TWINT & CO.

Haben Bezahl-Apps tatsächlich den Durchbruch geschafft? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die populärste Schweizer Bezahl-App Twint zählt bereits drei Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Und Experten erwarten für die nächsten Jahre eine starke Erhöhung der Transaktionen. Dass sich die Schweizer Lösung gegen ausländische Konkurrenten wie Apple oder Samsung durchsetzt, ist gar nicht so unwahrscheinlich.

Maurizio Minetti
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Mit der Twint-App kann man auch Parkgebühren begleichen.

Mit der Twint-App kann man auch Parkgebühren begleichen.

Bild: PD

Hat sich mobiles Bezahlen mit dem Smartphone in der Schweiz durchgesetzt?

Nach Meinung von Experten ist das mittlerweile tatsächlich der Fall. Wie die soeben veröffentlichte Mobile-Payment-Studie der Hochschule Luzern zeigt, ist das Bezahlen mit dem Smartphone «in der breiten Bevölkerung angekommen und dürfte zukünftig stark an Bedeutung gewinnen», wie Studienautor Andreas Dietrich sagt. Untermauert wird diese Behauptung mit Zahlen: Für die Studie wurden Daten der Schweizerischen Nationalbank und anonymisierte Daten der Schweizer Bezahl-App Twint ausgewertet.

Im September 2020 wies Twint über zehn Millionen Transaktionen aus. Das entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer Verdreifachung. Das Volumen verdoppelte sich innerhalb eines Jahres auf über eine halbe Milliarde Franken. Die Coronakrise hat für zusätzlichen Schub gesorgt, weil das Bezahlen mit Bargeld vermieden werden soll.

Begünstigt wird die Entwicklung aber auch durch weitere Nutzungsmöglichkeiten. Dazu zählt etwa das Bezahlen mit Twint bei Hofläden, bei Spenden oder das Begleichen der Parkgebühren.

Welche Bezahl-App wird am meisten genutzt?

Hierzulande scheint sich die von den Schweizer Banken mit viel Geld entwickelte Twint-App durchzusetzen. Sie zählt aktuell über drei Millionen registrierte Nutzerinnen und Nutzer. Entsprechend haben sich schon über 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung über 15 Jahren bei Twint registriert. Konkurrenten sind etwa Apple, Samsung oder Google mit ihren jeweiligen Lösungen – viele Banken unterstützen sowohl Twint als auch ausländische Lösungen.

Dass sich das Schweizer Produkt gegen gewichtige ausländische Konkurrenz durchsetzen kann, ist gemäss Experten nicht unwahrscheinlich. Zum Vergleich: Hierzulande hat die Schweizer Online-Auktionsplattform Ricardo einen viel grösseren Marktanteil als der amerikanische Konkurrent eBay.

Gerade bei einem Bezahldienst könnte entscheidend sein, dass die Nutzer einem Schweizer Produkt mehr vertrauen als einem Konkurrenzprodukt datenhungriger Tech-Anbieter. Studien zeigen, dass dies in Bezug auf Bezahl-Apps aktuell tatsächlich der Fall ist. Für Twint ist es zudem von Vorteil, wenn es im Markt auch andere Anbieter gibt, denn so haben Wettbewerbshüter keinen Grund, einzuschreiten.

Wer nutzt Bezahl-Apps?

Bei der Kundenstruktur zeigt sich, dass Mobile Payment derzeit noch immer etwas stärker von Männern genutzt wird. «Das ist ein typisches Phänomen des Adoptionsverhaltens bei technologischen Innovationen», sagt Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern.

Mit zunehmender Marktreife könne man aber beobachten, wie auch der Anteil der weiblichen Nutzerinnen zunehme. So beträgt der Anteil der weiblichen Nutzerinnen in der Zwischenzeit gut 45 Prozent. Zwei Jahre zuvor waren es noch 36 Prozent.

In welchen Regionen der Schweiz ist mobiles Bezahlen besonders populär?

In sieben Kantonen sind bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 15 Jahren registrierte Twint-Nutzer. Dazu zählen die Zentralschweizer Kantone Zug, Luzern und Obwalden. Es gibt aber auch Kantone, in welchen noch weniger als 30 Prozent Nutzerinnen und Nutzer der Mobile-Payment-Lösung Twint sind. Dazu zählen die beiden Basel. In allen Kantonen ist aber mindestens jeder Fünfte ein registrierter Nutzer oder eine registrierte Nutzerin.

Wie wird Twint eingesetzt?

Bei Twint dominieren in Bezug auf die Anzahl Transaktionen die Anwendungsfälle Peer-to-Peer (P2P), also der Geldaustausch zwischen zwei Nutzern, sowie das Bezahlen an der Ladenkasse (Point-of-Sale, POS). Über die vergangenen zwölf Monate wurden 41 Prozent der Twint-Transaktionen im Bereich P2P getätigt und 34 Prozent an der Ladenkasse.

