Kolumne

Erfolgshunger im Weissen Haus

US-Präsident Trump hat sich mit seinen Handelsabkommen bislang verzockt.

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana. (Bild: PD)

Maurice Pedergnana. (Bild: PD)

Zweifellos ist Donald Trump auf eine gute konjunkturelle Entwicklung angewiesen. In weniger als zwölf Monaten sind die Wahlen. Er weiss genau, dass noch nie ein US-Präsident in einer Rezession wiedergewählt wurde. Deshalb ist sein Hunger nach echten Erfolgsausweisen ungestillt. Die rekordtiefe Arbeitslosigkeit wurde im Wesentlichen von seinem Vorgänger erzielt. Und der Aktienmarkt hat sich in seiner Präsidialzeit nicht anders entwickelt als zuvor. Einzig, dass die Anleger langsam all der Trump’schen Twitter-Tiraden satt sind, welche deren Aktienkurse kurzfristig immer wieder durchschütteln.

Zwei grosse Themen stehen an. Einerseits muss Donald Trump versuchen, die finanzielle Lage in den privaten Haushalten zu stärken – nicht bei den Milliardären, wie bei der letzten Steuerreform, sondern im Mittelstand. Deshalb ist zu erwarten, dass er in einigen Wochen mit einem entsprechenden Steuersenkungspaket auf Stimmenfang gehen wird.

Ein zweites Thema sind die Handelskonflikte. Gerade in den politisch wahlentscheidenden «Swing States» wie Wisconsin, Ohio und Iowa sowie Pennsylvania hängt der republikanische Haussegen schief. Durch die sich aufschaukelnden Strafzölle ist die dortige Landwirtschaft und Industrie am Serbeln. Man ist weit von einem Beschäftigungserfolg des nach eigener Einschätzung «besten Verhandlungsführers in der Geschichte der USA» entfernt. Trump hat sich mit seinen Handelsabkommen bislang verzockt. Ausser kleinen Retouchen mit Japan, Kanada und Mexiko hat er noch nichts zustande gebracht. Vielmehr haben seine wortgewaltigen Drohungen zu einem Zusammenstreichen der Investitionspläne und die Industrie an den Rand einer Rezession geführt.

Das hat er auch seinen Einflüsterern zu verdanken. Viele exzellente Berater haben Washington bereits wieder verlassen und sind in Wirtschaftspositionen zurückgekehrt. Zurückgeblieben sind einige wenige, die es mit den Fakten erfahrungsgemäss nicht so genau nehmen.

Exemplarisch dafür ist, wie sich Donald Trump mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel streitet. Die USA stellen für Deutschland einen der wichtigsten Handelspartner dar. Der bilaterale Handel liegt in der jährlichen Grössenordnung von rund ­ 184 Milliarden US-Dollar. Deutschland exportiert aber auch Kapital in die USA, welches da Wachstum und Wohlstand generiert. Beispielsweise steht die modernste Automobilfabrik von BMW in South Carolina auf einer Fläche von über hundert Fussballfeldern. Ein wesentlicher Teil der dortigen Produktion wird nach China exportiert und mildert das transpazifische Handelsdefizit.

Überhaupt ist eine rein bilaterale Betrachtung irreführend. Nobelpreisträger Robert Solow illustrierte dies plastisch, als er beklagte, er habe ein chronisches Defizit gegenüber seinem Friseur. In einer arbeitsteiligen Welt haben bilaterale Handelsbilanzen keine grosse Aussagekraft. US-Waren werden beispielsweise häufig nach Rotterdam verschifft, um von dort über den ganzen Kontinent verteilt zu werden. US-Dienstleistungen wie Software von Microsoft werden häufig über Dublin in Europa verteilt. So muss das US-Defizit von Waren und Dienstleistungen mit Deutschland fairerweise auch unter Berücksichtigung des US-Überschusses gegenüber den Niederlanden und Irland gelesen werden. Dann lauten die Fakten plötzlich umgekehrt: Laut der offiziellen amerikanischen Statistik weist die Leistungsbilanz der USA gegenüber der Europäischen Union als Ganzes seit 2009 stets einen Überschuss auf.

Bisweilen wird mit Statistiken gerne geschummelt, gerade auch in den Tweets aus dem Weissen Haus. Will man jedoch wahrhaftig relevante Erkenntnisse gewinnen, gilt es, unter die Oberfläche zu blicken. Bevor Trump damit öffentlich konfrontiert wurde, hat er vor wenigen Tagen seine Drohungen gegenüber der EU-Kommission zur Strafverzollung von europäischen Automobilen aufgrund von «unfairen Handelspraktiken» zurückgezogen. Ganz leise, ohne Tweet.

Maurice Pedergnana ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).