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ÜBERNAHMEKRIMI: Bienvenue chez Saint-Gobain

Seit Dezember steht der globale Riese aus Frankreich in den Schlagzeilen. Der schnelle Griff nach Sika wurde zum Marathon der Juristen. Wer ist der Baukonzern?
Das Bild zeigt eine Filiale des Baufachhändlers Outiz – einer Tochterfirma von Saint-Gobain. Die Marke besteht erst seit 2014. Handwerker bestellen online und holen die Ware ab oder lassen sie sich liefern. (Bild: pd)

Das Bild zeigt eine Filiale des Baufachhändlers Outiz – einer Tochterfirma von Saint-Gobain. Die Marke besteht erst seit 2014. Handwerker bestellen online und holen die Ware ab oder lassen sie sich liefern. (Bild: pd)

Ernst Meier, Paris

Aubervilliers, ein Vorort im Norden von Paris. Die Gemeinde ist dank Metro-­Anschluss mit dem Zentrum der Stadt an der Seine verbunden. In etwas mehr als einer halben Stunde ist man beim Eiffelturm. Touristen trifft man in Auber­villiers trotzdem keine. Die Gemeinde mit rund 80 000 Einwohnern ist ein Abbild des heutigen Frankreich. Vor einigen Jahren hat der Ort landesweit für Schlagzeilen gesorgt, nachdem zwei Kopftuch tragende Mädchen von der Schule verwiesen wurden.

Aubervilliers ist ein wichtiges Handelszentrum der Mode- und Wirtschaftsmetropole Paris. Gegen 3000 asiatische Grosshändler versorgen hier jährlich rund 12 000 Modehandelskunden aus ganz Europa. Dank Saint-Gobain ist Aubervilliers auch der Ort, den Bauunternehmer und Handwerker regelmässig besuchen.

Saint-Gobain ist der Stolz der französischen Wirtschaft. 350 Jahre Firmengeschichte feiert der Industriekonzern. 1665 legte König Ludwig XIV. mit der Gründung einer Spiegelmanufaktur den Grundstein zu Saint-Gobain. Seither gehört das Unternehmen zu Frankreich wie die Baguette. Saint-Gobain ist ein multinationaler Konzern, zu dem über 900 Tochterfirmen mit über 180 000 Angestellten in 64 Ländern gehören. Autofrontscheiben, Spezialglas, Hochleistungskunststoffe, Glaswolle, Mörtel, Zement, Verpackungen und Baufachhandel es gibt kaum einen Bereich der Bauwirtschaft, den Saint-Gobain nicht abdeckt.

Fehlendes Wachstum

An der Börse kommt der Konzern aber seit Jahren nicht vorwärts. «Ein träger Riese, wenig sexy für Anleger», heisst es in Analystenkreisen. Pierre-André de Chalendar, CEO und Präsident von Saint-Gobain, will den Traditionskonzern deshalb umbauen. Sein Ziel: Saint-Gobain soll zum «Referenzunternehmen in der nachhaltigen Lebensraumgestaltung» werden. Der 57-Jährige will sich zunehmend vom Kerngeschäft, der Glasverarbeitung, lösen und das Unternehmen stärker auf das hochmargige Bauzusatzgeschäft fokussieren. Deshalb wurde im Juni Verallia verkauft. Die Tochterfirma produziert unter ande­rem die Champagnerflaschen für Dom-Pérignon sowie die Nutella-Gläser. Der US-Finanzinvestor Apollo hat Verallia für 2,95 Milliarden Euro geschluckt. Mit dem Verkauf trennt sich Saint-­Go­bain von 10 000 Mitarbeitern, die 2014 einen Jahresumsatz von 2,39 Milliarden Euro sowie einen operativen Gewinn von 230 Millionen Euro erwirtschafteten.

Neues Wachstum soll bald Sika liefern (17 000 Mitarbeiter, Umsatz 2014: 5,6 Milliarden Franken, operativer Gewinn: 633 Millionen Franken). Laut ursprünglichem Fahrplan sollte der Baarer Bauchemiespezialist um diese Zeit bereits zu Saint-Gobain gehören. Doch der Wider­stand der unabhängigen Sika-­Verwaltungsräte sowie die Zuger Gerichte machten einen Strich durch die Rechnung. Nächster Etappenort im Wirtschaftskrimi ist die ausserordentliche Generalversammlung vom 24. Juli in Baar.

Charmeoffensive von de Chalendar

Zurück nach Aubervilliers. Hierhin hat Pierre-André de Chalendar eine auser­wählte Schar von Schweizer Journalisten geladen. Der mächtige Franzose fühlt sich in Sachen Sika falsch verstanden und in ein schlechtes Licht gerückt. Management und Belegschaft von Sika wehren sich gegen eine Übernahme. Drittgutachten, Bankanalysten und auch die Finanzpresse schreiben von «mangelnder industrieller Logik» und einer «Transaktion zum Nachteil der Sika-Aktionäre». Die «Finanz und Wirtschaft» schrieb gar: «Die Franzosen haben nichts Gutes vor mit dieser Firma.»

