geblickt. Kanzler Sebastian Kurz hat erlaubt, dass als Abstand zum nächsten Gast ein Meter genügt. Hierzulande sind es zwei. Wo dies nicht geht, braucht es Trennwände. Das Schutzkonzept schreibt alles im Detail vor – es heisst darin:

«Die obere Kante der Trennwand befindet sich, gemessen ab Boden, auf einer Höhe von mindestens 1,5 Metern und mindestens 70 Zentimeter über der Tischkante.»

Mancherorts ist das Lieblingsrestaurant offen – aber wie lange noch? Hinter den Kulissen geht es öfter ums Überleben. Ob das Öffnen am Montag hilft, darüber wird gestritten. Mancher Gast hätte warten können. Laut Umfrage des Schweizer Fernsehens findet ein Drittel der Bevölkerung: Es geht zu schnell. Mancher Wirt sieht es ähnlich. Oft heisst es, die Öffnung sei «absolut unrentabel».

Das typische Restaurant hat noch halb so viele Plätze. Der Gast hat mehr Raum, dem Wirt fehlt der halbe Umsatz. Gastroexperte Peter Herzog hat einige Budgets gesehen. Sein Urteil: «Viele Betriebe verdienen unter dem Strich nichts. Sie verbrennen Geld, das sie nicht haben.» Casimir Platzer von Gastrosuisse sagt dazu: «Es ist falsch, pauschal zu sagen, die Öffnung sei ein Leerlauf.» Viele Wirte würden sich freuen auf den Neustart. Natürlich sei es schwierig, aber jeder sei anders, jeder habe andere Chancen und Probleme:

«Gastwirte sind Unternehmer. Wir sind es gewohnt, zu kämpfen und uns an neue Gegebenheiten anzupassen.»

Nach dem Neustart erwartet die Gastwirte eine Rezession der besonderen Art. Eine Konkurswelle halten viele Experten für wahrscheinlich. Deren Ausmass lässt sich kaum abschätzen. Gastroexperte Herzog wagt es dennoch: ein Fünftel aller Betriebe in den nächsten 18 Monaten. Das wären 5600 Konkurse. Herzog: «In den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten werden wir weit weg sein von der alten Welt.»

Weil zahlreiche Einschränkungen noch gelten, bleibt es leerer als zuvor. Kinos und Theater öffnen erst im Juni. Messen und Kongresse wird es frühestens im September geben, das Gleiche gilt für Konzerte oder Sportevents. Ausländische Touristen fehlen. Berufstätige bleiben im Homeoffice – und essen daheim, nicht im Restaurant.

Vieles hängt in der Schwebe. Platzer sagt zwar auch, es werde mehr Konkurse geben. Er rechnet mit 10 bis 15 Prozent aller Betriebe. «Aber wie viele es am Ende sind, hängt ab von der Nachfrage und den weiteren Unterstützungsmassnahmen.»

Ein politisches Schlachtfeld sind die Mieten. Zunächst geht es um Mieten, die im Lockdown fällig wurden. National- und Ständerat wollte eine Senkung durchsetzen, fanden aber keinen Kompromiss. Im Sommer wird weiter gerungen. Doch das ist Vorgeplänkel. Denn bald wird um diese Frage gestritten: Was geschieht in den nächsten Monaten, wenn nur halb so viele Gäste in die Räume dürfen. Gastrosuisse will, dass die Mieten an die Umsätze geknüpft werden. Sinken die Umsätze, sinken die Mieten. Platzer: «Freiwillig bewegen sich leider die wenigsten Vermieter. Es braucht eine politische Lösung.»

Vielgelobte Notkredite schieben Probleme nur auf

Der nächste Streit steht bei den Notkrediten. Für dieses Programm lobte Finanzminister Ueli Maurer die Banken und die ganze Schweiz. Es ging schnell, es ging unkompliziert. Österreichs Politik wollte von Maurer darüber lernen. Doch nun wird Kritik laut. Ökonomen rechnen vor, wie die Kredite geradewegs in die Überschuldung führen. Platzer sagt: «Es war sehr gut als Sofortmassnahme. Aber es löst die Probleme nicht, es schiebt sie nur auf.»

Wird es je wieder wie vor der Krise? Jan-Egbert Sturm, Direktor der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, zweifelt mittlerweile daran. «Selbst wenn es eine Rückkehr zur alten Normalität irgendwann geben würde – so wird es wohl zu lange dauern, um in der Zwischenzeit einfach still zu stehen.» So würden zum Beispiel asiatische Gäste noch lange wegbleiben. «Wir werden uns anpassen müssen, was schmerzhaft ist. Bisher hat die Schweiz dies allerdings immer gut hinbekommen.»

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