Aussichten

Über die Multidimensionalität von Verletzlichkeit

Möchten wir den verschiedenen Formen von Verletzlichkeit im Alltag gerecht werden, könnten wir uns alle etwas mehr Behutsamkeit verordnen.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Bild: Philipp Schmidli

Langsam ist mir mulmig zu Mute. Mittlerweile haben wir bald 8000 Tote, im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu beklagen. Jetzt ist auch noch eine deutlich ansteckendere Coronavirus-Mutation als neue Darstellerin im Coronadrama aufgetaucht, der wohl nur mit strengeren Massnahmen beizukommen ist.

Zur selben Zeit wächst die Verzweiflung derer, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. Trauer auf der einen Seite, Not auf der anderen Seite, zunehmende Frustration und Enttäuschung auf allen Seiten. Diese Pandemie führt uns unsere Fragilität und Verletzlichkeit brutal vor Augen – und zwar in allen Spielarten. Denn Verletzlichkeit ist multidimensional und das dürfte mit ein Grund sein, warum eine einseitige Fokussierung zu kurz greift. Wollen wir als Gesellschaft nicht noch beschädigter aus dieser Krise hervorgehen, sollten wir allen Dimensionen von erfahrener Verletzlichkeit gerecht werden. Doch von welchen Formen von Verletzlichkeit ist hier die Rede? In der philosophischen Literatur werden folgende unterschieden:

Inhärente Verletzlichkeit hat ihre Quelle in unserer körperlichen Verfasstheit: Krankheiten schwächen uns, Unfälle beeinträchtigen unsere Funktionsfähigkeit, Todesfälle führen uns die Endlichkeit jedes – auch unseres – Lebens vor Augen. Als körperlich fragile Wesen sind wir Menschen entsprechend auf medizinische Hilfe, pflegerische Fürsorge und menschliche Zuwendung angewiesen. Situative Verletzlichkeit hingegen ist externen sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Faktoren geschuldet, die grundsätzlich veränderbar sind (deshalb auch situativ). Zur situativen Verletzlichkeit gehören etwa der Schmerz von Ablehnung und Ausgrenzung, aber auch von Abhängigkeit und Ohnmacht. Doch situative Verletzlichkeit kann sich auch verstetigen: Menschen erleben sich dann als ohnmächtig, als nicht autonom beziehungsweise verlieren jegliches Zutrauen in ihre Autonomiefähigkeit – wenn sich situative Verletzlichkeit zu einer strukturellen entwickelt, ist auch von pathogener Verletzlichkeit die Rede.

«Und?», fragen Sie sich jetzt vielleicht. Was folgt aus dieser Kenntnis unserer Verletzlichkeit(en), zum Beispiel in moralischer oder politischer Hinsicht? Haben wir deswegen bestimmte Pflichten?

Dies würde beispielsweise der amerikanische Philosoph Robert Goodin bejahen, der schon seit einigen Jahrzehnten dafür argumentiert, Verletzlichkeit als die primäre Quelle moralischer Verantwortung anzuerkennen. Ihm zufolge haben wir als Individuen wie auch der Staat die Pflicht, diejenigen zu schützen, die in besonderer Weise gegenüber unseren Handlungen und Entscheidungen verletzlich (und von uns abhängig) sind. Der Begriff des Schutzes ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig: Für Goodin ist die moralisch adäquate Reaktion auf Verletzlichkeit Schutz. Übertragen wir seinen Ansatz auf die heutige Situation und auf die verschiedenen Verletzlichkeiten würde dies bedeuten, dass:

1) die inhärente Verletzlichkeit wirksame Schutzmassnahmen vor dem Coronavirus gebietet,

2) die situative Verletzlichkeit unter anderem wirksame (und grosszügige) wirtschaftliche Hilfe zum Schutz derer, die um ihre Existenz bangen, gebietet – nicht zuletzt, um so

3) die Entstehung von pathogener Verletzlichkeit zu vermeiden.

Schutz hat aber auch etwas mit Behutsamkeit zu tun. Möchten wir diesen verschiedenen Formen von Verletzlichkeit auch im Alltag gerecht werden, könnten wir uns alle, denke ich, etwas mehr Behutsamkeit verordnen, etwa im Umgang mit trauernden Angehörigen, mit leidenden Covid-19-Langzeitgeschädigten, aber auch mit verzweifelten Gastwirten oder frustrierten Jugendlichen. Denn ob inhärente oder situative Verletzlichkeit erfahren wird – sie verschlimmert sich, wenn ihr mit Gleichgültigkeit, Leugnung und Kaltherzigkeit begegnet wird.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.