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TÜRKEI: Zweifelhaftes Wirtschaftswunder

Die türkische Wirtschaft boomt und übertrifft alle Erwartungen der Analysten. Doch Experten sind skeptisch: Hauptantrieb sind staatliche Kreditbürgschaften mit mangelnder Überprüfung der Schuldner. Es droht eine Schuldenspirale.
Gerd Höhler, Athen
Rund 30 (Bild: Getty)

Rund 30 (Bild: Getty)

Gerd Höhler, Athen

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Im ersten Quartal 2017 ist die türkische Wirtschaft fast doppelt so schnell gewachsen wie von den meisten Analysten erwartet. Die Regierung verspricht einen nachhaltigen Aufschwung. Aber viele Experten sind skeptisch. Denn das Wachstum wird vor allem von staatlichen Kreditbürgschaften getrieben. Die Strukturprobleme der türkischen Wirtschaft werden dadurch überdeckt.

Der Putschversuch vom vergangenen Jahr, die «Säuberungen», der Absturz der Lira, die Demontage demokratischer Rechte und die gesellschaftliche Polarisierung – das alles scheint der türkischen Wirtschaft nicht zu schaden. In den ersten drei Monaten legte das Bruttoinlandprodukt (BIP) um fünf Prozent zu. Unabhängige Volkswirte hatten nur zwei bis drei Prozent veranschlagt. Nach Bekanntgabe der Konjunkturdaten setzte die Ratingagentur Fitch ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 2,6 auf 4,7 Prozent herauf.

Der für Wirtschaft und Finanzen zuständige Vizepremier Mehmet Simsek verspricht, die Türkei werde mittelfristig jährliche Wachstumsraten von fünf bis sechs Prozent erreichen. Damit scheint eine drohende Krise abgewendet zu sein.

Im dritten Quartal 2016 war das BIP erstmals seit sieben Jahren geschrumpft – ein Alarmsignal für Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Seine Popularität gründet nicht zuletzt auf dem wirtschaftlichen Aufschwung, den die Türkei seit seinem Amtsantritt als Premierminister 2003 erlebte. Im November 2019 finden erstmals gleichzeitig Präsidenten- und Parlamentswahlen statt. Sie markieren den Übergang zum Präsidialsystem, das Erdogan eine nahezu unumschränkte Machtfülle bescheren soll. Umso wichtiger ist es für Erdogan, dass vor der Schicksalswahl die Wirtschaft brummt.

Regierung puscht Wirtschaft um jeden Preis

Dafür sorgt die Regierung vor allem mit staatlichen Kreditbürgschaften. In den vergangenen Monaten kamen so rund 300000 Unternehmen in den Genuss von Krediten. Die meisten hätten ohne die staatlichen Bürgschaften kaum eine Aussicht auf Darlehen gehabt. Um die Kreditvergabe anzukurbeln, stockte die Regierung das Volumen des staatlichen Kreditgarantiefonds von 20 auf 250 Milliarden Lira (63,6 Milliarden Euro) auf. Die Kreditsumme, für die der Staat über diesen Fonds bürgt, beläuft sich aktuell auf umgerechnet 46 Milliarden Euro.

Finanzexperten sehen erhebliche Risiken. Da die Regierung um jeden Preis Geld in die Wirtschaft pumpen möchte, werde die Bonität der Schuldner oft nicht eingehend genug geprüft. Für 2017 veranschlagen die Banken ein Kreditwachstum von rund 30 Prozent. Kritiker fürchten eine Schuldenspirale.

Schon das als «Wirtschaftswunder» gefeierte Wachstum des ersten Erdogan-Jahrzehnts verdankte die Türkei vor allem der enormen Verschuldung der Privatwirtschaft und der privaten Haushalte, der Niedrigzinspolitik der Zentralbank und grossen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland.

Wettbewerbsfähiger wurde die türkische Wirtschaft aber nicht, weil Erdogan Reformen immer wieder aufschob. Abzulesen ist die Misere am chronischen Defizit der Leistungsbilanz. Es spiegelt die niedrige ­Produktivität, mangelnde Innovationskraft und hohe Importabhängigkeit der türkischen Wirtschaft. Jetzt rutscht infolge höherer öffentlicher Investitionen auch der Staatshaushalt tiefer in die roten Zahlen. Zwar betrug das Defizit 2016 nur 0,9 Prozent des BIP – ein vorbildlicher Wert. Aber 2017 könnte sich die Defizitquote gegenüber dem Vorjahr verdreifachen, warnen Fachleute.

Strukturschwächen, wie die geringe Wertschöpfung der Industrie und die Mängel im Bildungswesen, werden durch das künstlich angefachte Wachstum nur vorübergehend überdeckt. Die meisten Menschen spüren überdies keinen Aufschwung. Bedrohliche Situation für Erdogan: Obwohl das Bruttoinlandprodukt dank der Kreditschwemme wächst, liegt die Arbeitslosigkeit mit 11,7 Prozent auf einem sehr hohen Stand.

Die Inflation hat sich seit Ende 2015 von knapp sechs auf fast zwölf Prozent verdoppelt und zehrt an der Kaufkraft der Menschen. Bekommt Erdogan Arbeitslosigkeit und Teuerung nicht in den Griff, könnte das im Endeffekt seine Wahlchancen deutlich schmälern.

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