Trump will Wechat verbieten – damit schneidet er Chinas Lebensader ab

Mit Wechat bezahlen Chinesen im Supermarkt, begleichen Rechnungen oder bestellen Essen. Die USA wollen nun gegen die App vorgehen – und würden damit die eigene Tech-Industrie hart treffen.

Fabian Kretschmer, Peking
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Im Leben vieler Chinesen ist die App Wechat allgegenwärtig.

Im Leben vieler Chinesen ist die App Wechat allgegenwärtig.

Keystone

Das rituelle Austauschen von Visitenkarten bei Geschäftsterminen war gestern. Mittlerweile führen überhaupt nur mehr die wenigsten chinesischen Firmenmanager und Regierungsbeamten eine Visitenkarte bei sich. Beim gegenseitigen Kennenlernen teilt man nur mehr den jeweiligen Wechat-Account, um in Kontakt zu bleiben.

Die vom Internetgiganten Tencent entwickelte Hybrid-Plattform startete 2011 als reine Chat-App fürs Smartphone. Längst jedoch vereint sie praktisch alle erdenklichen Funktionen: Mithilfe des integrierten Zahlungsprogramms werden per Wechat Supermarktkäufe bezahlt, Essenslieferungen geordert, Stromrechnungen beglichen, Krankenversicherungen abgeschlossen oder in Aktien investiert.

«Können ohne Wechat nicht leben»

«Chinesen können ohne Wechat nicht mehr leben», sagt eine Bekannte über den digitalen Alleskönner. Und spätestens seit der Corona-Pandemie hat sie ausnahmslos recht: Via Wechat bekommen die Chinesen einen Gesundheitscode zugewiesen, den man zum Einlass in Restaurants und Einkaufsläden zwingend vorzeigen muss.

Nun jedoch haben die Falken innerhalb der US-Regierung Apps wie Wechat den Kampf angesagt. Aussenminister Mike Pompeo propagiert mit seiner «Clean Internet»-Kampagne ein Verbot chinesischer Apps in den Vereinigten Staaten. Und Präsident Donald Trump möchte Wechat bis zum 20. September im heimischen Markt verbieten.

Wechat ist grösser als Tiktok

Bislang das prominenteste Opfer des digitalen Kalten Kriegs ist der Videodienst Tiktok, der als beliebteste App weltweit gilt und allein in den Vereinigten Staaten über 100 Millionen meist jugendliche Nutzer verfügt. Tiktoks Mutterunternehmen Bytedance wird auf über 50 Milliarden US-Dollar geschätzt, Tencent hingegen hat einen Marktwert des Zehnfachen. Doch auch aus einem weiteren Grund würde das Wechat-Verbot schwerer wiegen: In den USA leben rund viereinhalb Millionen Menschen, die sich als chinesischstämmig definieren. Fast alle von ihnen nutzen die App, um mit ihren Verwandten und Freunden in Ostasien zu kommunizieren oder Geld zu überweisen. Wenn dies nicht mehr möglich ist, dann wären die zwei Weltmächte einen Schritt weiter auf dem Weg zur digitalen Entkopplung.

Letztendlich kann sich die chinesische Regierung jedoch kaum beschweren, hat sie doch das zensierte Internet geradezu perfektioniert: Hinter der «Great Firewall» der Kommunistischen Partei schafft es weder Facebook, noch Whatsapp oder Twitter. Die Seiten der New York Times sind ebenfalls verboten, genau wie Google-Dienste und auch Wikipedia. Das Scheinargument von Präsident Xi Jinping lautet: Solange sich die Tech-Firmen aus dem Silicon Valley an die Gesetzgebung in der Volksrepublik halten, sind sie willkommen. Die Gesetzgebung sieht jedoch vor allem vor, politisch unliebsame Inhalte – etwa über die Kulturrevolution oder die blutige Niederschlagung der Studentenbewegung am Tiananmentplatz – zu zensieren und Nutzerdaten auf chinesischen Servern speichern zu müssen.

Zensur war Segen für chinesische Konzerne

Für die heimische Tech-Industrie war die «Great Firewall» allerdings ein Segen: Geschützt vor der Konkurrenz aus dem Ausland konnten sich heimische Alternativen zu Facebook, Youtube und Amazon entwickeln.

Die Beziehungen zwischen den USA und China sind derzeit so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Washington hat zuletzt innerhalb weniger Tage sowohl Sanktionen gegen die Führungsriege der Hongkonger Regierung verhängt als auch seinen Gesundheitsminister Alex Azar in die aus chinesischer Sicht «abtrünnige Provinz» Taiwan entsandt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Präsident Xi Jinping mit Vergeltungsmassnahmen reagiert.

Apple will Wechat anbieten

Auch wenn Washingtons Kampfansage an chinesische Apps vor allem gewöhnliche Bürger trifft, gibt es gleichzeitig berechtigte Gründe, Wechat und Co. im Zaum zu halten: Da chinesische Apps den Gesetzen der Kommunistischen Partei gehorchen, unterminieren sie die öffentliche Meinungsfreiheit. Wer Wechat nutzt - auch im Ausland -, unterstützt indirekt die politische Zensur der chinesischen Staatsführung. Gleichzeitig sind die Nutzerdaten im Zweifelsfall nicht sicher: Der Staat liest mit, nutzt die digitale Überwachung auch bei der Unterdrückung von Dissidenten.

Vor allem aber trifft Trumps Vorschlag US-Unternehmen – insbesondere den Apple-Konzern: Wenn Apple gezwungen werden sollte, Wechat aus seinen App-Stores zu nehmen, könnten die Smartphone-Verkäufe in China laut Schätzungen um bis zu einen Drittel sinken. Ford, Apple, Disney und eine Reihe weiterer Firmen haben ihren Präsidenten am Dienstag in einer Telefonkonferenz darum gebeten, die Entscheidung gegen Wechat noch einmal zu überdenken. «Wer nicht in China lebt, kann nicht verstehen, welch weite Auswirkungen es hat, wenn amerikanische Firmen Wechat nicht benutzen dürfen», zitiert das Wall Street Journal Craig Allen, Präsident des «US-China Business Council».

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