Bevor es zum Treffen mit Pierre-André de Chalendar kommt, bietet der Franzose den Gästen aus der Schweiz einen ausführlichen Einblick in die Konzernsparte Baufachhandel. Gleich drei verschiedene Filialen der Einkaufshäuser für Handwerker, die zum Saint-Gobain-Konzern gehören, findet man in Aubervilliers in unmittelbarer Nähe voneinander. «Point.P Matériaux de Construction» hier kauft das Baugewerbe alles, was man für einen Neubau oder eine Renovation benötigt; vom Zement über Schrauben und Nägel bis zum Isoliermaterial. Geschultes Personal informiert über Sanierungsmöglichkeiten von Häusern. Mittels Computerprogramm wird die Energieeinsparung berechnet, gleichzeitig zeigt es die Steuerersparnis an – staatlichen Förderprogrammen sei Dank.

«La Plateforme du Bâtiment» und «Outiz» heissen die anderen beiden Baumaterialhändler unter dem Dach von Saint-Gobain. Die «Plattform» ist ausschliesslich Baufachleuten vorbehalten. Maurer, Maler, Elektriker, Schreiner ihnen allen wird ein schneller, professioneller und preiswerter Service versprochen. «Outiz» besteht erst seit 2014 und setzt ganz auf E-Commerce. Bestellt werden die Baumaterialien online. Die Kunden können die Ware innert 24 oder 48 Stunden abholen, nach Hause oder auf eine Baustelle liefern lassen.

Mit über 4400 Filialen und mehr als 63 000 Mitarbeitern ist Saint-Gobain im Baufachhandel in 27 Ländern tätig. 40 Prozent des Konzernumsatzes von 41 Milliarden Euro kommen heute aus den Fachmärkten. Zum Mittagessen lädt Pierre-André de Chalendar ins firmeneigene Innovationszentrum Domo-Lab. Dieses befindet sich in einem ehemaligen Lagerhaus des Forschungszentrums in Aubervilliers.

De Chalendar: «Ich habe Zeit»

Über Sika wolle er nicht gross reden, sagt der Konzernchef bestimmt. Ziel seiner Einladung sei es, zu zeigen, dass Saint-Gobain «ein führendes und innovatives Unternehmen der Bauindustrie ist». Der Übernahmestreit, der in der Schweiz seit acht Monaten ein Dauerthema ist, wird dann aber doch zum Thema Nummer 1.

An den Qualitäten von Saint-Gobain zweifelt keiner der Anwesenden. Vielmehr sorgt die Ungleichbehandlung der Aktionäre für Fragen. «Die Statuten haben dies so geregelt. Wir sind nicht verpflichtet, allen ein Angebot zu unterbreiten», wiederholt de Chalendar bekannte Aussagen. Er sieht kein Problem darin, Sika künftig zu führen. «Die Publikumsaktionäre werden weiterhin mit starken Persönlichkeiten im Verwaltungsrat vertreten sein», verspricht er. Die Verzögerungen durch die Rechtsfälle würden ihn nicht beunruhigen, sagt der Franzose mit einem Lächeln: «Ich bin sehr geduldig. Saint-Gobain ist ein langfristig orientiertes Unternehmen. Uns gibt es seit 350 Jahren, und wir haben weiter Zeit.»

Er sei jederzeit bereit, mit dem Sika-Verwaltungsrat über die künftige Governance des Unternehmens zu sprechen, sagt er vor der Verabschiedung. Auf die drei Vorschläge des Verwaltungsrates werde er aber keinesfalls eingehen (siehe Box). «Wir haben einen unterschriebenen Verkaufsvertrag mit der Familie Burkard. Fertig.» Die Fronten bleiben somit unverändert.

Drei Angebote der Sika-Chefs

Die unabhängigen Sika-Verwaltungsräte stellen sich auf den Standpunkt, dass ein Verkauf der Sika-Kontrollmehrheit der Erbenfamilie Burkard nur mit ihrer Zustimmung möglich sei. Entsprechend wehren sie sich gegen den Vollzug des Verkaufsvertrages zwischen Saint-Gobain und den Burkards. Ob dem so ist, müssen die Gerichte entscheiden. Der Rechtsstreit kann bis zu zwei Jahre andauern. Der Sika-VR hat drei Lösungsvorschläge ausgearbeitet: 1. Saint-Gobain zieht sich zurück. Die Familie gibt ihre Kontrollmehrheit ab, indem eine Einheitsaktie geschaffen wird. 2. Saint-Gobain verkauft nach einer Übernahme von Sika ihr Mörtelgeschäft an Sika und erhöht mit dem Erlös den Aktienanteil an Sika. 3. Saint-Gobain macht allen Aktionären ein Übernahmeangebot.

Sika-Produkte gibts bereits heute in Saint-Gobain-Baumärkten. (Bild: Ernst Meier)

Sika-Produkte gibts bereits heute in Saint-Gobain-Baumärkten. (Bild: Ernst Meier)

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