UHREN: Wo die Zeit speziell gepflegt wird

Die Schweiz hat wie kaum ein anderes Land der Welt ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Dafür brauchte es seit jeher präzise Zeitmesser.

Bernard Marks
Drucken
Teilen
Oliver Baer (oben) und Stefan Muri pflegen und restaurieren Turmuhren wie die historische Rathausuhr im Zytturm aus dem Jahr 1526. (Bild Nadia Schärli)

Oliver Baer (oben) und Stefan Muri pflegen und restaurieren Turmuhren wie die historische Rathausuhr im Zytturm aus dem Jahr 1526. (Bild Nadia Schärli)

Die Zeit in Worte zu fassen, daran haben sich schon viele Philosophen und Persönlichkeiten der Zeitgeschichte die Zähne ausgebissen. Nicht viele dieser Versuche gelangen. Ein Aphorismus, der das Verhältnis der Schweizer zur Zeit durchaus treffend beschreibt, ist derjenige des Zürcher Dichters und Romanautors Gottfried Keller (siehe Grafik). Schon ein Augenblick genügt, um eine Idee hervorzubringen, die wertvoller sein kann als das, was Menschen in einem Jahrhundert erschaffen können, so die Erkenntnis Kellers.

Das Bild von der speziellen Schaffenskraft der Schweiz belegen auch Studien: Die Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft rangiert zum Beispiel im Global Innovation Index 2014 auf Rang 1 vor Grossbritannien und Schweden. Die USA erscheinen hierbei erst auf Rang 6. Deutschland liegt abgeschlagen auf Platz 13, und Japan folgt auf Platz 21.

Respekt dem Nächsten gegenüber

In kaum einem Land gilt die Zeit und der pünktliche Umgang mit ihr so viel wie in der Schweiz. «Hierzulande wird Zeit sehr bewusst gepflegt», bestätigt der Luzerner Unternehmer Stefan Muri (52). Das habe etwas mit dem Lebensgefühl der Schweizer zu tun und mit einem gewissen Respekt dem Nächsten gegenüber. «Denn dessen Zeit ist ebenso wertvoll wie die eigene», sagt Muri.

Er muss es wissen, schliesslich hat der gelernte Uhrmacher in seinem Beruf täglich mit der Zeit zu tun. Zusammen mit seinem Kompagnon Oliver Baer betreut er Kirchturmuhren in der ganzen Schweiz. Neben modernen Zeitmessern pflegen die beiden Luzerner auch historische Uhren. «Natürlich ist Zeit auch Geld», sagt Muri. Jede Minute des Tages zu nutzen und seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen, das gilt in der Schweiz seit jeher als Tugend. «Deshalb war es damals wie heute für Schweizer wichtig, dass man sich auf die Uhren verlassen konnte», sagt er. Man habe daher früh zuverlässige Zeitmesser gebraucht, um die wirtschaftlichen Abläufe des Alltags besser miteinander zu synchronisieren.

Geläut eine Minute vor den Kirchen

Die Geschichte der mechanischen Turmuhren reicht weit bis ins 14. Jahrhundert zurück. Von Italien aus verbreiteten sich die technischen Meisterstücke in Europa. Eine der ersten Turmuhren der Schweiz wurde in Luzern 1385 durch den Basler Uhrmacher Heinrich Halder am Graggenturm am Graben (heute Löwengraben) montiert. Die Uhr blieb dort aber nicht lange. 1408 wurde sie in den Zeitturm auf der Musegg verlegt. «Die Schiffe auf dem Vierwaldstättersee konnten sich so nach der Zytturm-Uhr richten», erzählt Muri.

Im Jahr 1535 erneuerte der Zürcher Uhrmacher Hansen Luter die Zytturm-Uhr. Die Stadt und Republik Luzern wollte ihre Macht demonstrieren, indem diese öffentliche Uhr die Stunde als Mass der Zeit vor allen anderen Kirchenglocken anzeigt. «Das ist heute noch so», erzählt Muri. Immer noch schlägt die Zytturm-Uhr vor allen anderen Uhren in der Stadt Luzern. Seit 1535 wird sie täglich vom Stadtuhrmacher von Hand aufgezogen. «Die Präzision dieser Turmuhr ist erstaunlich», schwärmt Muri. Die Zytturm-Uhr verliert lediglich zwei Minuten in einer Woche. Und das, obwohl jedes Teil handgefertigt und die Zahnräder mühevoll gefeilt wurden.

Die Uhr im Zytturm ist eine der wenigen Turmuhren aus der Spätrenaissance, die fast in ihrem Originalzustand erhalten sind. «Viele dieser Uhren sind im Laufe der Zeit achtlos fortgeworfen worden», erzählt Muri weiter. Sie dienten als Altmetall oder landeten irgendwo auf einem Dachboden. «Entsprechend wichtig ist heute die Pflege und Renovation der noch funktionierenden historischen Uhren», sagt Muri.

Viele Uhren gerettet

Einer, dem alte Turmuhren ebenfalls stark am Herzen liegen, ist Remo Ronchetti vom Verein Turmuhren Luzern. «Wir wollten so viele historische Uhren retten, wie wir konnten», sagt Ronchetti. Rund 1300 ehrenamtliche Stunden und 650 000 Franken investierte der ehemalige Bauingenieur in das Museum für Turmuhren. Neben der Zytturm-Uhr und acht weiteren historischen Uhren konnte der Verein auch die im Jahr 1526 gefertigte Rathausuhr renovieren lassen und damit vor dem Verfall retten. Ganz unten im Zytturm fand die Uhr eine neue Heimat (siehe Bild). Sie hat nur einen Zeiger und zeigt die Mondphasen an. Diese sehenswerte Turmuhr gehört zusammen mit der Zytturm-Uhr zu den ältesten ihrer Art in ganz Europa.

Auch wenn heute die Atomuhr in Frankfurt die Sekunden für unseren Alltag vorgibt, die Turmuhren von damals schlagen immer noch gemächlich. Trotzdem scheint es, als würde die Zeit immer schneller vergehen – besonders vor Weihnachten. «Deshalb ist es wichtig, über die Festtage einmal innezuhalten, aufzutanken und die Zeit zu geniessen», sagt Stefan Muri. Denn sicher ist, das neue Jahr hat bereits viele Aufgaben für uns bereit, die gelöst werden müssen. Auch für die Muribaer AG, die hoffentlich noch viele dieser alten Turmuhren retten kann.

Bernhard Marks