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ÜBERSCHULDUNG: Chinas Wirtschaft boomt wieder

Erstmals seit 2010 fällt das Wirtschaftswachstum in China wieder höher aus als im Vorjahr. Die Grundprobleme aber bleiben: die hohen Schulden und die unzureichende Umstrukturierung bei den Staatsunternehmen.
Felix Lee, Peking
Chinas Einzelhandelsumsatz wuchs 2017 um 10,2 Prozent. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg (Schanghai, 6. November 2017))

Chinas Einzelhandelsumsatz wuchs 2017 um 10,2 Prozent. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg (Schanghai, 6. November 2017))

Felix Lee, Peking

Mit Chinas Wirtschaft ging es auch in den vergangenen Jahren bergauf. Es wurde eifrig gebaut, die Löhne stiegen, ebenso Kaufkraft und Industrieproduktion. Von einem Boom mit zweistelligen Wachstumsraten wie in den zwei Jahrzehnten davor kann aber keine Rede mehr sein. 2016 lag das Plus bei 6,7 Prozent, das kleinste seit 26 Jahren. Doch 2017 ist das chinesische Wachstum erstmals seit acht Jahren wieder höher ausgefallen als im Vorjahr.

Wie das Statistikamt in Peking gestern mitteilte, legte das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 6,9 Prozent zu. Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt wuchs damit mehr als dreimal so schnell wie Deutschland, das auf 2,2 Prozent kam. «Die nationale Wirtschaft hat den Schwung einer stabilen und soliden Entwicklung aufrechterhalten und die Erwartungen übertroffen», erklärten die Statistiker.

Schuldenlast Chinas liegt bei 256 Prozent des BIP

Die guten Konjunkturdaten dürften auch die chinesische Regierung überrascht haben – doch keineswegs nur im positiven Sinne. Sie hatte für 2017 ein Wachstum von 6,5 Prozent vorgegeben. Aus gutem Grund: Seit Jahren schwört sie das Land auf langsameres Wachstum ein. Denn Chinas Boom bis 2012 war nicht zuletzt einer investitionsgetriebenen Expansion geschuldet. Diese Wirtschaftspolitik hatte zwar jede Menge neue Fabriken, Hochhäuser und Autobahnen geschaffen. Sie trug allerdings auch zu Überkapazitäten, Umweltverschmutzung, zu leer stehenden Hochhäusern, einer zu einseitigen Ausrichtung auf die Schwerindustrie und massiven Verschuldungen der Kommunen und Provinzen bei. Von einer solchen wirtschaftlichen Entwicklung wollte sich China eigentlich verabschieden. Stattdessen plante man, den lange Zeit schwächelnden Konsum im eigenen Land zu stärken, den Dienstleistungssektor auszubauen und auf mehr Hightech zu setzen. Eine solche Schwerpunktsetzung hätte automatisch das Wirtschaftswachstum verlangsamt.

Ökonomen bewerten die jüngsten Konjunkturdaten ebenfalls mit gemischten Gefühlen. Zu den Wachstumsgaranten zählte 2017 zwar der private Konsum. Der Einzelhandelsumsatz wuchs um 10,2 Prozent, während die Industrieproduktion um 6,6 Prozent zunahm. Der Plan der Regierung, die Binnenwirtschaft zu stärken, scheint damit aufzugehen. Zudem profitiert China nach Ansicht von Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, von «der anziehenden Weltwirtschaft». Doch zugleich warnt der Ökonom: «So gut die Wachstumszahl 2017 aussieht, Probleme gibt es ebenso. Vor allem Chinas hohe Schulden bereiten ihm und anderen Ökonomen Sorge. Die gesamte Schuldenlast der Volksrepublik liegt nach Angaben der Bank für internationalen Zahlungsausgleich bei inzwischen 256 Prozent des Bruttoinland­produkts. «Der Schuldenberg des Privatsektors, insbesondere der Unternehmen, nimmt schwindelerregende Ausmasse an», warnt Gitzel. Auch der Internationale Währungsfonds hat zuletzt gewarnt, Chinas starkes Wachstum werde durch neue Schulden erkauft.

Experten rechnen 2018 mit niedrigerem Wachstum

Ökonomen zufolge stellt der hohe Schuldenstand ein Risiko für die gesamte Weltwirtschaft dar. Banken drohten Zahlungsausfälle, sollte es zu Zusammenbrüchen von Unternehmen kommen, was wiederum zu einer Finanzkrise führen könnte. Um das zu verhindern, müssten eigentlich viel mehr unrentable Betriebe vor allem des riesigen Staatssektors geschlossen werden. Doch das scheut die chinesische Führung – offenbar aus Furcht vor sozialen Verwerfungen.

Chinas Wachstum dürfte Experten zufolge 2018 wieder niedriger ausfallen. Ökonom Frederik Kunze von der NordLB rechnet «nur noch mit einem Plus von 6,4 Prozent». Er stützt seine Einschätzung unter anderem auf die Erwartung, dass sich der Aussenhandel wieder abschwächt.

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