ÜBERNAHMEN: Zweifelhafter Boom im Firmenmarkt

2016 wird ein Rekordjahr in Bezug auf Firmenübernahmen. Der Wirtschaft schadet dies mehr, als dass es hilft. Es könnten mehr Stellen abgebaut werden.

Daniel Zulauf
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Proteste gegen die Grosskonzerne Monsanto und Syngenta. Bild: Georgios Kefalas/Keystone (Basel, 21. Mai 2016)

Proteste gegen die Grosskonzerne Monsanto und Syngenta. Bild: Georgios Kefalas/Keystone (Basel, 21. Mai 2016)

Das Übernahmekarussell dreht schneller und schneller. Weltweit wurden in den ersten elf Monaten des ausklingenden Jahres 43 368 Akquisitionen oder Fusionen angekündigt. Damit ist der Rekordwert aus dem Jahr 2007 bereits übertroffen (siehe Grafik). Die Deals sind jüngst zwar etwas kleiner geworden, was den Wert der involvierten Unternehmen anbelangt. Aber zahlenmässig nehmen sie laufend zu. Mehr als 600 Transaktionen kamen im bisherigen Jahresverlauf mit Schweizer Beteiligung zu Stande. Zwar repräsentiert allein die im Februar angekündigte Übernahme des Basler Saatgutherstellers Syngenta durch den Staatskonzern Chemchina rund 60 Prozent des zugrunde liegenden Deal-Volumens von insgesamt 76 Milliarden Dollar. Doch das ändert nichts am Gesamtbild. Im Gegenteil: Die Statistiken, wie sie die Credit Suisse diese Woche vorgelegt hat, lassen erkennen, dass die Übernahmewelle mehr und mehr in die Breite geht.

Den Investoren scheint das Spiel gar nicht zu missfallen. Die Lonza-Aktionäre zeigten sich in der letzten Woche zunächst zwar etwas erschrocken, als das Basler Chemieunternehmen sein Interesse an der grössten Akquisition in der Firmengeschichte bestätigte. Der Aktienkurs fiel zeitweise um mehr als 10 Prozent. Inzwischen hat man sich aber auf den 5,5-Milliarden-Dollar schwe­ren Einkauf des amerikanischen Kapselherstellers Capsugel geeinigt, und bei den Investoren kehrt die Zuversicht zurück. Zwei Drittel des anfänglichen Verlustes sind bereits aufgeholt.

Ein höherer Preis für das Wachstum

Auch die Sanofi-Aktionäre zuckten nur kurz zusammen, als am Mittwoch das Gerücht die Runde machte, die Franzosen könnten im Werben um Actelion den abgesprungenen US-Konzern Johnson & Johnson mit einem astronomisch hoch anmutenden Gebot von 30 Milliarden Dollar überbieten.

Etwas Applaus heimste sich an der Börse auch der Baukonzern Implenia ein, als er am Freitag den Kauf der deutschen Bilfinger Hochbau bekannt gab. Zwar habe man das Unternehmen mit seinen 1000 Mitarbeitern und einer jährlichen Produktionsleistung von 500 Millionen Franken zu einem Preis «nahe Null» erworben, wie Finanzchef Beat Fellmann erklärte. Doch die andere Seite einer solchen Transaktion ist das Risiko, dass sich das Unternehmen im grossen deutschen Markt verrennen könnte. Auch hier winkten die Investoren ab und nahmen die Implenia-Titel bei leicht höheren Preisen aus dem Handel.

«Bei der Bekanntgabe von Fusions- und Übernahmetransaktionen gilt typischerweise die Konvention, dass der Aktienkurs des Käufers sinkt, während der Kurs der Zielgesellschaft steigt», sagt Jens Haas, der ab Januar in der Schweiz die Verantwortung für die Investmentbank der Credit Suisse trägt. Im Gegensatz zu dieser Konvention liessen sich im aktuellen Umfeld wiederholt die Situationen beobachten, in denen der Aktienkurs auf beiden Seiten steigt. «Ich werte das als Zeichen, dass die Investoren angesichts der tiefen Zinsen und der flauen Konjunktur bereit sind, für Wachstum ­einen höheren Preis zu zahlen», so Haas.

Extrem attraktive Bedingungen

In der Tat sind die gesamtwirtschaftlichen Wachstumsperspektiven insbesondere in Europa weiterhin sehr gedämpft. Gleichzeitig sorgen die Notenbanken mit ihrer Nullzinspolitik für extrem attraktive Finanzierungsbedingungen. «In der strategischen Planung vieler Unternehmen steht die Frage weit oben, ob man sich in diesem Umfeld nicht Wachstum durch Übernahmen oder Fusionen hinzukaufen sollte», so Haas. Gemäss einer im Oktober veröffentlichten Umfrage des Beratungsunternehmens EY planen derzeit drei von vier Grossunternehmen in der Schweiz eine Übernahme im Wert von über 250 Millionen Dollar in den nächsten zwölf Monaten.

Aus einer gesamtwirtschaftlichen Sicht ist der Übernahmeboom allerdings von einem höchst zweifelhaften Nutzen. Statt in neue Maschinen und Anlagen zu investieren, wie sich dies die Notenbanken erhoffen, werden Bestände an Produktionsanlagen umverteilt. Dadurch entstehen weder Wachstum noch neue Arbeitsplätze (siehe Interview). Eine Analyse der Beratungsfirma Deloitte zeigt, dass Übernahmen und Fusionen ein erhebliches Potenzial haben, Arbeitsplätze zu vernichten. Im Zusammenhang mit den 2015 weltweit angekündigten Fusionen und Übernahmen im Wert von 4700 Milliarden Dollar haben die Firmen ihren Aktionären Kosteneinsparungen von insgesamt bis zu 200 Milliarden Dollar jährlich versprochen. Wenig überraschend zeigen Untersuchungen, dass Firmenübernahmen in den Ländern mit stärker regulierten Arbeitsmärkten deutlich weniger häufig vorkommen. «Nach meiner Erfahrung haben Fusionen und Übernahmen grundsätzlich gut funktioniert, wenn sie in den beteiligten Unternehmen auch unterhalb der höchsten Führungsstufen wirklich gewollt waren», sagt Haas. Genau das muss man derzeit aber stark bezweifeln, denn wenn der Übernahmeboom ein Produkt der Nullzinspolitik ist, entspringt er zwingend einer rein finanziellen und nicht einer industriellen Logik.

Daniel Zulauf

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