«Überall Kampfeswillen»

Einige Branchen im Aargau sind sehr von der Krise betroffen, der Aargau als Ganzes aber weniger als die Schweiz. AIHK-Präsident Daniel Knecht zu den Perspektiven der Aargauer Wirtschaft.

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Schweiz am Sonntag

von Mathias Küng

Die Wirtschaftskrise hat auch den Aargau erreicht. Wie stark?

Daniel Knecht: Der Aargau ist von den weltweiten Entwicklungen mitbetroffen. Gottseidank trifft es ihn im Vergleich mit der ganzen Schweiz dank besonderen Umständen etwas weniger.

Welche besonderen Umstände?

Der Aargau ist Sitz des «Energieclusters». Hier werden viele Energieerzeugungs- und Übertragungmaschinen hergestellt. Diese Firmen sind im Quervergleich nach wie vor sehr gut aufgestellt und ausgelastet. Sie können ihre Zulieferer weiterhin gut beschäftigen. Deshalb spüren wir in unserem Kanton den in einigen Bereichen starken Rückgang im Durchschnitt weniger stark.

Wen trifft es denn am härtesten?

Stark betroffen sind in erster Linie die exportabhängigen Betriebe, vorab der Maschinenbau, die Zulieferer der Automobilindustrie sowie Ausrüster von Automobilfabriken. Die letztgenannten erleben Umsatzeinbrüche von teilweise 50 bis 70 Prozent.

Die Binnenwirtschaft scheint bisher glücklicherweise weniger betroffen?

Das regionale Gewerbe läuft noch stabil und ist erfreulich auf Kurs. Dies auch, weil das Konsumentenvertrauen noch gut ist. Wir haben ja auch keine so exorbitante Verschuldung der Privathaushalte wie in den USA und wir haben keine Immobilienkrise. Im Durchschnitt haben wir nicht über unsere Verhältnisse gelebt. Deshalb besteht hier noch ein gewisses Reservoir. Zusätzlich wirken die automatischen Stabilisatoren.

Was meinen Sie damit?

Vor allem das Hilfsmittel der Kurzarbeit. Firmen, die unter Druck sind, wollen nicht einfach Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abbauen, sondern im Gegenteil, sogar fast à tout prix, ihre Leute halten. Denn die Industrie arbeitet mit hochspezialisierten Leuten. Wenn diese abgebaut werden, riskieren die Firmen, dann, wenn der Aufschwung einsetzt, Leute suchen und aufwändig neu einarbeiten zu müssen.

Welche Möglichkeiten haben die von der Krise hauptbetroffenen Firmen?

In Gesprächen sehe ich, wie innovativ sie die Krise angehen. Wo beispielsweise Kurzarbeit unumgänglich ist, wird nur der Produktionsbereich erfasst. Der Verkauf, meist auch Forschung und Entwicklung laufen voll weiter, meist auch der Verkauf. Unternehmer im Exportbereich sagten mir schon, es habe ja nicht immer derart aufwärts gehen können. Vielleicht habe es den jetzigen Schock sogar gebraucht, um innovativer zu werden und neue Pfade zu gehen. Ein Unternehmer - in seinem Bereich Weltmarktführer - hat mir gesagt, für ihn sei die Krise ein Signal: Zurück an die Zeichenbretter und neue Produkte entwerfen! Wir reden die Krise nicht schön, aber ich spüre nirgendwo Weltuntergangsstimmung. Im Gegenteil: Die Unternehmer zeigen einen beeindruckenden Kampfeswillen.

Ist zu befürchten, dass es die Binnenwirtschaft später auch trifft?

Die Krise wird sich auch hier fortpflanzen, sofern nicht innerhalb eines halben Jahres eine Wende zum Positiven einsetzt. Wenn es überall regnet, ist es schwierig, nicht nass zu werden. Auch bei einem Wiederaufschwung wird sie mitbetroffen sein. Wir wissen aber nicht, wann und wie stark. Ich hoffe, dass es moderat ausfällt. Es ist weiter zu bedenken, dass die Industriebetriebe, die jetzt Kapazitäten herunterfahren, nachher erst Sauerstoff tanken müssen, bevor sie wieder auf dem Markt als Nachfrager auftreten können.

Was erwartet die Wirtschaft in der jetzigen Situation von der Politik?

Die Stützung der stark betroffenen Exportwirtschaft ist schwierig, da die Stützungseffekte in unserer offenen Volkswirtschaft ins Ausland verpuffen. Der Staat kann ja nicht Exportprodukte auf Vorrat kaufen! Wichtig ist aber, den zu starken Franken auf ein faires Wechselkursniveau zum Euro zurückzuführen (das macht und versucht die Nationalbank). Wir suchen keinen kurzfristigen Aktionismus, dafür stabile und berechenbare Rahmenbedingungen und keine Schuldenwirtschaft. Binnenwirtschaft und auch der Bau laufen ja noch stabil. Wichtig ist, dass die angedachten Infrasturkturinvestitionen und die präventive Beplanung und Vorbereitung solcher für die weitere Zukunft durchgezogen werden.

Braucht es Verschrottungsprämien oder andere Fördermassnahmen?

Wir haben keine eigene Automobilindustrie, nur Zulieferer. Somit würde diese Prämie vorwiegend im Ausland verpuffen. Wenn Fördermassnahmen, dann im Investitionsbereich wie zum Beispiel für die Nachrüstung des Gebäudeparkes. Das ist das Gescheiteste, das wir derzeit machen können. Damit treffen wir drei Fliegen auf einen Schlag: Es ist beschäftigungswirksam, wir tun etwas für den Umweltschutz und entlasten erst noch unsere Aussenhandelsbilanz, weil wir weniger Energie importieren müssen. Im Moment braucht es im Aargau nach unserem Ermessen aber noch kein Konjunkturförderungsprogramm.

Die Arbeitslosenzahlen steigen. Eine weitere Sorge ist, dass Schul- und Lehrabgänger auf der Strasse stehen.

Laut bisherigen Rückmeldungen der Firmen werden etwa so viele Lehrverhältnisse beschlossen wie früher. Auch der Lehrstellennachweis des Kantons zeigt das. Hier wird also nicht abgebaut. Es ist aber möglich, dass der eine oder andere Lehrabgänger nicht weiterbeschäftigt werden kann. Das ist aber nicht nur negativ. Es kann auch eine Chance sein sein, sich weiter zu qualifizieren. Das eigentliche Problem sehe ich vor allem bei Schulabgängern, die keine weitere Qualifikation haben. Denn der Bedarf der Wirtschaft nach geringqualifizierten Arbeitskräften sinkt - unabhängig von der heutigen Krise.

Wievielen Lehrabgängern droht, danach ohne Stelle dazustehen?

Das kann ich noch nicht sagen. Es entscheidet sich erst im Herbst, wenn die Abschlüsse getroffen werden. Für Schulabgänger, die eine Lehre beginnen können, bin ich aber zuversichtlich. Noch einmal: Ich sehe einen grossen Willen der Unternehmer, Arbeitsplätze zu sichern und eine grosse Loyalität gegenüber ihren Mitarbeitern.