Ein Viertel aller Transaktionen können dem Bereich E-Commerce und M-Commerce zugeordnet werden. Während an der Ladenkasse im Schnitt Transaktionen in der Höhe von 28 Franken getätigt werden, liegen diese im Bereich der P2P-Überweisungen (78 Franken) respektive im Bereich E-Commerce (62 Franken) deutlich höher.

Wird immer beliebter: Bezahlen mit Twint an der Ladenkasse.

Wird immer beliebter: Bezahlen mit Twint an der Ladenkasse.

Bild: Christian Beutler/Keystone (2. Mai 2018)

Wie stark verbreitet ist die Peer-to-Peer-Bezahlung mit Twint?

Mit der P2P-Technologie kann man Beträge per Smartphone zwischen zwei Personen direkt überweisen. Mehr als jeder zweite Franken (57 Prozent), welcher via Twint übermittelt wird, fliesst auf diese Weise. In Bezug auf die Anzahl der Transaktionen macht dieses Segment 41 Prozent aus. Zwischen September 2019 und 2020 gab es nahezu eine Verdreifachung der monatlichen Anzahl P2P-Transaktionen.

Geld verdient Twint mit dieser Dienstleistung allerdings nicht. «Dass P2P in der Twint-Nutzung einen so hohen Anteil hat, erstaunt und ist für Twint insofern herausfordernd, da es bei P2P keine Erlöse oder Kommissionen gibt im Gegensatz zum stationären Handel oder Onlinehandel», gibt E-Commerce-Experte Thomas Lang von der Beratungsfirma Carpathia zu bedenken. Die P2P-Nutzung helfe Twint aber, den Markt schneller für sich zu gewinnen.

Gibt es bei der Bezahlung mit Twint Sicherheitsrisiken?

Grundsätzlich sind die Risiken nicht höher im Vergleich mit anderen Bezahllösungen. Wer aber bei einer P2P-Zahlung eine falsche Handynummer eintippt, könnte unter Umständen das Geld verlieren. Dies kann passieren, wenn der Kontakt die Nummer gewechselt hat, ohne den anderen zu informieren. Twint empfiehlt, sich in diesem Fall mit der fremden Person in Verbindung zu setzen.

Zudem gibt es eine «Geld anfordern»-Option in der App oder man kann die falsche Nummer einfach anrufen. Lässt sich die falsche Überweisung so nicht rückgängig machen, so sollte man sich an den Herausgeber der Twint-App wenden, sprich an die eigene Bank. Notfalls hilft nur noch eine Anzeige bei der Polizei.

Wie sieht die Entwicklung bei den Onlineshops aus?

Im Frühling 2020 sorgte die Migros-Tochter Digitec Galaxus für Aufsehen, als sie ausgerechnet vor dem Lockdown die Zusammenarbeit mit Twint stoppte. Dabei ging es um die Höhe der Gebühren. Doch im Herbst rauften sich die beiden wieder zusammen; seitdem können Kunden wieder mit Twint bezahlen.

Die Episode zeigt, dass Twint für Schweizer Onlinehändler immer wichtiger wird. Das bestätigt Experte Thomas Lang. «Bei den Onlineshops hat Twint als primäre Mobile-Payment-Option letztes Jahr stark zugelegt», sagt Lang. Er sieht Twint als Gewinner im Onlinehandel, weil damit auf breiter Fläche quasi die Debitkarte der Banken für Online-Einkäufe genutzt werden könne.

«Der Vorteil für den Nutzer bei dieser Variante ist, dass die Abbuchung des Betrages unmittelbar erfolgt, ohne Überraschung am Monatsende beim Eintreffen der Kreditkarten-Abrechnung. Und zudem als Vorteil gegenüber dem Rechnungskauf, weil die Transaktion sogleich final ist und ohne spätere Überweisung – ein Vorteil auf Kunden- wie natürlich auch auf Händlerseite», so Lang.

Vor welchen Herausforderungen steht Twint?

Einerseits könnte es langfristig ein Problem sein, wenn sich Twint einzig auf den Schweizer Markt konzentriert. Es könnte jederzeit ein grosser ausländischer Konkurrent mit mehr Finanzkraft den Markt aufmischen. Ausserdem verdient Twint aktuell nicht wirklich viel Geld. Möglich ist also, dass die Konditionen für die Händler in Zukunft verschärft werden – sobald Twint für sie so wichtig geworden ist, dass sie nicht mehr darauf verzichten können.

Wie entwickelt sich der Mobile-Payment-Markt in den nächsten Jahren?

«Die Anzahl der Transaktionen aller Anbieter wird sich in nächster Zeit weiter erhöhen», prophezeit Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern. Er geht davon aus, dass bis im September 2022 monatlich rund 30 Millionen Transaktionen via Mobile Payment getätigt werden.

Das ergäbe für das Jahr 2021 insgesamt rund 240 Millionen und im Jahr 2022 rund 390 Millionen Transaktionen. Dies entspräche im privaten Zahlungsmarkt in Bezug auf die Anzahl der Transaktionen einem «Marktanteil» von rund neun Prozent. Damit werde das Bezahlen via Smartphone aus seiner Nische herausgetrieben.